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Astrologen prophezeien Horrorszenarien. Lügen die Sterne wirklich nicht?

ein Kaninchen
Es will nur spielen.Bild: Shutterstock
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Nein, Riesenkaninchen haben keine Stadt gestürmt: Die Horrorszenarien der Astrologen

Von Nostradamus über Baba Wanga zu Monica Kissling: Das sind ihre fragwürdigen astrologischen Prognosen für 2023.
07.01.2023, 07:55
Hugo Stamm
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Quizfrage: Was haben die Planeten mit der Erde zu tun? Ganz einfach: Sie liefern die Grundlage für die jährlichen Fake News der Astrologen.

Ein Blick zurück auf die vergangenen zwölf Monate zeigt, dass die Sterndeuter mehr im Kaffeesatz gelesen als prophetisch in die Zukunft geschaut haben. Entweder gaben sie mehrdeutige Plattitüden von sich, oder sie produzierten Pleiten, Pech und Pannen.

Was soll’s, denken wohl viele. Das jährliche Ritual zum Jahreswechsel ist doch ein harmloses Gesellschaftsspiel mit einem Schuss Unterhaltung. Sie sehen die medialen Auftritte der Astrologen als Realsatire zum Schmunzeln. Diese Interpretation greift aber zu kurz. Ungünstige Prognosen können bei sensiblen Astrologie-Gläubigen und Esoterikern Ängste auslösen und zu psychischen Belastungen führen.

Die Sendung Quarks von ARD entlarvt die Astrologie.Video: YouTube/Quarks

Der wohl bekannteste «Seher» war Nostradamus (1503-1566). Um nicht von der Inquisition verfolgt zu werden, hat der Esoteriker seine Prognosen in Verse gegossen und verfremdet. Seither versuchen seine Anhänger, die kryptischen Vierzeiler zu interpretieren. Darunter finden sich apokalyptische Prognosen, die Leichtgläubige in Angst und Schrecken versetzen können.

Für das vergangene Jahr prophezeiten seine Interpreten, Paris würde belagert, die EU auseinanderbrechen und ein wichtiger Politiker sterben. Fake News vom Feinsten. Jahr für Jahr. Doch dies verunsichert seine riesige Fangemeinde weltweit kein bisschen. Einmal Nostradamus, immer Nostradamus.

Dass unsere Urahnen die Sonne als Gott angebetet und an die magische Kraft der Gestirne geglaubt haben, ist nachvollziehbar. Wer es heute noch tut, ignoriert die wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Hoch im Kurs ist momentan auch die «Hellseherin» Baba Wanga, die bei Astrologie-Gläubigen Kultstatus geniesst. Die 1996 gestorbene Bulgarin gilt neben Nostradamus als Star der Szene. Als Beobachter kann man nur den Kopf schütteln, wie eine unbedarfte, blinde Frau mit seltsamen spekulativen Prognosen eine solche Popularität erreichen konnte.

Baba Wanga schien Gefallen daran zu haben, Horrorszenarien zu prophezeien. Ihr Zuhause wurde zu Lebzeiten zu einem Pilgerort. Zeitweise reisten täglich mehrere hundert Gläubige zur angeblich heiligen Mutter.

Ihre Prophezeiungen lassen offenbar wie bei Nostradamus Vorhersagen für die Zukunft zu. So landen dieses Jahr angeblich Ausserirdische auf der Erde, und Russland soll die Ukraine mit Nuklearwaffen erpressen. Das Problem bei dieser Prognose: Den Ukrainekrieg hatte Baba Wanga nicht vorhergesehen. Wieso kann die verstorbene «Heilige» nun plötzlich Einzelheiten zum Ukrainekrieg prophezeien?

Lösen Sonnenstürme einen elektrischen Tsunami aus?

Weiter werde laut Baba Wanga ein «grosses Land» Menschenversuche mit Biowaffen durchführen und die Erde ihre Umlaufbahn verlassen oder verändern. Die Horrorvisionen der Bulgarin gipfeln laut ihren Erbverwaltern in Kernschmelzungen und Sonnenstürmen, die auf der Erde einen elektrischen Tsunami auslösen sollen. Dies würde bedeuten, dass Computer ausfallen und die Wirtschaft lahmgelegt wird. Verbunden mit Hungersnöten.

Baba Wanga ist mit ihren Fehlprognosen in guter Gesellschaft, wie die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) recherchiert hat. Sie analysierte die Prophezeiungen vieler Astrologen für 2022 und entlarvte unter anderem folgende Pleiten:

Die Riesenkaninchen kamen nicht

Roboter haben die Macht nicht wie vorhergesagt übernommen, Putin hat nicht abgedankt, und die prophezeiten Überfälle von Zombies fanden nicht statt. Das Schloss Neuenschwand ist nicht niedergebrannt, und die Riesenkaninchen haben keine Stadt überfallen.

