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Den Tantra-Urvätern ging es um Fleisch, Alkohol und Sex

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Von wegen Spiritualität – den Tantra-Urvätern ging es um Fleisch, Alkohol und Sex

Tantra soll uns den Weg zur Erleuchtung ebnen. Doch letztlich ist das Ganze wesentlich profaner, als uns die westlichen spirituellen Sucher verklickern wollen.
28.05.2018, 10:1128.05.2018, 10:11

Tantra. Allein schon der Begriff regt die Fantasie an. Tantra ist nicht nur «mechanischer» Sex, bei dem es primär um die individuelle Befriedigung sexueller Bedürfnisse geht. Nein, Tantra ist mehr.

Tantra ist ein spirituelles Ritual, das uns helfen soll, den Weg zur Erleuchtung zu ebnen. Also eine Art Transformation, eine Verschmelzung von Sinnlichkeit und Spiritualität.

Und ja: Tantra ist eine alte, eine uralte Tradition, die ihre Wurzeln in der fern östlichen Mystik hat, im Buddhismus und Hinduismus.

Tantra
Den alten Indern ging es mehr um Kamasutra der handfesten Art und weniger um den spirituellen Höhenflug.Bild: shutterstock.com

Bei so vielen überwältigenden Attributen ist es verständlich, dass Tantra die Königsdisziplin der spirituellen und esoterischen Sucher ist. Spirituelle Banausen, die Sex einfach nur als Liebesbezeugung und körperliche Befriedigung benutzen, könnten neidisch werden und denken, ihre Libido sei amputiert.

Doch es ist immer ratsam, skeptisch zu bleiben, wenn eine Prozedur als Heilsweg und Erlösungsritual angepriesen wird. 

Profaner als gedacht

So ist es einmal mehr wenig überraschend, dass man beim näheren Hingucken rasch auf Widersprüche stösst. Denn das fernöstliche Tantra ist wesentlich profaner, als uns die westlichen spirituellen Sucher verklickern wollen.

Denn der gern propagierte spirituelle Orgasmus, der angeblich nur im Kopf stattfinden soll, hat mit dem traditionellen Tantra wenig zu tun. Denn es ging den alten Indern mehr um Kamasutra der handfesten Art und weniger um den spirituellen Höhenflug. Der körperliche Höhepunkt war wichtiger als der Blick in die kosmischen Sphären.

Gegen alle Regeln

Tatsächlich waren die ursprünglichen Tantriker vor 2000 und mehr Jahren Rebellen, die sich gegen den asketischen Lebensstil des Hinduismus auflehnten.

Sie wehrten sich gegen die Unterdrückung des Sinnlichen. Sie wollten den verteufelten Genuss ausleben und Tabus brechen. Sie assen genussvoll Fleisch, tranken Alkohol und lebten ihre Sexualität aus. Gegen alle Normen und Regeln. Die tantrischen Yogi waren Tabubrecher und wollten das Religiöse mit dem Sinnlichen verbinden.

So können sich theoretisch spirituell hoch entwickelte Paare übersinnlich «vereinigen», ohne Sex miteinander zu haben.

Im Buddhismus gibt es allerdings Tantra-Formen, die dem Ideal der westlichen Sinnsucher eher entsprechen. Dabei geht es vor allem darum, die Sexualität zu transformieren. Nicht die Sinnlichkeit steht im Zenrum, vielmehr geht es um spirituelle Rituale.

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Diese Transformation der körperlichen Sexualität ist quasi die Meisterschaft der Spiritualität und der Höhepunkt der spirituellen Entwicklung. So können sich theoretisch spirituell hoch entwickelte Paare übersinnlich «vereinigen», ohne Sex miteinander zu haben.

The Bhagwan Shree Rajneesh tells a news conference on Monday, Sept. 17, 1985 in Rajneeshpuram, Oregon, that his former personal secretary and spokeswoman, Ma Anand Sheela and six other former commune  ...
Bhagwan bei einer Pressekonferenz im Jahr 1985. Bild: AP

Doch diese Entwicklungsstufe erreichen angeblich nur aussergewöhnliche begabte und hingebungsvolle Sinnsucher nach jahrzehntelangem Üben. Die vielen Berichte über sexuelle Übergriffe durch buddhistische Mönche zeigen jedenfalls, dass es bei diesen nur um die sehr grobe Form der sexuellen Befriedigung geht.

Und so wurde in den Bhagwan-Kommunen querbeet gebumst, dass sich die Balken bogen.

Etliche Gurus nutzen denn auch die spirituelle Verbrämung von Tantra bei den westlichen Sinnsucherinnen schamlos aus. Sie gaukeln den verblendeten Frauen vor, sie persönlich in die tantrische Meisterschaft einzuführen. Das Ritual endet meist mit einer handfesten, unsaften Penetration.

