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«Ich verstehe heute nicht mehr, wie ich das ausgehalten habe», sagt die ehemalige Leiterin des Knabeninternats.
«Ich verstehe heute nicht mehr, wie ich das ausgehalten habe», sagt die ehemalige Leiterin des Knabeninternats.Bild: shutterstock.com
Sektenblog

Bericht belastet Schweizer Missionswerk schwer – Ehemaliger Läderach-Patron predigt weiter

Mannigfaltiger Missbrauch und Vergewaltigungen: Im freikirchlichen Missionswerk Kwasizabantu herrschte bis kurz nach der Jahrtausendwende ein unmenschliches Regime, wie ein neuer Bericht zeigt. Zu der Zeit war «Schoggikönig» Jürg Läderach in der Kirche aktiv. Er ist es auch heute noch.
13.08.2022, 08:2016.08.2022, 11:52

Die Worte des ehemaligen Bundesrichters Niklaus Oberholzer lesen sich wie ein Skript in einem Horrorfilm. Doch sie stammen aus seinem Untersuchungsbericht über das freikirchliche Missionswerk Kwasizabantu (KSB) in Kaltbrunn SG, das sich heute Evangelische Gemeinschaft Hof Oberkirch nennt:

«Die von der Mission vertretene Lehre führte im Alltag der Gemeinde und der Schule zu Grenzüberschreitungen und teilweise schweren Missbräuchen in religiöser, psychischer, körperlicher und sexueller Hinsicht. Es war die Rede von einer Theologie der Angst, von fehlendem Persönlichkeitsschutz, von Blossstellungen, von induzierten Schuldgefühlen, von einer Verhörpraxis und einem Bekennungsdruck, von einer Kultur der Denunziation, der Manipulation und der Drohungen, von körperlichen Züchtigungsritualen, von Unterdrückung der Frauen, von Diabolisierung zwischengeschlechtlicher Kontakte, von Übersexualisierung und Tabuisierung, von Missachtung der Intimität.

Darüber hinaus gibt es Hinweise auf sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen durch eine Lehrperson und selbst auf schwersten sexuellen Missbrauch durch einen ehemaligen Präsidenten der damaligen Missionswerke Kwasizabantu Schweiz und Domino Servite sowie mehrere Seelsorger.»

Ich habe schon Anfang der 2000er-Jahre über das unmenschliche Regime in der fundamentalistischen Missionsgemeinschaft und ihrer Schule im abgelegenen Weiler Hof Oberkirch geschrieben. Doch die Leiter des Missionswerkes stritten die Vorwürfe rundweg ab.

Das St.Galler Bildungsdepartement leitete zwar eine Überprüfung ein, konnte aber keine Missstände in der Schule feststellen. Beim Schulbesuch ihrer Mitarbeiter lief der Unterricht gesittet ab. Wen wundert's. Und ja: Alle Vorwürfe meiner Informanten seien haltlos, erklärten die Führungsgremien.

«Es gibt Hinweise auf sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen durch eine Lehrperson und selbst auf schwersten sexuellen Missbrauch durch einen ehemaligen Präsidenten der damaligen Missionswerke Kwasizabantu.»
Zitat aus dem Untersuchungsbericht.

Brisant: Die prägende Figur in den Gremien war der Patron und «Schoggikönig» Jürg Läderach. Er war bis Ende 2021 VR-Präsident der gleichnamigen Schokoladenfirma aus dem Glarnerland.

Läderach trat nicht nur als Aushängeschild und grosszügiger Mäzen auf, sondern sass auch im Vorstand des Vereins KSB, war Mitglied des Schulrates der Privatschule Domino Servite und Präsident von «Christen für die Wahrheit», einer Nebenorganisation von KSB.

Gleichzeitig amtierte er als Prediger. Ausserdem arbeitete seine Frau als Lehrerin, ihre sechs Kinder besuchten die Schule des Missionszentrums.