Viele Medien bedienen ihre Leserinnen, Zuhörer und Zuschauerinnen mit Horoskopen und astrologischen Prognosen zur Jahreswende. Bei diesem Thema muss man ihnen den Vorwurf machen, vorsätzlich Fake News zu verbreiten, wenn auch vergleichsweise harmlose. Sie betrachten wohl die Horoskope als Unterhaltung. Für Astrologie-Gläubige können aber schlechte Prognosen Ängste auslösen.

Monica Kissling
Die Astrologin Monica Kissling blieb bei ihren Prognosen vage.Bild: PD/Rolf Neeser

Liebling der Schweizer Medien ist Monica Kissling. Die Astrologin hatte als Madame Etoile jahrelang eine prominente Plattform bei der SonntagsZeitung und auf SRF 3. Tele Züri setzt nach wie vor auf die Präsidentin des Schweizer Astrologenbundes. Beim kürzlichen Ausblick auf das Jahr 2023 gab sie sich handzahm.

Hatte sie früher konkrete Aussagen zu sozialen und politischen Aussage gemacht, blieb sie mit ihren aktuellen Vorhersagen auffällig vage. Sie hat offensichtlich von früheren Fehlprognosen gelernt. Nur: Um Plattitüden von sich zu geben, muss man keine Kenntnisse in Astrologie haben.

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Vorsichtige Prognosen

Ein Beispiel: Kissling sagte einen Umbruch im Klimaschutz voraus, weil Pluto in den Wassermann eintrete. Ab 2024 würden grosse technische Fortschritte erzielt, die uns unabhängig von fossilen Brennstoffen machen würden. Eine «Erkenntnis», die auch Primarschüler ohne astrologische Vorkenntnisse machen können, diskutiert zurzeit doch die ganze Welt darüber.

Zum Knatsch im Bundesrat befragt, sagte Kissling, das Horoskop der Wahl habe sehr viel Spannungen und einen Machtkonflikt gezeigt. Neue Erkenntnis für Laien: Auch eine Wahl hat ein Horoskop.

Weiter offenbarte Kissling, das Horoskop der Schweiz verspreche, dass nach Unstimmigkeiten im ersten Quartal eine gute Diskussionskultur im Bundesrat herrschen werde. Da die Sitzungen hinter verschlossenen Türen stattfinden, lässt sich dereinst der Wahrheitsgehalt der Vorhersage kaum prüfen.

Weit verbreiteter Aberglaube

Dass unsere Urahnen in den Höhlen die Sonne als Gott angebetet und an die magische Kraft der Gestirne geglaubt haben, ist nachvollziehbar. Wer es heute noch tut, ignoriert die wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Doch dieses Phänomen hat System: Die komplexe Realität überfordert viele Leute, weshalb sie gern in eine irrationale Parallelwelt flüchten, in der der Aberglaube zum Mass aller Dinge wird. Die Konten oder Astrologen, Esoteriker und Quacksalber freut es.

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Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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244 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Michael Bamberger
07.01.2023 10:15registriert Februar 2016
„Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“ (Mark Twain)
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Pflichtfeld ☝
07.01.2023 10:16registriert April 2018
„Glauben“ ist grundsätzlich ein Verhalten, um sich der Verantwortung zu entziehen. Eine Ausrede, um sich nicht mit Fakten befassen und sich der Realität stellen zu müssen. Ein Vermeiden von Hinschauen und sich gezielt mit sich selber und mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen. Er dient als Halt, der in in Wirklichkeit keiner ist.
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Jamaisgamay
07.01.2023 10:04registriert April 2016
Mal abgesehen davon, dass Astrologie eh Humbug ist: Durch Verschiebung der Rotationsachse der Erde in den letzten 2000J haben sich die Sternzeichen um einen Monat verschoben. Das wird von der Astrologie nicht berücksichtigt. Ihre Tierkreiszeichen haben also gar keinen realen Bezug zur aktuellen Sternkonstellation. 'Jungfrauen' sollten also vielleicht besser das Horoskop für 'Löwen' lesen ;-)
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Manche mögen's heisser ...
Hot Yoga war eine Tortur. Gelohnt hat es sich trotzdem. (Vielleicht.)

Als mir der Schweiss wie ein kleiner Wasserfall von der Nase lief, wie das früher bei meiner Grossmutter immer passiert ist, also nicht, dass sie so stark schwitzte, aber sie hatte immer, wirklich IMMER eine tropfende Nase, völlig egal, wie kalt, warm oder windstill es war, immer lief ihre Nase, da dachte ich, dass es die absolute bescheuerteste Idee war, in diesem Raum zu sein. Diesem sogenannten Hot Yoga. Bikram. Schwitz-dich-tot-Gymnastik. Keine Ahnung, was die richtige Bezeichnung ist. Kurz: Ich hasste es. Aber raus konnte ich auch nicht. Und erneut absagen wäre auch nicht drin gelegen. Immerhin habe ich es Hanna versprochen. Vor drei Jahren. Weil ich eine Wette verlor. Worum es in der Wette ging, wissen wir beide nicht mehr, aber was der Einsatz war, schon.

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