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Was passiert, falls Gott dein Leben schon programmiert hat?

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Was passiert, falls Gott dein Leben schon programmiert und deinen Todestag bestimmt hat?

16.12.2023, 08:04
Hugo Stamm
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Viele fromme Christen glauben, dass Gott einen Plan für alle seine Geschöpfe auf der Erde hat. In diesem Plan soll auch festgelegt sein, wie unser irdisches Leben Tag für Tag verläuft.

Das bedeutet: Alles, was uns passiert und was wir tun, hat einen tieferen religiösen Sinn. Nichts geschieht ohne Grund. Vor allem aber heisst es, dass wir alles so annehmen müssen, wie Gott es vorbestimmt hat. Wer sich gegen sein Schicksal auflehnt, lehnt sich in den Augen der frommen Christen gegen Gott auf. Und das nennt sich dann Sünde. Und kann im schlimmsten Fall mit der Verdammnis bestraft werden. Doch auch dies ist bereits im Plan Gottes festgelegt. Der Hund beisst sich also in den Schwanz.

In einem Interview mit dem deutschen freikirchlichen Sender ERF sagte es Professor Dr. Dr. Emmanuel Mbennah, ehemals Leiter des christlichen Hilfswerk World Vision, vor Jahren so:

«Ich bin zutiefst überzeugt, dass Gott einen Plan für jeden Menschen hat, eine göttliche Bestimmung. Ich glaube nicht, dass sich Gott am Kopf kratzt und sagt: ‹Mmmhhh, was fang ich jetzt mit diesem Menschen an?›»

Das weltweit tätige Missionswerk Emmaus, das vor allem Bibelkurse anbietet, vertritt eine ähnliche Einstellung: «Aus vielen Bibelstellen geht hervor, dass Gott einen Plan für unser Leben hat. Jeder Christ sollte ein Interesse daran haben, Gottes Plan für sein Leben zu erkennen.»

Den frommen Christen müsste zu denken geben, dass nicht einmal Jesus, dessen Geburt wir bald feiern, den Plan Gottes für sein Leben kannte. So rief er am Kreuz von Golgatha:

«Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.»

Diese deterministische religiöse Weltsicht hat fatale Konsequenzen. Jede Krankheit, jeder Unfall und jeder Schicksalsschlag ist somit gottgewollt. Gläubige, die beispielsweise von einem Auto angefahren werden und als Tetraplegiker im Rollstuhl landen, müssen den Unfall als Teil des Planes Gottes interpretieren. Und wenn sie ehrlich mit sich sind, müssen sie den Schicksalsschlag als Strafe Gottes sehen. Und als Prüfung, ob sie den Unfall demütig akzeptieren.

Der Glaube an den Plan Gottes hat auch für den fehlbaren Autofahrer moralische Konsequenzen. Er muss sich in keiner Weise schuldig fühlen. Im Gegenteil. Er hat ja nur mitgeholfen, den Plan Gottes umzusetzen. Schliesslich ist der Unfall bereits im göttlichen Regiebuch protokolliert.

Die Bibel führt dazu ein exemplarisches Beispiel an: Hiob. Der reiche Bauer aus dem Alten Testament ist eine der prominentesten Figuren der Bibel. So bekannt, dass wir ihm das geflügelte Wort von der Hiobsbotschaft widmeten.

Seine Geschichte ist aussergewöhnlich, ja spektakulär. Am Anfang steht eine Wette zwischen Gott und dem Teufel. Schon hier denkt man: Hoppla. Gott, ein Zocker? Und dies erst noch mit seinem Erzfeind, dem Satan!

Für Hiob sollte der Streit der Allmächtigen zum Schicksal werden. Gott wettete nämlich, dass Hiob sein Schicksal annehme, was immer ihm auch zustossen möge. Und dass der gute Bauer ihm treu bleibe, was immer auch passiere. Der Teufel lachte sich ins Fäustchen und packte sein ganzes Arsenal an Scheusslichkeiten aus.

Zuerst raffte er Hiobs 10’000 Nutztiere dahin. Trotzdem zürnte der gute Bauer nicht und lobte Gott weiterhin. Dann liess der Satan sein Haus einstürzen und sorgte dafür, dass seine zehn Kinder umkamen. Hiob nahm auch diesen Schicksalsschlag stoisch hin. Schliesslich liess der Satan schwere Krankheiten über den tapferen Mann Gottes kommen. Vergeblich, Hiob hielt weiterhin treu zu Gott, und Satan verlor die Wette.

