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Das Ende der Zeit naht: Apokalyptische Visionen der Zeugen Jehovas

Armageddon - das jüngste Gericht
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Bruce Willis im Kampf gegen die Apokalypse im Film «Armageddon».Bild: buena vista
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Wacht auf, das Ende der Zeit naht: Apokalyptische Visionen der Zeugen Jehovas

Warum die Zeugen Jehovas keine konkreten Endzeittermine mehr kommunizieren und warum zumindest der Planet überleben wird.
01.06.2024, 08:0401.06.2024, 21:40
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Die Zeugen Jehovas sind Experten in Sachen Apokalypse und Endzeit. Sie glauben es zumindest. Hauptmotivation zur Gründung der christlichen Gemeinschaft Ende des 19. Jahrhunderts war die Überzeugung, dass das Ende der Menschheit naht und die Rechtgläubigen die Katastrophen und apokalyptischen Stürme überleben und die Gnade der Erlösung im Paradies erfahren werden. Nur sie.

Doch Gottes Plan folgte offensichtlich nicht den Sehnsüchten und Wünschen der ernsten Bibelforscher, wie sich die Zeugen früher nannten. Diese studierten das Buch der Bücher bis zum letzten Buchstaben und leiteten daraus den Zeitpunkt der Wiederkunft von Jesus Christus ab, begleitet von einem endzeitlichen Getöse.

Deckenfresko Himmelfahrt Jesu Christi, in der St. Sava-Kirche, Belgrad, Serbien, Europa *** Ceiling fresco Ascension of Jesus Christ in St Sava Church Belgrade Serbia Europe Copyright: imageBROKER/Sim ...
Der Sohn Gottes, Jesus Christus.Bild: imago stock&people

Ausser Spesen nichts gewesen

Inzwischen wissen wir, dass die Prognosen von Gründer Charles Taze Russell und seinen engsten Mitarbeitern eine kapitale Pleite war. Eigentlich hätte man einen Aufstand der Gläubigen erwarten können, denn diese hatten ihr Leben auf das nahe Ende ausgerichtet und wurden schliesslich in die Irre geleitet und manipuliert.

Doch weit gefehlt, die Endzeitverkünder erklärten, sie hätten nicht alle biblischen Zeichen und Hinweise richtig interpretiert. Statt sich bei den Gläubigen gebührend zu entschuldigen und zurückzutreten, starteten sie einen zweiten prophetischen Versuch.

Aber auch dieser ging gründlich in die Hosen. So wiederholte sich das endzeitliche Ritual ein paar Mal. Und stets mit dem gleichen Ergebnis: ausser Spesen nichts gewesen.

Oder waren es doch mehr als Spesen? Für die Gläubigen schon. Sie zahlten jeweils einen hohen Preis, mussten sie doch die apokalyptischen Ängste verarbeiten und das Leben neu sortieren. Denn etliche verzichteten angesichts der baldigen Endzeit auf Kinder oder eine berufliche Karriere, wie Aussteiger berichten.

Und wie sieht es heute aus? Wie andere Glaubensgemeinschaften, die letztlich auch an ein baldiges Ende der Zeit und die Wiederkunft ihres Heilandes glauben, prophezeien die Zeugen keinen konkreten Endzeittermin mehr. Vielmehr versuchen sie, ihre Endzeitsehnsucht zu verstecken oder in ein Geschenkpapier zu wickeln. Dieses ist allerdings durchsichtig, denn die Heilserwartung schimmert deutlich durch.

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Die Zeugen Jehovas prophezeien keinen konkreten Endzeittermin mehr.Bild: imago stock&people

«Hat unser Planet noch eine Chance?»

Das liest sich dann so, wie verschiedene Artikel in ihrer Zeitschrift «Erwachet» verraten. Einer trägt den Titel: «Hat unser Planet noch eine Chance? Was uns hoffen lässt».

Anhand der Ressourcen Wasser, Ozeane, Wälder, Luft kommt die Zeitschrift zum Schluss, dass unser Planet in einer Krise stecke. Gleichzeitig verbreitet sie Hoffnung: Die Erde sei widerstandsfähiger, als wir denken würden, denn «unser Planet wird überleben – Gott hat es versprochen».