Und nun, rund 20 Jahre später, bricht die Eiterbeule endlich auf. Was jetzt ans Tageslicht kommt, übertrifft meine schlimmsten Befürchtungen. Damals sagte mir die ehemalige Leiterin des Knabeninternats, KSB sei eine gefährliche Sekte. Sie hatte jahrelang für Gotteslohn im Missionszentrum gearbeitet.

Kinder auf Anweisung der Seelsorger verprügelt

«Ich verstehe heute nicht mehr, wie ich das ausgehalten habe», erzählte sie mir nach ihrem Ausstieg. «Die moralische Keule, der Glaubensdruck und die Unterdrückung haben mich gebrochen. Das ging so weit, dass ich meine Kinder auf Anweisung der Seelsorger schon im Alter von einem Jahr geschlagen habe, um sie zu züchtigen. Und zwar so lang, bis sie keinen Ton mehr von sich gaben. Dabei liebte ich sie doch.»

Die aktuelle Leitung des Missionswerks gab die Untersuchung, die der ehemalige Bundesrichter leitete, in Auftrag. Sie sah sich 2019 dazu genötigt, weil Skandale der KSB-Mutterorganisation in Südafrika das Missionswerk erschütterten. Der Mitgründer Erlo Stegen hatte unter anderem Geld im Wert von rund acht Millionen Franken veruntreut, um sein Luxusleben zu finanzieren.

Seither nennt sich das Missionswerk Evangelische Gemeinschaft Hof Oberkirch (EGHO). Das Internat wurde in Christliche Schule Linth (CSL) umbenannt.

Ehemaliger Bundesrichter befragte Opfer

Oberholzer, der heute in einer Anwaltskanzlei arbeitet, befragte zusammen mit einem Mitarbeiter rund 500 ehemalige Schüler. Wörtlich heisst es im Bericht:

«Die überwiegende Mehrzahl der von Betroffenen geschilderten Vorkommnisse datiert aus der Zeit vor 2002 und steht im Wesentlichen in Zusammenhang mit dem Wirken des ehemaligen Präsidenten der damaligen Missionswerke Kwasizabantu Schweiz und Domino Servite, von dem sich die beiden Werke in jenem Jahr getrennt hatten. Die Vorwürfe können deshalb weitgehend nicht mehr direkt den heute für EGHO und CSL verantwortlichen Personen angelastet werden.»

Diese Aussage erstaunt. Als ob der Präsident der einzige Täter gewesen sei. Als ob sonst niemand etwas von der Prügelstrafe und den sexuellen Übergriffen bemerkt hätte.

Dass dies nicht stimmt, dokumentiert mein Artikel, in dem ich die Erfahrungen mehrerer Aussteiger zusammengefasst hatte. Diese hatten sich bei den Führungskräften des Missionswerkes beschwert und ihre Vorwürfe vergeblich vorgetragen. Zu diesen Führungsfiguren gehörte auch Jürg Läderach. Doch dieser will nichts von den Übergriffen und Missbräuchen gewusst oder mitbekommen haben.

Welche Rolle spielte der «Schoggikönig»?

Oberholzer entlastet indirekt auch den «Schoggikönig», indem er den früheren Vereinspräsidenten als Alleinschuldigen ausgemacht hat. Das überrascht, denn Oberholzer hat nicht explizit Recherchen zum Verhalten und den Verantwortlichkeiten der Führungskräfte angestellt. Die Rolle von Jürg Läderach und seiner Familie bleibt also im Dunkeln.

Deshalb drängt sich die Frage auf, wie er und vor allem sein Sohn Johannes es heute mit dem Missionszentrum halten. Auf die Frage, ob Jürg und Johannes Läderach oder andere Familienmitglieder noch in der Evangelischen Gemeinde Hof Oberkirch aktiv seien, antwortete der Sprecher der Familie:

«Mitglieder der Familie übernehmen keine Aufgaben in der EGHO. Mitglieder der dritten Familiengeneration wollen die Frage der Mitgliedschaft in dem neu gegründeten Verein EGHO davon abhängig machen, wie konsequent der Neuanfang nach der nunmehr abgeschlossen Untersuchung in den kommenden Monaten weiter umgesetzt wird.»

