
Kardinal Kurt Koch im Januar 2021.Bild: keystone
Sektenblog
08.10.2022, 09:3008.10.2022, 12:45

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Papst Franziskus war einst angetreten, um die verkrustete katholische Kirche aufzubrechen und in eine neue Ära zu führen. Die liberalen Katholiken hofften, der neue starke Mann im Vatikan würde bald Reformen anstossen, die über kosmetische Retuschen hinausgehen würden. Das war 2013.
Doch die Hoffnungen verpufften bald. Franziskus wurde älter und schwächer, sein Wille zur Veränderung – wenn er denn je existiert hatte – erlahmte zusehends. Doch dann rappelte sich der Papst auf und stiess die Aktion «Synodaler Weg» an. Er lud alle Gläubigen ein, ihre Gedanken, Ideen und Vorschläge zur Erneuerung der Kirche einzubringen.
Die fortschrittlichen Katholiken schöpften erneut Hoffnungen, dass sich die Kirche nun doch noch etwas bewege. Sie dachten vor allem an Themen wie Machtmissbrauch, Sexualmoral, ablehnende Haltung der Kirche zur Homosexualität, Zölibat und die Rolle der Frau. An Sitzungen und Hearings wurde die Kirche reformiert – zumindest auf dem Papier.
Die Rolle des «Heiden» Kaiser Konstantin
Doch vor ein paar Tagen zerstörte einer der ranghöchsten Kardinäle aus dem Machtzirkel der Kurie die Hoffnungen und Erwartungen jäh. Sein Name: Kurt Koch, seines Zeichens «Aussenminister» des Vatikans. «Unser» Kardinal holte zu einem Rundumschlag aus, der in der Kirche Deutschlands zu einem Erdbeben führte.
Ausgerechnet Kurt Koch, ist man geneigt zu sagen. Als Bischof (1995-2010) war er einst der Hoffnungsträger der liberalen Katholiken. Er gab sich offen und tolerant. Doch mit der Zeit entpuppte auch er sich als Hüter der reinen Lehre. Als ihn dann der Papst zum Kardinal ernannte und ihm die wichtigen Ämter «Ökumene» und «interreligiöser Dialog» übertrug, mutierte er endgültig zum Bewahrer und Eiferer. Angelangt im Zentrum der Macht verlor er den letzten Rest an Reformwille.
Zeugnis seiner geistigen Metamorphose legte Koch in diesen Tagen ab. Die sich abzeichnenden Forderungen der deutschen Katholiken nach einem radikalen Umbau hatte Koch in Alarmstimmung versetzt. In seinem heiligen Furor griff er zum wohl radikalsten verbalen Argument, der Nazikeule. Das ging so: In einem Interview mit dem erzkonservativen Blatt «Tagespost» vom 29. September 2022, dem letzten Tag der Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz, kritisierte er den Zeitgeist, der grossen Einfluss auf den synodalen Weg in Deutschland nehme. Koch wörtlich: «Denn diese Erscheinung hat es bereits während der nationalsozialistischen Diktatur gegeben, als die sogenannten Deutschen Christen Gottes neue Offenbarung in Blut und Boden und im Aufstieg Hitlers gesehen haben.»
«Halten wir fest: Köppel ist stolz auf Kardinal Koch, weil dieser die deutschen Katholiken mit der Nazikeule in den Senkel gestellt hat. Verrückte Zeiten.»
Kurt Koch ist ein intelligenter Mensch und reichlich gebildeter Theologe. Er habilitierte 1989 und wurde zum Honorarprofessor für Dogmatik, Ethik, Liturgiewissenschaft – was es nicht alles gibt! – und ökumenische Theologie an der Universität Luzern ernannt.
Wenn jemand mit diesem vollgepackten akademischen Rucksack zu einem Nazi-Vergleich greift, dann muss der religiöse Eifer seinen Verstand ordentlich vernebelt haben. Denn Kurt Koch ist nicht nur Ökumene-Minister der Kurie, sondern auch verantwortlich für den Dialog mit den Juden. Die Gesprächsbasis mit diesen dürfte der Kardinal damit arg strapaziert haben.
Der Aufschrei nach dem Nazi-Vergleich war denn auch entsprechend laut. Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, bezeichnete die Aussage Kochs als «völlig inakzeptable Entgleisung», auf den die Vollversammlung mit Entsetzen reagiert habe. Er verlangte von Koch eine Entschuldigung.
Doch Koch dachte nicht daran, sondern suchte sein Heil in Ausflüchten. Und er setzte noch einen darauf: «Ich muss wahrnehmen, dass Erinnerungen an Erscheinungen und Phänomene in der nationalsozialistischen Zeit in Deutschland offensichtlich tabu sind.» Bischof Bätzig konterte, Koch habe die Angelegenheit damit noch verschlimmert. «Er suggeriert nämlich, in Deutschland würden wir uns nicht dem schrecklichen Erbe des Nationalsozialismus stellen. Mit Entschiedenheit weise ich diese neuerliche Unterstellung zurück», sagte er. «Nicht wir errichten ein Tabu, vielmehr ist es angesichts der Opfer des Nationalsozialismus ein Tabu, Vergleiche mit nationalsozialistischem Denken, das zu eben diesen Opfern geführt hat, mit irgendeinem heutigen Denken anzustellen.»
Aus Kochs Äusserungen spreche die «pure Angst», dass sich in der katholischen Kirche etwas ändere, fügte der deutsche Bischof an.
Alarmiert zeigte sich auch der Antisemitismus-Beauftragte von Baden-Württemberg, Michael Blume. Er sagte laut kath.ch: «Die Gleichsetzung des um Reformen ringenden, synodalen Weges mit NS-Unterstützern zeigt, dass die Verrohung in Denken und Sprache auch Kardinäle erfasst hat. Papst Franziskus muss hier klare Konsequenzen ziehen, damit sein Kampf gegen Antisemitismus weiterhin glaubwürdig erscheint.»
Auch der frühere Abt von Einsiedeln, Martin Werlen, fand klare Worte: «Wenn ein grosser Theologe von der Tagespost, dem Ratzinger-Schülerkreis, kath.net und der Weltwoche gelobt wird, dann steht es nicht mehr gut um ihn.»
Der überraschende Hinweis auf den Zürcher SVP-Nationalrat und Chef der «Weltwoche» kommt nicht von ungefähr. Roger Köppel griff nämlich in seinem «Weltwoche Daily-Video» den Fall auf und schlug sich auf die Seite von Kardinal Kurt Koch.
Wörtlich sagte der Verleger und Journalist: «Wenn jetzt wieder damit angefangen wird, dass Zeitgeist-Phänomene heiliggesprochen werden, dass man diese LGBTQ-Bewegung gleichsam auf dem Altar anbetet, dann ist es bitter nötig und auch mutig und wichtig und selbstverständlich berechtigt, wenn Theologen, hochgeschulte Kurienkardinäle wie Kurt Koch – und das sage ich als Nicht-Katholik (…), dass Theologen mit Wasserverdrängung hier auftreten und sagen: Sorry, das ist die falsche Richtung. (…) Und da sage ich nun: Kardinal Kurt Koch hat recht, das ist nämlich eine Gefahr, das ist ein Missbrauch des Glaubens! (…) Und ich bin ein bisschen stolz, dass da ein Schweizer mit dem Warnfinger, mit dem Zeigefinger darauf hingewiesen hat.»
Halten wir fest: Köppel ist stolz auf Kardinal Koch, weil dieser die deutschen Katholiken mit der Nazikeule in den Senkel gestellt hat. Verrückte Zeiten.

Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig:
Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem
Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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