Kinofilm «Namaste Seelisberg» blickt hinter die Kulisse der TM-Sekte
Die Meditation feierte in den letzten Jahrzehnten einen beispiellosen Siegeszug durch die westliche Welt. Dabei profitierte sie von der Verklärung der fernöstlichen Spiritualität in unseren Breitengraden.
Die Meditation ist in der hektischen Welt durchaus eine nützliche Praktik, um die innere Ruhe und Balance zu finden. Doch wie bei allen spirituellen Disziplinen gibt es auch Missbräuche und sektenhafte Entwicklungen.
Paradebeispiel ist die Transzendentale Meditation (TM) des verstorbenen indischen Gurus Maharishi Mahesh Yogi. In der Geschichte dieser Bewegung mit einst Hunderttausenden von Anhängern spielte die Schweiz seit Mitte der 1970er Jahre eine zentrale Rolle.
TM-Zentrum in Seelisberg
Denn der Guru war beim Besuch von Seelisberg vom majestätischen Grandhotel Sonnenberg und dem grandiosen Panorama hoch über dem Urnersee derart angetan, dass er es kurzerhand kaufte und dort mehrere Jahre residierte.
Der Aufschrei der ländlichen Bevölkerung im beschaulichen Bergdorf war laut, weil Tausende von spirituellen Suchern aus aller Welt zu ihrem verehrten Guru pilgerten. Ein Supergau für die Urner Bewohner.
Was sich im Dorf und hinter den Mauern des Sektenzentrums abspielte, dokumentiert der neue Kinofilm «Namaste Seelisberg» der Filmemacher Felice Zenoni und Iris Kappeler von der Filmproduktion «Mesch&Ugge». Der Film, der nächste Woche in die Kinos kommt, ist ein eindrückliches Zeitdokument.
Er wirft ein Schlaglicht auf die spektakuläre Epoche der indischen Bewegung im beschaulichen Dorf. Felice Zenoni hat nicht nur mit Bewohnern, den verbliebenen Yogis und mit Aussteigern gesprochen, sondern in monatelangen Recherchen neues Dokumentationsmaterial ausgegraben.
Der Film entlarvt TM aus einer distanzierten und sachlichen Warte als kuriose pseudoreligiöse Bewegung mit einem selbstherrlichen Guru, der mit seinen Allmachtsphantasien das «Zeitalter der Erleuchtung» und des Weltfriedens ausgerufen hatte.
Wie abgehoben und weltfremd Maharishi und seine Jünger und Anhängerinnen waren, zeigen ihre spirituelle Lehre, die Rituale und Praktiken. So sah der Guru die Meditation als Allerheilmittel für Alles und Jedes. Damit lasse sich sogar die Gravitation überwinden, verkündete er. Auch den Weltfrieden wollte er mit der Meditation erreichen.
Raja Felix Kägi kandidierte für den Regierungsrat
Er leitete seine Führungskräfte in den 1990er Jahren an, die Naturgesetz-Partei zu gründen und sich für Exekutivämter zu bewerben. Der Stäfner Raja Felix Kägi kandidierte für den Regierungsrat.
Zu seinem Wahlprogramm gehörte die Anstellung von 300 yogischen Fliegern. Sie sollten rund um die Uhr meditieren und damit ein Kraftfeld erzeugen, um den Kanton Zürich friedlich und unbesiegbar zu machen.
1995 kandidierte Kägi für den Nationalrat und holte magere 2600 Stimmen. Zum Vergleich: Die SVP-Galionsfigur Christoph Blocher erreichte 122‘000 Stimmen. Der Film zeigt auch Aufnahmen von Weltstars aus verschiedenen Branchen, die in den 1970er Jahren zum TM-Guru gepilgert waren. Sie erhofften sich durch die Meditation künstlerische Inspiration.
An vorderster Front sassen die Beatles zu Füssen von Maharishi. Ihnen folgten The Beach Boys, Donovan, Mia Farrow, Shirley MacLaine, David Lynch und Clint Eastwood.
Eine besondere Kuriosität, die der Film thematisiert, betrifft das Turmprojekt des Gurus. Die Schweizer Yogis planten den Bau eines 500 Meter hohen Wolkenkratzers für 50’000 Personen in Seelisberg. Es sollte das höchste Gebäude der Erde werden. Baukosten: 4,5 Milliarden Franken. Ein Gigantismus der spirituellen Egomanen, die dem Demutsgedanken der Meditation Hohn spricht.
Der Trick beim yogischen Fliegen
Ebenso spektakulär wie überheblich gestaltete sich das yogische Fliegen. Die Yogis glaubten, mit Hilfe der Meditation dereinst die Schwerkraft überwinden und auf den Urnersee hinunter fliegen zu können. Sie hüpften jahrzehntelang unbeholfen im Schneidersitz auf Matten herum. Vom Fliegen konnten sie höchstens träumen.
Abstruse Pläne hatten die Yogis auch für die grössten Schweizer Städte. Um den Weltfrieden zu schaffen, müssten sie niedergewalzt und nach alten hinduistischen Erkenntnissen neu aufgebaut werden. Das TM-Kader verlangte, dass Häuser und Strassen nach den Haupthimmelsrichtungen ausgerichtet werden, weil sonst grosse Gefahren drohen würden.
Fazit: Auch Meditation schützt nicht vor geistiger Umnachtung.
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