Er bestätigt aber, dass einzelne Familienmitglieder weiterhin Anlässe der EGHO besuchen. Dann die überraschende Antwort: Auf Wunsch der neuen Leitung halte Jürg Läderach weiterhin «vereinzelt» Predigten.

Wer führte das Zepter beim Missionswerk?

Jürg Läderach und die anderen Prediger haben früher den Gläubigen sicher Dutzende, wenn nicht Hunderte Mal verkündet, dass Gott die Pastoren nach christlichen Werten sorgsam führt. Und dass er die rechtgläubigen Schäfchen beschützt. Angesichts der Ereignisse muss man vermuten, dass im Hof Oberkirch früher eher der Satan das Zepter führte.

Es ist deshalb schwer nachvollziehbar, dass Jürg Läderach nun weiterhin an diesem Ort des Schreckens Predigten hält.

Hinweis: Aufgrund einer juristischen Intervention seitens Läderach haben wir einzelne Beiträge in der Kommentarspalte gelöscht. Die Kommentarfunktion bleibt aber offen.

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Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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455 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Händlmair
13.08.2022 08:57registriert Oktober 2017
Ich hatte vor ca. 30 Jahren beruflich mit Herrn Laderach zu tun und ihn als einen dieser Menschen kennen gelernt, der öffentlich immer lächelnd und freundlich auftritt, jedoch im Hintergrund sein wahres Wesen zeigte. Wir hatten unheimlich grosse Probleme, bis unsere Leistungen die wir erbrachten abrechnen konnten. Mein damaliger Chef wurde teils auf das übelste beschimpft. Wir wusste zu diesem Zeitpunkt nichts über die religiöse Organisation von Herr Läderach. Ich war damals froh, das die Geschäftsbeziehung auslief. Seit diesem Zeitpunkt meide ich alles was mit Läderach zu tun hat.
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WatSohn?
13.08.2022 11:22registriert Juni 2020
Offenbar wurden Läderachs Gefolgsleute über diesen Artikel sehr schnell in Kenntnis gesetzt und bemühen sich nun eifrig, alle Vorwürfe in Hugo Stamms Artikel zu widerlegen. Sie tun dies allerdings ohne hieb und stichfeste Gegenargumente und präsentieren keine belegbaren Fakten, die die Aussagen des Artikels widerlegen würden. Anstatt Einsicht zu zeigen, verharmlost man oder stellt die Integrität Herrn Stamms infrage. Das ist die typische Reaktion von fanatischen Sektenmitgliedern, wenn ihre widerlichen Gepflogenheiten bekannt gemacht werden.
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13.08.2022 08:47registriert September 2021
Ich wohne in Winti, der Hochburg der Freikirchen. Von der Pfingstgemeinde über Mormonen und weitere Freikirchen ist bei uns im Quartier echt alles vertreten. Es ist traurig. Keines dieser Kinder lacht oder rennt ausgelassen rum. Kopf runter und rein oder raus in oder aus der Kirche. Umgang mit normalen Kindern ist verboten. Während der Sonntagspredigt werden immer alle Fenster und Rollläden geschlossen. Gegrüsst wird sowieso nicht mit uns gottlosen. Unheimlich.
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Raus in die Bergwelt! 🚠🥾⛰️
Besonders im Sommer ist ein Ausflug in die Höhe eine coole Idee – das einzige Problem: Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Wenn sich in den Häusern die Hitze staut, die Badis überquellen und die Glacestände Hochsaison feiern, dann hilft nur noch eines: rein in den Zug und rauf in die Berge. Ein Ausflug in die Schweizer Bergwelt bietet einzigartige Erlebnisse. Insgesamt 65'000 Kilometer markierte Wanderwege führen in fast jeden Winkel der Schweiz. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind dabei die richtige Wahl für alle, die bequem, entschleunigend und umweltschonend das Ziel erreichen möchten.

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