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Corona als Strafe und die Impfung als Tool des Teufels: Wie ICF und Co. die Seuche sehen

18.09.2021, 08:07

Das Coronavirus ist primär ein medizinisches Phänomen, doch die gesellschaftlichen und politischen Implikationen treiben uns ähnlich stark um. Je länger die Pandemie dauert, desto aufgeheizter wird die Stimmung in der Bevölkerung.

Pastor Leo Bigger glaubt, dass unsere gefallene, sündige Welt bereits unter dem Gericht Gottes steht.
Pastor Leo Bigger glaubt, dass unsere gefallene, sündige Welt bereits unter dem Gericht Gottes steht.
Bild: shutterstock/watson

Ausgerechnet die Corona-Impfung, die eigentlich zur Entspannung der Pandemie beitragen sollte, förderte die Koalitionsbildung und Aggression in der Bevölkerung. Zu den Impfverweigerern gehören auch viele Gläubige aus Freikirchen. Sie haben nicht epidemiologische oder politische Motive für ihre Haltung, sondern primär religiöse.

In die Schlagzeilen gerieten Freikirchen schon zu Beginn der Pandemie. Manche hielten die Schutzmassnahmen nicht ein und trafen sich unerlaubterweise in grosser Zahl zu ihren Gottesdiensten. Vor allem in Deutschland. Die Gläubigen hielten die Abstandsregeln nicht ein, die Glaubensgemeinschaften wurden zu Hotspots. Sie waren überzeugt, unter dem Schutz Gottes nicht ansteckbar zu sein. Ein fataler Irrtum.

Eine ähnliche Idee vertrat der Weihbischof Marian Eleganti, der in einem Video behauptete, Gläubige könnten sich über Hostien und Weihwasser nicht infizieren, da sie quasi gesegnet seien.

Weihbischof Marian Eleganti:

Eine neue Eskalationsstufe läutete die Impfung und schliesslich die Ausweitung der Zertifikatspflicht ein. Der Dachverband der Schweizer Freikirchen setzt sich mit dafür ein, dass religiöse Veranstaltungen von der Ausweispflicht befreit werden. Seine Argumentation: Gottesdienste seien ein Ausdruck der freien Religionsausübung.

Sich bei der Bewältigung der Pandemie auf religiöse Sprüche abzustützen, die Unbekannte vor 2000 Jahren aufgeschrieben haben, ist das eine. Dass Gläubige dabei Gefahr laufen, andere Menschen anzustecken, das andere.

Immerhin gab der Dachverband eine Impfempfehlung an seine Mitglieder heraus. Die Impfung sei «der effektivste Weg, die Pandemie einzudämmen», schrieb er.

Doch viele Gläubige befolgen den Rat nicht, wie Recherchen im freikirchlichen Umfeld zeigen. Zum gleichen Schluss kommt auch der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack. Er beobachtete bei vielen Freikirchen «eine starke Skepsis gegenüber den staatlichen Massnahmen», wie er in einem Artikel auf Herder.de festhielt.

Dabei spiele die Bibel eine herausragende Rolle. Pollack fasste die Stimmungslage bei impfskeptischen Gläubigen so zusammen: «Wir lassen uns nicht vorschreiben, was wir zu tun haben. Wir machen uns nicht abhängig von den irdischen Autoritäten.»

Corona als apokalyptisches Signal

Der tiefere Grund: Viele Freikirchler sehen in der Pandemie ein apokalyptisches Signal. Die Bibel prophezeit nämlich in der Endzeit Katastrophen, Plagen und Seuchen. Dogmatische Gläubige ersehnen die Wiederkunft von Jesus und die Erlösung. Die globale Pandemie nährt ihre Hoffnung.

Pastor Leo Bigger und seine Frau Susanne sehen in der Pandemie das Gericht Gottes.

Dabei konstruieren sie eine religiöse Variante der COVID-Verschwörungsidee: Sehen Rechtsradikale und viele Esoteriker die verschwörerischen geheimen Weltmächte in einer jüdischen Elite, glauben viele Gläubige, der Satan benutze die Pandemie, um ein Chaos auszulösen und seine Macht auszubauen.

Dabei sei die Impfung ein wichtiges Werkzeug. Der Antichrist werde schliesslich die Christenverfolgung inszenieren, wie sie in der Bibel vor der Endzeit prophezeit werde, glauben sie.

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Ist die Impfung ein Verrat an Jesus?

Viele Gläubige sehen also in der Impfung ein Werkzeug des Satans. Wer sich impfe, liefere sich ihm aus. Dies werten sie gleichsam als Verrat an Jesus.

Die Freikirche Chrischona in Liestal zum Beispiel listet unter dem Titel «Endzeit und Corona» die aktuellen Endzeit-Trends auf und zieht den Schluss: «Wenn diese Dinge zu geschehen beginnen, richtet euch auf und fasst Mut, denn dann ist eure Erlösung nahe.» Fazit der Freikirche: «Jesus Christus kommt wieder!»

Ähnlich der deutsche «Dienst der Busse und Heiligung», der an diesem Sonntag in Berlin zur Informationsveranstaltung «Die Endzeiterweckung – DER MESSIAS kommt!» einlädt.

Sagt die Bibel die Endzeit voraus?

Der Zürcher Senior-Pastor Leo Bigger vom Freikirchenverbund ICF («International Christian Fellowship») zitierte in seiner Predigt mit dem Titel «Ist Corona eine Strafe Gottes?» Lukas 21.11: «Es wird schwere Erdbeben geben und in vielen Teilen der Welt Hungersnöte und Seuchen.»

Bigger hat eine eigene Interpretation der COVID-Pandemie. Er glaubt, dass unsere gefallene, sündige Welt bereits unter dem Gericht Gottes steht, schliesslich könnten laut Bibel bestimmte Krankheiten oder Plagen ein Gericht Gottes sein. Ausserdem rufe Gott uns auf, uns auf das Gericht vorzubereiten.

Sich bei der Bewältigung einer globalen Pandemie auf religiöse Sprüche abzustützen, die Unbekannte vor 2000 Jahren aufgeschrieben haben, ist das eine. Dass Gläubige dabei Gefahr laufen, andere Menschen anzustecken, das andere.

Es scheint ihnen bei ihrem Glaubensverständnis aber zu entgehen, dass sie damit dem Antichrist in die Hände spielen. Denn jeder Infizierte wird in ihren Augen ein Opfer des Satans.

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Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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