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RAF-Logo

Das Logo der linksextremistischen Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF). Bild: Wikimedia

Deutsche Terroristen im Jura

Im Dezember 1977 kommt es an der Schweizer Grenze zu einer Schiesserei zwischen Zöllnern und deutschen RAF-Mitgliedern. Plötzlich ist der Terror ganz nahe.

Hervé de Weck / Schweizerisches Nationalmuseum



Im September 1977 und März 1978 kommt es im Jura zu einer Reihe von rätselhaften und blutigen Ereignissen. Hartnäckigen Gerüchten zufolge besteht ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Aktionen, was sie noch beunruhigender macht.

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Drei Museen – das Landesmuseum Zürich, das Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis sind unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums vereint. 
Im Blog veröffentlichen Mitarbeiter des Nationalmuseums und renommierte Gastautoren Beiträge zu aktuellen Themen. watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen daraus. Der Beitrag «Deutsche Terroristen im Jura» erschien am 22. Dezember 2017. 
Mehr historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

Offiziersaspirant Rudolf Flükiger verschwindet in Bure, seine Überreste werden einen Monat später in Frankreich gefunden. In Fahy werden Grenzwächter von zwei deutschen Terroristen beschossen. Rodolphe Heusler, Korporal der Kantonspolizei, wird tot in Pruntrut aufgefunden und der Wirt eines Restaurants in Grandfontaine, Alfred Amez, wird tot in der Gegend von Lyon aufgefunden. 

In ihrer aktivsten Phase zählt die terroristische deutsche Baader‑Meinhof-Gruppe ein paar Dutzend Mitglieder. Die Frauen sind in der Mehrzahl und zeichnen sich durch besonderen Fanatismus aus. Dank Überfällen verfügt die Gruppe über beträchtliche finanzielle Mittel und zahlreiche Waffen.

In den Reihen von Studierenden wird intensiv Propaganda betrieben, mehrere westdeutsche Intellektuelle lassen sich zu Sympathiebekennungen verleiten. Die Gruppe ermordet führende Persönlichkeiten aus dem Wirtschafts- und Rechtswesen der Bundesrepublik Deutschland und entführt den Präsidenten des Arbeitgeberverbands Hanns Martin Schleyer. 

ARCHIVE --- VOR 40 JAHREN, AM 5. SEPTEMBER 1977, WURDE DER DEUTSCHE ARBEITGEBERPRAESIDENT HANNS MARTIN SCHLEYERVON EINEM KOMMANDO DER ROTEN ARMEE FRAKTION ENTFUEHRT. MIT DER ENTFUEHRUNG SOLLTEN INHAFTIERTE RAF-MITGLIEDER FREIGEPRESST WERDEN. DIE BUNDESREGIERUNG LEHNTE EINE FREILASSUNG AB UND SCHLEYER WURDE AM 19. OKTOBER WAEHREND DES SOGENANNTEN

Am 5. September 1977 entführt die RAF den deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Bild: DPA dpa

Schiesserei an der Grenze

Zwei Mitglieder der Roten Armeefraktion (RAF), Gabriele Kröcher-Tiedemann und Christian Möller, feuern am 2. Dezember 1977 am Grenzposten von Fahy acht Schüsse auf zwei Grenzwächter, die sie zu kontrollieren versuchen. Die zwei Terroristen gelangen zu ihrem Fahrzeug und fahren damit bis zum Eingang von Pruntrut; zu Fuss erreichen sie den Bahnhof, wo sie ein Taxi nehmen. Am Eingang von Delémont gelingt es der Polizei, sie zu verhaften. Sie sind in Besitz von Waffen, Munition und Landkarten der Region.

Vom Terror zum Raub – Die Rote Armee Fraktion (RAF)

Im Gepäck von Gabriele Kröcher-Tiedemann befinden sich Generalstabskarten italienischer Regionen, falsche Papiere, ein Plan der israelischen Botschaft in Brüssel, verschlüsselte Dokumente, ein Bericht über den Fall Schleyer, zwei Gewehre, ein Messer und 20'000 der zwei Millionen Dollar Lösegeld, die wenige Wochen zuvor für die Befreiung des österreichischen Industriellen Walter Michael Palmers geflossen sind. Es scheint, dass sich die beiden Terroristen zuvor in der Ajoie, in Luzern und in Zürich aufgehalten haben. Dem «Démocrate» aus Delémont zufolge verfügt die RAF im Norden des Berner Juras über eine Rückzugsbasis mit ein paar Sympathisanten. Dies sichert ihr finanzielle Mittel, Material, Waffen und den Kontakt zu Rechtsanwalt Payot, dem Vermittler zur deutschen Regierung. 

