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Islamisten wollen Bibi am Galgen sehen.
Islamisten wollen Bibi am Galgen sehen.Bild: keystone
Sektenblog

Der Fall Asia Bibi zeigt, wie ein radikaler Glaube die eigenen Werte pervertiert

Die Pakistanerin sass wegen angeblicher Gotteslästerung fast acht Jahre im Gefängnis. Am Umgang mit ihr zeigt sich der radikale Kern der Religionen.
12.11.2018, 14:11

Fast täglich werden wir Zeuge, wie verhängnisvoll sich ein radikaler Glaube auf das Bewusstsein und die Persönlichkeitsentwicklung von Gläubigen auswirken kann. Aktuelle Ereignisse zeigen uns die zerstörerische Kraft, die von Religionen ausgeht, die ihren Glauben zum Massstab für das Leben schlechthin erheben.

Nur ein Beispiel: Die pakistanische Christin Asia Bibi erlebte am eigenen Leib, was religiöser Fanatismus anrichten kann. Sie wurde im Jahr 2010 nach einer harmlosen Auseinandersetzung mit muslimischen Frauen am Arbeitsplatz wegen angeblicher Gotteslästerung in die Todeszelle gesteckt. Ihre vermeintlich blasphemischen Äusserungen wurden offensichtlich konstruiert, es gab jedenfalls keine Beweise dafür.

Asia Bibi in einem Archivbild von 2010. 
Asia Bibi in einem Archivbild von 2010. Bild: AP/AP

In Pakistan steht auf Gotteslästerung die Todesstrafe. Bibi wurde von Islamisten unter Todesdrohungen ein Geständnis erpresst. Vor ein paar Tagen entschieden aber drei Bundesrichter, Bibi dürfe nicht hingerichtet werden, weil die Beweislage nicht ausreiche. Nach fast acht Jahren Haft!

Auch die Richter sollen hängen

Eigentlich hätte die Christin nun freigelassen werden sollen, doch der islamistische Mob machte Terror, und die Regierung knickte ein. Die Islamisten organisierten Demonstrationen, blockierten Autobahnen und riefen zur Rebellion auf.

Die Demonstranten verlangten nicht nur den Tod von Bibi, sondern wollten auch die drei Richter gehängt sehen. Aus Sicherheitsgründen konnte Bibi das Gefängnis vorerst nicht verlassen.

Man vergisst gern, dass Religionen und Heilslehren einen absoluten und radikalen Kern enthalten. Es geht um die totale Hingabe und die Verkündigung der angeblich letzten und unumstösslichen religiösen Wahrheit.

Mitte dieser Woche wurde sie auf internationalen Druck hin freigelassen. Wo sie sich momentan befindet, ist nicht bekannt.

Einmal mehr zeigt sich, dass ein radikaler Glaube zu Fanatismus führt und die eigenen religiösen und moralischen Werte pervertiert. Statt die Gläubigen zu Toleranz und Nächstenliebe anzuleiten, werden sie von den Geistlichen aufgehetzt.

Man vergisst gern, dass Religionen und Heilslehren einen absoluten und radikalen Kern enthalten. Es geht um die totale Hingabe, die Verkündigung der angeblich letzten und unumstösslichen religiösen Wahrheit und die Verinnerlichung der Dogmen, die kaum einen Interpretationsspielraum offenlassen.

Noch ist unklar, ob sich Asia Bibi noch in Pakistan befindet.Video: YouTube/RT Deutsch

Das Letzte und Höchste

Solche Dogmen und viele Gebote überfordern uns Menschen oft. Dabei spielt es keine Rolle, um welche Glaubensgemeinschaft oder Heilslehre es sich handelt. Bei allen geht es um das Letzte und Höchste. Und um Erlösung und das ewige Leben.

Richtschnur sind göttliche Werte, die für uns unerreichbar bleiben. Deshalb scheitern wir laufend an den Ansprüchen, die uns die Religionen auferlegen. Und deshalb spielen Sünde und Sühne eine zentrale Rolle. Denn: Trotz Sühne ist die nächste Sünde so sicher wie das Amen in der Kirche.

Dogmen statt Befreiung

Das ist aus psychologischer Sicht verhängnisvoll, kann zu einer geistigen Abhängigkeit führen und ein gesundes Selbstwertgefühl untergraben. Statt die Gläubigen von Ängsten und Zwängen zu befreien, verstärken radikale Glaubensgemeinschaften mit ihren strengen Dogmen die Nöte.

Um das Elend auf der Welt lindern zu können, brauchen wir geistig autonome und mündige Menschen. Gegen eine solche Emanzipation wehren sich radikale Glaubensgemeinschaften und Sekten durch Indoktrination der Gläubigen. Abhängige und unmündige Menschen lassen sich leichter manipulieren. Wohin dies führen kann, zeigt uns die Geschichte eindrücklich.

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Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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148 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Händlmair
10.11.2018 10:18registriert Oktober 2017
Es braucht keine Religion um eine Glaubensgemeinschaft mit einer unumstösslichen ultimative Wahrheit, mit Dogmen zu gründen. Dafür reicht bereits eine Gruppe Menschen die sich gleichschaltet. Ob politische Parteien, der Fanklub eines Fussballklubs, oder eine religiöse Gruppierung. Anscheinend ist dies auch eine in uns vorhandenen menschlicher Charakter. Der Memsch ist allfällig für Gruppendynamiken, und wer die Dogmen dieser Gruppe hinterfragt oder kritisiert wird mit Drohungen oder Gewalt unter druck gesetzt. Egal ob Religion, Partei oder Verein. Die Gleichschaltung ist immer eine Gefahr!
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Glücksbringer
10.11.2018 10:24registriert Dezember 2017
Im Westen haben wir einige Jahrhunderte gebraucht, um uns von dieser verbrecherischen Sicht auf die Menschheit zu befreien. Und auch heute noch ist dieser Wahn bei uns nicht ganz ausgerottet.
Dem Islam wird es genauso ergehen. Mit etwas Glück schaffen es die Menschen da etwas schneller, die verbrecherischen und menschenverachtenden Lehren abzuschaffen, weil die Geschichte des Westens vielleicht als Vorbild dient und weil die Wissenschaft sich den Weg schon geöffnet hat.
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rodolofo
10.11.2018 10:28registriert Februar 2016
Viele haben immer noch die kindliche Vorstellung, dass Religionen als Erziehungs-Systeme ein ideales Leben in einem von Heiligen geführten Paradies herbeizaubern können.
Ich frage mich aber bei JEDER Art von Erziehung:
"WEM nützt diese (religiös-kulturelle) Erziehung?"
Immer stosse ich bei der Beantwortung dieser Frage nicht auf Gott als wohlwollenden Drahtzieher, sondern auf (sadistisch veranlagte) MENSCHEN!
Als Chefs und Gurus teilen sie das Volk in Lieblinge und Sündenböcke.
Die braven Lieblinge ködern sie mit Privilegien und mit gut bezahlten Sklaventreiber-Rollen (Kader, Priester)...
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Coitus Inter Frustus
Das ist kein richtiges Latein, weiss ich schon. Kann auch kein Latein.

Ich hatte mal Latein. Zwei Jahre im Untergymi. War kein bisschen nachhaltig, wie wir sehen. Aber egal. Ich werde hier nicht über Sinn oder Unsinn unseres Schulsystems reden. Eigentlich will ich gar nicht reden.

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