Gott im Büro.
Gott im Büro.Bild: Shutterstock

Auf diese Weise müssen auch Christen reagieren, die an den lückenlosen Plan Gottes glauben und ein schweres Schicksal erleiden. Sie können nur hoffen, dass ihretwegen nicht zehn Kinder sterben müssen.

Es gibt noch andere Beispiele, die die Absurdität eines angeblichen Gottesplans entlarven. Die Vertreter dieser religiösen Idee müssten konsequenterweise auf jede gesundheitliche Vorsorge verzichten. Gott hat ja bereits bestimmt, wann ich sterben muss.

Springt man in den Kopf von Gott, wird es geradezu makaber. Nach dem Morgenessen beginnt sein Arbeitstag mit der Programmierung der frisch gezeugten Embryos. Er beschliesst, dass Jane aus Mexiko mit zwei Jahren an einem Kehlkopfkrebs stirbt. Der dreijährige Peter aus Ravensburg fällt in den privaten Swimmingpool und ertrinkt, der fünfjährige Juri wird im Ukraine-Krieg in Cherson von einem Granatsplitter getroffen und stirbt. Und, und, und.

Geht man von der Idee von den Plänen Gottes aus, hat der Schöpfer auch das Leben der Hamas-Terroristen vorbestimmt. Diese drangen am 7. Oktober ins gelobte Land ein und massakrierten 1200 Personen seines ausgewählten Volks.

Die Idee vom vorbestimmten Todeszeitpunkt geistert aber auch in vielen Köpfen ausserhalb eines strenggläubigen christlichen Milieus herum. Auch viele Ungläubige sind überzeugt, dass das Datum ihres Ablebens schon seit der Geburt feststeht. Sie kultivieren diese Vorstellung, um dem Tod ein wenig den Stachel zu nehmen. Frei nach dem Motto: Warum soll ich mich darum kümmern, wenn eh schon alles geregelt ist? Die Idee soll Trost spenden. Ausserdem kann man die Verantwortung für sein Leben ein Stück weit abgeben. Die Frage ist nur: An wen? Ausserdem sieht Selbstbestimmung anders aus.

Hinter dem Glauben an den lückenlosen Plan Gottes oder die Vorbestimmung des Todes versteckt sich auch eine grundsätzliche Angst vor dem Leben. Und es entsteht eine fatalistische Sicht auf die Welt, wie das geflügelte Wort zeigt: Es kommt, wie es kommen muss.

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Auch viele Esoteriker glauben an die Vorbestimmung. Sie sind überzeugt, dass die höheren geistigen Wesen oder göttlichen Instanzen den Lauf der Welt lenken. Viele haben auch die These von der Akasha-Chronik verinnerlicht, die besagt, dass alle vergangenen und zukünftigen Ereignisse darin festgehalten sind. Auch diese «Gläubigen» sind Meister im Verdrängen.

Sie blenden ebenfalls aus, dass das Leben eine endlose Verkettung von Ereignissen ist, auf die wir oft wenig Einfluss haben.

Da gefällt mir der Spruch «Hilf dir selbst, so hilft dir Gott» schon besser. Zumindest der erste Teil des Satzes.

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Hugo Stamm, Sektenblog
Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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1168 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Glücklich
16.12.2023 08:38registriert August 2022
‚ «Ich bin zutiefst überzeugt, dass Gott einen Plan für jeden Menschen hat, eine göttliche Bestimmung. Ich glaube nicht, dass sich Gott am Kopf kratzt und sagt: ‹Mmmhhh, was fang ich jetzt mit diesem Menschen an?›»

Ich glaube ja nicht an Gott aber schon nur die Aussage würde dann bedeuten, dass Gott für etliche Menschen ein grausames und für andere ein schönes Leben bestimmt hat.

Ein Umstand welcher mich an der ‚Güte und Fairness’ dieses ‚Etwas’ zweifeln lies.
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Rikki-Tiki-Tavi
16.12.2023 08:29registriert April 2020
Sag ich doch immer: wenn es ihn gäbe, wäre er unfähig, überfordert, grausam, zynisch und ungerecht.
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ursus3000
16.12.2023 08:12registriert Juni 2015
Was soll den passieren? Und was für einen Einfluss sollte es denn haben? Man sollte immer so leben, dass man morgen zufrieden abtreten kann
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