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Vor dem Papst zu Gott zu beten, ist ein besonderes religiöses Erlebnis.
Vor dem Papst zu Gott zu beten, ist ein besonderes religiöses Erlebnis.
bild: keystone
Sektenblog

Warum will Gott, dass wir ihn anbeten und verherrlichen? Hat er die Hallelujas nötig?

Die Verherrlichung Gottes hat mehr mit den Glaubensgemeinschaften zu tun als mit Gott. Die Anbetung suggeriert eine Kommunikation mit dem Schöpfer.
21.07.2021, 12:49

«Halleluja» und «Lobpreis» sind vermutlich die von freikirchlichen Predigern und Pastoren am häufigsten verwendeten Begriffe. Die Verehrung Gottes ist das wichtigste Ritual von frommen Christen. Sie lobpreisen Gott in ihren Gebeten mit Inbrunst.

Aber auch in protestantischen und katholischen Kirchen gehört die Verherrlichung von Gott zum zentralen Glaubensinhalt. Ein paar Beispiele:

Eines der bekanntesten Kirchenlieder trägt den Titel «Grosser Gott wir loben dich». Die beiden ersten Strophen lauten:

Lobgesang in der Citygemeinde Karlsruhe.

Grosser Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit. Alles, was dich preisen kann, Kerubim und Serafinen, stimmen dir ein Loblied an, alle Engel, die dir dienen, rufen dir stets ohne Ruh': «Heilig, heilig, heilig!» zu.

Auch das Kirchenlied «Lobe den Herrn» gehört zum Standardrepertoire in den Gottesdiensten:

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, lob ihn, o Seele, vereint mit den himmlischen Chören.

Wenn Gläubige für Gott Zeugnis ablegen.

In der Bibel gibt es weit über 100 Stellen, in der die Anbetung Gottes thematisiert oder gefordert wird. In Matthäus 10,37 steht: «Wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich (Jesus), der ist meiner nicht wert.»

Auch die ersten drei Forderungen der zehn Gebote dienen der Verehrung Gottes. Bezeichnend ist denn auch die biblische Aussage, dass Gott uns zu seiner Ehre geschaffen hat. (Jesaja 43,7)

Fragt man Fromme, weshalb sie Gott verehren und lobpreisen, sagen sie in der Regel, er habe uns das Leben geschenkt, er behüte und beschütze uns auf den irdischen Pfaden und schenke uns das ewige Leben.

Nur: Hat Gott uns gefragt, ob wir ein Leben auf Erden erstrebenswert finden und als Geschenk annehmen möchten? Viele Menschen werden sagen, ihnen sei das Leben aufgezwungen worden. Menschen, deren Leben auf Erden die Hölle ist. Oder die Suizid begangen haben. Und davon gibt es weiss Gott nicht wenige.

Der deutsche Pastor Gunnar Engel über das Beten.

Auch Babys, die mit schweren Krankheiten auf die Welt kommen, mehrfach operiert werden und noch vor Erreichen des ersten Lebensjahres sterben, würden Gottes Geschenk wohl dankend ablehnen. Man kann ihnen auch nicht vorwerfen, gesündigt zu haben und deshalb von Gott bestraft worden zu sein.

Ob Gott uns Menschen beschützt, wie die Psalmen, Kirchenlieder und Prediger versprechen, darf mit guten Gründen angezweifelt werden. Wer tödlich verunfallt oder die Diagnose Krebs bekommt, fühlt sich kaum von seinem Schöpfer behütet.

Bleibt noch das ewige Leben. Der Glaube daran ist eben nur ein Glaube. Oder eine religiöse Hypothese. Beweise dafür gibt es nicht, und die Hinweise in der Bibel wirken nicht sonderlich plausibel. Denn das Alte und teilweise das Neue Testament zeichnen ein Weltbild, das mehr an Mythen und Legenden erinnert denn an das Wort Gottes.

Die Gläubigen suchen mit den inbrünstigen Anbetungen den spirituellen Kick und die emotionale Dusche. Die Gebete suggerieren, mit Gott kommunizieren und ihn erfahren zu können.

Es stellt sich die Frage, weshalb Gott die Huldigungen braucht. Ist sein Selbstwertgefühl derart unterentwickelt, dass er sich dauernd bestätigen lassen muss, der allmächtige Gott zu sein? Muss er mit den vielen Hallelujas bei Laune gehalten oder besänftigt werden?

Eigentlich müsste man meinen, dass Gott darüber steht, verehrt zu werden. Dass er es nicht nötig hat, laufend Lob einzufordern. Genau genommen müssten ihm die Huldigungen der sündigen Menschen peinlich sein.

Wahrscheinlicher ist, dass viele Menschen die Verherrlichung mehr brauchen als Gott. Die Gläubigen suchen mit den inbrünstigen Anbetungen den spirituellen Kick und die emotionale Dusche. Die Gebete suggerieren nämlich, mit Gott kommunizieren und ihn erfahren zu können.

Der eifersüchtige Gott

Seltsam ist auch, sich ein Leben lang für ein angebliches Geschenk zu bedanken. Ein einmaliges Dankeschön müsste doch reichen. Sonst ist es kein Geschenk, sondern erinnert an eine Schuld.

Vielleicht braucht Gott die Verehrung, weil er laut Bibel menschliche Züge zeigt, die bei uns Menschen eher unerwünscht sind. So will er nicht, dass wir uns ein Bild von ihm machen, «denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Geschlecht an den Kindern derer, die mich hassen, der aber Gnade übt bis ins tausendste Geschlecht an den Kindern derer, die mich lieben und meine Gebote halten». (Ex 20,4-6; Zürcher Bibel)

Aus psychologischer Sicht ist das ständige Lobpreisen von Gott problematisch und dient vorwiegend den Religionen und Glaubensgemeinschaften. Die permanente Verehrung unterminiert das Selbstwertgefühl der Gläubigen und fördert die Unterwürfigkeit.

Marienverehrung in Lourdes.
Marienverehrung in Lourdes.
Bild: AP

Das führt zu Angst und stärkt die Bindung, die oft in die Abhängigkeit mündet. Deshalb verlassen sich oft nicht mehr auf die eigenen Erfahrungen und Gefühle, sondern widmen ihr Leben Gott und delegieren ihre Entscheide an Geistliche, die sie als die Vertreter Gottes betrachten.

Und wenn es ganz dick kommt, opfern Gläubige ihr Leben Gott – als Märtyrer. Das ist dann die höchste Form der Verehrung. Ob diese gottgewollt ist, steht in den Sternen.

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Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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