Gabriele Kröcher-Tiedemann (rechts) wurde 1975 durch die Entführung von CDU-Politiker Peter Lorenz freigepresst. Nach einer Schiesserei an der Schweizer Grenze wurde sie verhaftet und verbrachte einige Jahre im Gefängnis von Hindelbank (BE).

Gabriele Kröcher-Tiedemann (rechts) wurde 1975 durch die Entführung von CDU-Politiker Peter Lorenz freigepresst. Nach einer Schiesserei an der Schweizer Grenze wurde sie verhaftet und verbrachte einige Jahre im Gefängnis von Hindelbank (BE). Bild: Keystone

Richter erhält Drohbriefe

In der Region hat das Interesse am Fall Flükiger, an den deutschen Terroristen und am Tod von Korporal Heusler und Alfred Amez noch keineswegs nachgelassen, als der in die Untersuchung involvierte Richter anonyme Drohschreiben erhält, die zu verstehen geben, dass man seine Kinder im Visier hat. Sein Wohnsitz wird nachts von Polizisten überwacht, von denen später einer des Mordes an Rodolphe Heusler verurteilt werden sollte! Kontrolliert werden sie von niemandem: Einige vergessen ihren Auftrag und gehen in der Stadt auf Kneipentour, andere veranstalten am Überwachungsort derartige Trinkgelage, dass die Karosserie ihres Wagens am Morgen danach in Mitleidenschaft gezogen wird. 

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In einer rund 40-minütigen Sondersendung thematisierte die deutsche Tagesschau am 19. Oktober 1977 den Tod von Hanns Martin Schleyer. Video: YouTube/Meerrettichbrot

Zwei als Boulevard-Journalisten bekannte Mitarbeiter der Genfer Tageszeitung «La Suisse», die Journalisten Wisard und Noverraz, stellen den Tod von Aspirant Flükiger in einen engen Zusammenhang mit der Entführung des deutschen Arbeitgeberpräsidenten und der Schiesserei in Fahy. Ihren Schilderungen zufolge besagt ein Bericht des französischen Geheimdienstes, dass der Arbeitgeberpräsident durch die Schweiz transportiert worden sei. 

Auch wenn die Drehscheibe Schweiz-Frankreich-Deutschland ermöglicht, Lücken in der Zusammenarbeit zwischen den Geheimdiensten und Polizeien der drei Länder zu nutzen, waren die Risiken für den Transport Hanns Martin Schleyers von Deutschland nach Frankreich über die Region Sarreguemines–Karlsruhe geringer. Die französisch-jurassische Grenze mit ihren zahllosen unbewachten Übergängen birgt ein Problem, das den Terroristen sicherlich bekannt war: Auf dem Land besteht ein hohes Risiko, dass Einheimischen die Durchfahrt eines ausländischen Wagens zu ungewöhnlicher Tageszeit auffällt.

In der Zeit, in der sich Schleyer in der Gewalt seiner Entführer befindet, bemerkt ein Bewohner von Fahy, der gegen 23 Uhr aufgebrochen ist, um etwas in seinem Chalet an der Stelle namens La Fiatte zu holen, bei einer Scheune einen Mercedes mit deutschen Nummernschildern. Er ruft den Polizeibezirkschef in Pruntrut an, der ihm rät, ins Bett zu gehen. 

• 20.12.1977: Gabriele Kröcher-Tiedemann und Christian Möller eröffnen am Grenzposten von Fahy das Feuer auf zwei Grenzwächter. 
• 28.12.1977: Polizeiaktion in verschiedenen Höfen und Scheunen entlang der Grenze in der Ajoie. 
• 12.-13.01.1978: Explosion einer Granate in einem Büro des Obergerichts des Kantons Bern aus Protest gegen die Inhaftierung der zwei Terroristen. 
• 02.03.1978: Korporal Heusler von der Kantonspolizei Bern wird bei Pruntrut in einem heruntergekommenen, von Drogensüchtigen als Versteck genutzten Gebäude mit sechs Pistolenschüssen ermordet. Zwei anonyme Schreiben an die Polizei von Pruntrut fordern die Freilassung von Kröcher-Tiedemann und Möller. 
• 04.03.1978: Der Untersuchungsrichter erhält Drohungen. Sein Wohnsitz wird überwacht. 
• 12.-13.07.1978: Explosion eines Sprengkörpers im Berner Rathaus. 
• 13.10.1978: Attentat in Basel in Zusammenhang mit der Inhaftierung von Kröcher-Tiedemann und Möller.

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

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