Von wegen «spirituellem Sex»

Tantra ist im Westen eine junge Disziplin. Importiert hat den «spirituellen Sex» primär der indische Sex-Guru Bhagwan, der sich später Osho nannte. Er lockte die hedonistischen Wohlstandsmenschen mit dem Slogan nach freier Liebe an. Und so wurde in den Bhagwan-Kommunen querbeet gebumst, dass sich die Balken bogen. Der Guru forderte von den Sannysasins, sich sexuell zu befreien. Mit «spirituellem Sex» hatte sein Tantra nichts zu tun.

Osho lag denn auch richtig, wenn er die freie Liebe als Tantra bezeichnete. Denn in seinem Land war Tantra ursprünglich – wie bereits erwähnt – ebenfalls eine Methode der Überwindung der sexuellen Unterdrückung.

Der kürzlich verstorbene Psychiater Samuel Widmer und seine Frau Danièle, die nun die Kirschblütengemeinschaft führt.
Der kürzlich verstorbene Psychiater Samuel Widmer und seine Frau Danièle, die nun die Kirschblütengemeinschaft führt.

Wie Tantra bei uns oft praktiziert wird, hat die grosse Kirschblütengemeinschaft des kürzlich verstorbenen Psychiaters Samuel Widmer demonstriert. Die Gemeinschaft hatte – zumindest vor der spektakulären Razzia durch die Polizei – Tantraseminare in Grossgruppen durchgeführt.

Um schön locker zu werden, gab es als Vorspiel psychoaktive Substanzen wie Ecstay (MDMA) oder LSD. Aussteigerinnen berichten, dass vor allem die Männer die enthemmende Wirkung der Drogen benutzt hätten, ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Schliesslich war das Angebot an Yonis verlockend gross.

Tantra-Seminare werden landauf und landab angeboten. Streng nach dem ökonomischen Prinzip von Angeot und Nachfrage.

Auch in der spirituellen Welt gilt: Sex sells.

Verräterisch sind denn auch die Ausschreibungen zu den Seminaren. Drei Beispiele.

Das Seminarhaus Witebach verkündet:

«Erst im zweiten Schritt geht es um die Begegnung und die Berührung mit dem Du, mit deinem Gegenüber. Wir erkunden wie du dich in der Gruppe nähren kannst … Wir erforschen Wege um deine Lebensenergie zu steigern, dein sinnliches Erleben in dir zu wecken und dein natürlicher Ausdruck zu entfalten … In der Gruppe kommt viel Energie zusammen und dies unterstützt jeden in seiner Entwicklung.» (Originalton inklusive Orthographiefehler).

Das Aruna Institut schreibt:

«Wochenendseminare sind darauf ausgerichtet, eine tiefe, körperlichen Erfahrung des Lebendig-Seins, sowie kraftvolle Impulse in Liebe und Sexualität zu vermitteln….Unsere Seminare für Paare unterstützen engagierte Liebespaare dabei, die vollen partnerschaftlichen und sexuellen Möglichkeiten ihrer Beziehung auszuloten.»

Bei «Befree-Tantra» klingt es so:

«Bereichern Sie Ihr Wissen um Massagen und heilende Ganzkörperberührungen, und nehmen Sie die tantrische Brust-, Yoni-, und Lingamheilmassage, sowie den Umgang mit Hilfsmitteln und Sinnesgegenständen, wie Ölen, Federn etc. mit in Ihren Alltag.»
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Hugo Stamm; Religionsblogger
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Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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Wie ein Buchrücken mich daran erinnert, wo ich nie mehr hin will
Die alltägliche Physik des Unglücks.
Das Schwierige beim Ausmisten sind ja immer die Gefühle und Erinnerungen, die an den Sachen haften, von denen man sich trennen soll. In meinem Leben sind die Folgen dieses Umstands nicht nur ein Bestand von aktuell 26 (!?) Pullis, sondern auch zwei proppenvolle Bücherregale, deren Inhalte ich bei jedem Umzug aufs Neue verfluche. Und doch behalte ich sie alle: die Französischromane, die wir in der Schule lesen mussten und die mir aber so gut gefielen, dass sie mich über alle elf Wohnungswechsel meines Lebens begleitet haben, Bücher voller Eselsohren und Notizen, die ich liebte zu lesen, und solche, von denen ich glaube, sie noch lieben zu werden. Aber auch ein paar Klopper, bei denen mich einfach Titel oder Cover überzeugten oder von denen ich denke, sie machen sich besonders gut in einem wohl sortierten Bücherregal (niemand hat doch jede Seite von Ulysses gelesen?).
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