Leben
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«Ich gehe nach Australien!» – mit diesem Satz erntet in der Schweiz niemand mehr Beifall

bild: gregor stäheli



Aber trotzdem:

«Ich gehe nach Australien!»

Und schon geht es bei meinen Mitmenschen los: Die Augen rollen im Uhrzeigersinn und es werden mehr Stereotypen-Schemata abgerufen, als wenn Natalie Rickli in Winterthur nach Feierabend über das Afro-Pfingsten-Festival schlendert.

«Prima», denken sich die meisten. «Noch einer, der mir nach der Rückkehr erzählen muss, wie bewusstseinserweiternd diese Erfahrung war.»

Jeder hat so einen Freund oder Freundin. Sie waren ein paar Wochen, vielleicht Monate im Sprachaufenthalt und nehmen ab sofort jedes Thema zum Anlass, um eine weit hergeholte Überleitung zu der neuen Wahlheimat zu schaffen:

«Hey das Bier da isch ja huere tüür. Weisch wo isch’s au huere tüür? In Australie. ABER DEFÜR HÄND DIE E UU FREUD IM LÄBE. Si singet und tanzet und klatschet de ganz Tag.»

Das sind auch die Menschen, die auf ihrem Facebook-Titelbild am Grand Canyon ihre Beine baumeln lassen und jeden Donnerstag zum Vorwand nehmen, ihre Thailand-Fotos noch Jahre nach dem Urlaub zu posten – #throwbackthursday.

Symbolbild: Strand. Mit Filter. #TakeMeBack bild: shutterstock

Das sind die Menschen, die «Travelling» überall als ihre unsterbliche Leidenschaft angeben und das Gesprächsthema Reisen an einer WG-Party sogar Crossfit und Veganismus vorziehen.

Das sind die Menschen, die DAS von sich geben:

«Ich war für zwei Monate in Brisbane im Sprachaufenthalt. Mit 20 anderen Schweizern. Das hat mein Leben verändert.»

Oder das:

«Ich habe mich in Buenos Aires neu verliebt – also nicht in eine Person, sondern in das Leben.»

Oder auch das:

«Mein Wochenende in Brighton hat mich zu einem besseren Menschen gemacht.»

Brighton im Januar 2017. Dieses Bild taufe ich auf den Namen «grau». Bild: PHIL NOBLE/REUTERS

Ich verspürte selbst immer eine grosse Aversion gegenüber diesen Leuten. Es brauchte nur einen Satz und das Interesse am Gegenüber war schneller verschwunden, als Tickets im Adele-Vorverkauf.

Ich konnte keine «North Face»-Taschen mehr sehen. Auf Tinder swipte ich automatisch nach links, wenn ich in der Profilbeschreibung Zitate las wie «Travel is the only thing you buy that makes you richer» oder «The world is a book and if you don’t travel, you read only one page». Und wenn ich so etwas an einer Wohnzimmerwand hängen sah, war das Date sowieso vorbei.

bild: shutterstock

«Backpacken» sagte mir nichts und «Couchsurfing» kannte ich lediglich von den gelegentlichen Nächten auf dem Sofa von Freunden, wenn ich wieder einmal den Nachtbus verpasst hatte.

Und dann hat sich alles verändert.

Ich ging weg. Das erste Mal vor zwei Jahren in die USA. Für fünf Monate. Und was soll ich sagen ...? Das hat mein Leben verändert. Ich habe mich neu verliebt – in das Leben. Es hat mich zu einem besseren Menschen gemacht. Ach, shit.

«Bei mir ist es anders, ich werde nicht so» – redete ich mir immer ein. Jetzt hängt in meinem Wohnzimmer eine grosse California-Flagge. Ich bin zu meinem eigenen Klischee geworden. Und jetzt kommt es noch schlimmer: Ich gehe nach Australien. Wenn man Klischee im Wörterbuch nachschlägt, ist da ein Bild von mir. Wie ich am Grand Canyon meine Beine baumeln lasse.

bild: gregor stäheli

Diesmal möchte ich nicht als Klischee zurückkehren. «Ich werde mich bessern!», sage ich wie ein Student am Sonntagmorgen, der sich schwört, nie wieder einen Gin Tonic anzufassen. Dabei glaube ich mir allerdings etwa nur so sehr, wie wenn ich mal wieder denke «noch eine Folge Walking Dead und dann lerne ich weiter.»

Um meinem Aufenthalt mehr Sinn zu verleihen, erteile ich mir selbst eine Mission.

Das «Schweizer-in-Australien»-Phänomen ist zu einem Klischee geworden. Ob dies seine Berechtigung hat oder es aus reinem Neid von Nicht-Reisenden entstand, möchte ich in den nächsten sechs Monaten herausfinden. Ich gehe «Down Undercover» und finde heraus, was alles noch dahinter steckt neben dem, was man aus dem Facebook-Feed des halben Freundeskreises kennt. Ich will aufdecken, wie sich all die «Evelines» da unten wirklich verhalten.

Getarnt als Austauschstudent zieht ein kleiner (1.88 cm) Junge (26 J) los, wie damals Kevin allein in New York, um Antworten auf Fragen zu finden, von denen sich die meisten selbst erst unterwegs stellen werden – über meine Abenteuer berichte ich dann wöchentlich auf mint. Wie ein richtiger Journalist! Jeden Freitag! Lest also immer schön mit, gell. Und wenn wir schon beim Thema sind:

Ist jemand von euch per Zufall auch grad in Australien ...?

gregor stäheli australien mint perth gregorstaeheli staeheli

Das bin übrigens ich. Die von watson haben mich gezwungen, ein Bild hier reinzumachen. bild: Silvano Lieger

Wer ist eigentlich dieser Typ?

Seine Lehrer sagten früher: «Wenn du ständig überall deinen Senf dazugeben musst, wird nie etwas aus dir.» Diese Herausforderung nahm er dankend an. Heute ist Gregor Stäheli als Slam Poet vor allem auf Bühnen anzutreffen. Ein Austauschsemester in Perth zwingt ihn, diese für ein halbes Jahr zurückzulassen. Da er es dennoch nicht bleiben lassen kann, sich ständig mitteilen zu müssen, nutzt er diese Reise, um das festgefahrene «Schweizer-in-Australien»-Klischee zu renovieren.

Stalke Gregor auf Facebook oder auf seiner Homepage.

Übrigens: Diese 90 Flecken solltest du einmal im Leben gesehen haben

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74 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Barracuda
17.02.2017 17:57registriert April 2016
"über meine Abenteuer berichte ich dann wöchentlich auf mint [...]"
Damit hast du ein Klischee bereits erfüllt... Das obligate Reisetagebuch, damit man die Daheimgebliebenen über jeden Furz auf dem Laufenden halten kann:-)
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Raphael Stein
17.02.2017 16:51registriert December 2015
...und das Gesprächsthema Reisen an einer WG-Party sogar Crossfit und Veganismus vorziehen.
Hehe, der ist gut.
913
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gecko25
17.02.2017 17:12registriert November 2015
und dann rumheulen, wenn die Polarkappen schmelzen und die armen, süssen Eisbären aussterben. Ja, so sind sie die heuchlerischen, weltoffenen Lebensopportunisten
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