Die Analyse der Zeugen: Die Schäden an unserem Planeten hätten ein solches Ausmass angenommen, dass natürliche Prozesse allein nicht ausreichten, um ihn zu retten. Deshalb könnten wir davon ausgehen, dass Gott es tun werde. Als Hinweis zitieren die Zeugen mehrere Bibelstellen.

Doch wann tritt Gott als Retter auf? Das lassen sie wohlweislich offen. Doch wenn man die Artikel zwischen den Zeilen liest, scheint es offensichtlich zu sein: Die himmlischen Wesen reinigen die Erde im Rahmen der Apokalypse. Denn die Zeugen glauben, dass sie unseren Planeten in ein Paradies verwandeln werden, in dem die Rechtgläubigen in Frieden und auf ewige Zeiten leben können.

"Aerial view of Planet Earth with clouds, horizon and little bit of space, make feelings of being in heaven. Dramatic clouds and orange sunlight all over the planet. Cloudscape and stratosphere f ...
Die Zeugen Jehovas sind überzeugt: Der Planet wird überleben.Bild: iStockphoto

Einen Hinweis auf diese Interpretation liefern die Artikel dann doch noch:

«Die Bibel sagt voraus, dass Jehova zu seiner festgelegten Zeit der Ausbeutung unseres Planeten ein Ende setzen wird (Offenbarung 11:18). Und sie verspricht, dass er den Planeten in ein vollständig intaktes Ökosystem umwandeln wird – in ein wunderschönes Paradies.»

Früher hielten sich die Zeugen Jehovas nicht zurück, wenn es um die Berechnung der Endzeit ging. Ein alter, undatierter Text in «Erwachet» trug den Titel: «Welche Prophezeiungen über die letzten Tage findet man in der Bibel?» Genannt werden «Kriege auf der ganzen Welt, Hungersnöte, schwere Erdbeben, Krankheiten, Kriminalität, Umweltzerstörung, Werteverfall, Familien zerbrechen, immer weniger Liebe zu Gott, religiöse Heuchelei» usw.

Der Artikel fragt schliesslich: Leben wir in den letzten Tagen? Die Antwort:

«Ja. Die Zustände in der Welt und auch die biblische Zeitrechnung zeigen, dass die letzten Tage 1914 begannen, das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg ausbrach. Im Jahr 1914 begann das Königreich im Himmel zu regieren. Eine der ersten Amtshandlungen bestand darin, den Teufel und die Dämonen aus dem Himmel zu verbannen und ihren Wirkungskreis auf die Erde zu begrenzen. Der Einfluss des Teufels wirkt sich negativ auf das Verhalten und die Einstellung der Menschen aus.»

Der Erste Weltkrieg ging zu Ende, ohne dass die Endzeit angebrochen war. Das trifft auch auf den Zweiten Weltkrieg zu. Heute ist es noch viel schlimmer, alle apokalyptischen Zeichen scheinen mehr als erfüllt.

Doch Gott schaut dem Treiben auf unserem Planeten tatenlos zu. Und der Teufel kann weiterhin sein Unwesen im Himmel treiben. Und auf der Erde sowieso.

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Hugo Stamm, Sektenblog
Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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599 Kommentare
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Raketenwissenschaftler
01.06.2024 08:25registriert Januar 2023
Das Problem mit Gläubigen Menschen ist, dass sie meinen, Gott werde es dann schon richten. Nur der Atheist erkennt, dass sich die Menschen selbst anstrengen müssen, um dieses winzige blaue Staubkorn in der endlichen Unendlichkeit des Universums und damit sich selbst zu retten.
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Don't look up!
31.05.2024 16:17registriert Juni 2021
Ich verstehe echt nicht, wie man heute noch solchen Typen zuhören kann, ohne in brüllendes Gelächter auszubrechen.
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Morricone
01.06.2024 11:36registriert Juli 2022
Mein gläubiger Nachbar, der jeden Sonntag in die Kirche geht und ein Kreuz um den Hals trägt, hat mir gesagt, dass man alle Flüchtlingsboote absaufen lassen sollte. Soviel dazu. Habe den Kontakt abgebrochen.
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