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Schweiz
Interview

F/A-18-Absturz: Früher gab es in der Luftwaffe mehr Unfälle

A general view shows the place where a Swiss Army Airforce F/A-18 C fighter jet crashed in the Susten region, Switzerland August 31, 2016. REUTERS/Ruben Sprich
Am 31. August prallte eine F/A-18 in diesen Berg.Bild: RUBEN SPRICH/REUTERS
Interview

«Einmal verlor die Schweizer Luftwaffe sieben Leute in einer Woche»

Der tragische Unfall, bei dem vor einer Woche ein F/A-18-Pilot ums Leben gekommen ist, wirft weiterhin Fragen auf. Einer, der Antworten darauf weiss, ist der Aviatiker Peter Brotschi.
05.09.2016, 09:3406.09.2016, 11:39
Felix Burch
Folge mir

Herr Brotschi, vor genau einer Woche ist ein F/A-18-Pilot am Susten ums Leben gekommen. Was ging Ihnen als erstes durch den Kopf, als sie vom jüngsten Unfall der Schweizer Luftwaffe hörten?
Meine Gedanken gingen sofort zum Piloten, ob er hoffentlich den Schleudersitz betätigen konnte und am Leben ist. Und dann ehrlicherweise auch ein «Schon wieder …», obwohl ich weiss, dass es früher sehr viel mehr Flugunfälle gegeben hat.

Seit 2013 hat die Luftwaffe vier Jets verloren, davon drei F/A-18. Das fühlt sich nach einer ausserordentlichen Häufung an. Trügt der Schein?
Vor der jüngsten Serie gab es fünfzehn Jahre lang keinen einzigen Unfall mit einem Kampfjet. Der letzte passierte im Frühling 1998 mit einer F/A-18 im Wallis. Deshalb kommt einen die jetzige Serie wie eine Häufung vor. Aber das ist eigentlich eine Täuschung.

«Noch 1981 verlor die Luftwaffe in einem einzigen Jahr neun Jets!»

Gibt es für diese Häufung eine Erklärung?
Nein. Ich denke eher, dass die anderthalb Jahrzehnte ohne Absturz eines Kampfjets eine glückliche Phase war, die es so leider nicht immer gibt.

Sie haben das Buch «Gebrochene Flügel» geschrieben, sich mit all den Unfällen intensiv befasst. Können Sie eine historische Einordnung der Unfälle machen?
Die Flugsicherheit hat sich deutlich verbessert, wobei anzumerken ist, dass auch die Zahl der geflogenen Flugstunden deutlich abgenommen hat. Die Zeiten mit intensivem Flugdienst, also im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg, brachten auch viele Flugunfälle. So gab es innerhalb einer Woche im August 1943 vier Unfälle mit sieben toten Besatzungsmitgliedern. Noch 1981 verlor die Luftwaffe in einem einzigen Jahr neun Jets!

Absturz der F/A-18 am Susten 

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Schweizer F/A-18 über dem Susten abgestürzt
quelle: keystone / alexandra wey
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Es ist nicht das erste Mal, dass es einen Zwischenfall mit einer F/A-18 gibt. Ist dieses Modell besonders anfällig?
Wie bereits gesagt, gab es 15 Jahre lang Flugdienst mit der F/A‐18 Hornet ohne einen Unfall. Und zwischen den vier Unfällen kann ich nach dem jetzigen Stand der Erkenntnisse keinen roten Faden sehen, der Anlass zur Besorgnis gäbe. Die Geschichte zeigt auch, dass ein Unfall selten mit einem Versagen der Flugzeugtechnik zusammenhängt.

Werden Flugzeuge, die abstürzen, eigentlich ersetzt?
Früher gab es dies vereinzelt, heute nicht mehr. Die Luftwaffe hat jetzt einfach nur noch 30 F/A‐18 Hornet.

Brotschi
Peter Brotschi.bild: zvg
Lehrer, Buchautor, Kantonsrat 
Peter Brotschi, 1957, arbeitet als Lehrer und Aviatikjournalist und lebt in Grenchen SO. In der Politik ist
er Kantonsrat der CVP. Im Militär war er Major der Luftwaffe. Er hat sieben Bücher verfasst,
darunter «Gebrochene Flügel – alle Flugunfälle der Schweizer Luftwaffe». (feb)

Als Laie fragt man sich: Ist es eigentlich schwieriger, ein Flugzeug in den Alpen zu lenken als über flachem Grund?
Jede Pilotin und jeder Pilot, vom Gleitschirm- bis zum Kampfjetflieger, muss sich in der Schweiz mit dem Fliegen in den Alpen auseinandersetzen. Schon in der Ausbildung zum Segel‐ oder Motorpiloten auf privater Basis gibt es die sogenannten «Alpeneinweisungs‐Flüge». Es ist nicht schwieriger in den Alpen zu fliegen, aber man muss mehr beachten, zum Beispiel die Einflüsse des Windes und die Wetterverhältnisse, die schnell wechseln können. Und ja, es gibt mehr Unfälle in den Alpen als im Mittelland, aber das hat auch damit zu tun, dass die Alpen den grössten Teil unserer Landesfläche einnehmen.

Wie sieht die Zukunft der Schweizer Luftwaffe aus?
Alle Angestellten der Luftwaffe und die Milizangehörigen machen einen guten Job, obwohl Teile der Politik, vorab der linken Seite, und der Öffentlichkeit ihrer Arbeit leider – aus meiner Sicht ohne Grund – kritisch oder gar ablehnend gegenüberstehen. Ich weiss, wie sehr immer und immer an der Flugsicherheit gearbeitet wird. Und deshalb stimmt es mich traurig, wenn trotz aller Bemühungen wieder ein Unfall passiert. Aber die hundertprozentige Sicherheit gibt es eben nirgends.

HANDOUT - Undatierte Aufnahme eines F/A-18 Militaer-Flugzeuges. Das Ruestungsprogramm 2008 ist 917 Millionen schwer. Groesste Brocken sind die Werterhaltung der Kampfjets FA-18 und die Beschaffung von ...
Eine F/A-18 im Schweizer Gebirge.Bild: VBS

Wie sind Sie zu einem Experten auf dem Gebiet der militärischen Unfälle geworden? Was fasziniert Sie daran?
Mein Vater war im Militär Flugzeugmechaniker und hat mir schon als ein kleiner Junge von Flugunfällen erzählt. In meinem Militärdienst habe ich dann selber viele Flugunfälle mitbekommen, auch von Piloten, die ich gut gekannt habe. Es gab aber nach über 90 Jahren Luftwaffe keine Publikation zu diesem Gebiet, nur viele mündliche Legenden. So habe ich mich hingesetzt und in vierjähriger intensiver Freizeitarbeit geforscht und das Buch «Gebrochene Flügel» verfasst. Von meiner Grundausbildung her bin ich Primarlehrer, und so interessieren mich, wie bereits erwähnt, vor allem die Schicksale der Menschen. Ich wollte sie dem Vergessen entreissen und ihnen ein publizistisches Denkmal setzen. Dass das Buch zu einem derartigen Erfolg werden sollte, hätte ich mir nicht träumen lassen.

* Das Interview wurde schriftlich geführt

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11 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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7immi
05.09.2016 16:57registriert April 2014
spannendes, beleuchtendes interview. bitte mehr davon und weniger "war der fluglotse schuld?" artikel, die nur mutmassungen enthalten und nichtssagend sind...
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