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Ein Abend im Luxus-Restaurant: So sieht ein Menü für 400 Franken aus

alle bilder: bianca mayer
Sich einmal nicht wie die 99 %, sondern wie die 1 % fühlen? Hier wird es möglich. 
11.06.2017, 18:2112.06.2017, 13:35

Gestern war der schönste Tag in meinem Leben – und ich habe dafür nicht einmal heiraten müssen. Während andere Menschen in meinem Alter sehnsüchtig auf das warten, was bei 40 Jahren Eheleben eben so dazugehört (Geburten, Nachbarschaftsklagen, Scheidungen, Erbstreit), ziehe ich meinen besten Blazer für 39.90 Franken an und mache mich auf zum Lorenz Adlon Esszimmer im Adlon Kempinski Hotel Berlin, um mir das Essen zum Preis meiner Monatsmiete einzuverleiben.  

Was soll ich sagen: Alles ist natürlich sehr schick. Mit ein bisschen Fantasie könnte man meinen, gemeinsam mit Rose DeWitt Bukater im Speisesaal der Titanic zu sitzen. Mit dem kleinen Unterschied, dass sie wüsste, wie man eine Serviette auf dem Schoss richtig faltet.  

Anyway. Der direkte Blick aufs Brandenburger Tor holt einen wieder zurück vom Atlantischen Ozean in die Realität der zahlenden Gäste.

Mit einer aufmerksamen Regelmässigkeit schiebt man mir den Sessel ins Kreuz, wenn ich mich an meinen Platz begebe. Nach der Reihe stellen sich alle bei der nun folgenden Zeremonie Anwesenden vor, ohne nach meinem Namen zu fragen. Macht man das so in der High Cuisine? Gehen sie davon aus, dass ich Bloggerin bin? Ich bitte Sie! Ich platziere das Notizbuch am Rande des Rundtisches. Soll zumindest ein bisschen journalistisch ausschauen, wenn ich schon Blanc de Blancs (google panisch: «What is a blanc de blanc») nicht von südfranzösischen Landweinen unterscheiden kann. Bisher! 

Ich als fancy Inszenierung.
Ich als fancy Inszenierung.

Schluss mit den Gepflogenheiten der besseren 1%, ihr wollt bestimmt das Essen sehen.  

Der Gruss des Hauses:

Ganz wichtig: Dass es vor dem eigentlichen Essen Essen gibt. Der Gruss des Hauses kommt vor der Vorspeise und trägt die Unterschrift des Meisters Hendrik Otto. Erkennen tut man das an den drei Majo-Tüpfelchen am Rande des Tellers, die ich schnell mit einem Stück (mehr gibt es auch nicht) Curry-Popcorn auf Dinkelchip in meinen Mund führe.  

Vorspeise 2:
Brot in heissem Stein

So, jetzt kommt sie aber wirklich, die Vorspeise nach der Vorspeise, diesmal in Form eines Brotkorbs mit heissen Steinen. Achtung, heiss! Drinnen verstecken sich Butterbrötchen mit Zitronen-Thymian und Honig-Malz-Muffins. Dazu gibt es Trüffelsauce und Parmesan-Knabberstangen. Ich nenne die nur so, damit ihr wisst, was ich meine – nur damit wir uns hier nicht falsch verstehen. Ein bisschen erinnert das Ganze trotz Noblesse an den Teich meiner Grossmutter.  

So, jetzt ist Schluss mit den Gaumen-Aufwärmern. Kommen wir zu den sieben Hauptgängen. Oh mein Gott, sieben.

1. Gang:
Makrele mit knuspriger Hühnerhaut, Zwiebelconfit mit Makrelenhaut und Zitrusbrot

Geschmacklich hänge ich noch der Trüffelsauce nach, macht aber nichts: auch zum ersten Gang gibt es ein lecker-puffiges Brötchen. Dazu die zarte Makrele, die pipfeine Sashimi-Konsistenz beweist und viel zu schnell verspeist ist. Menno!  

Wer sich sonst von auf dem Heimweg verschlungenen Sandwiches ernährt, muss sich jetzt in Geduld üben. Zu jedem Gang ist zumindest ein 0,1 dl Glas Wein, Sekt oder Champagner vorgesehen, die sich wegen zu langsamem Trinken vor mir aufreihen wie früher die Cocktailgläser bei der «Zwei zum Preis von einem»-Happy Hour in der Dorfdisko. Und das, bevor man irgendetwas wahrlich Saugfähiges im Magen hat.

2. Gang:
Krustentierfond mit Fenchel, Pastiskaviar, Avocado und Basilikum

Endlich mal was, das ich kenne. Zum Fond gibt es wieder Deko-Cracker, diesmal mit Tomate und Avocado. Statt der Tomate hätte ich lieber ein bisschen mehr vom Fond gehabt.

Damit das Aroma nicht nur auf meiner Zunge entfaltet wird, bekommen wir einen dampfenden Teekessel dazugestellt, der den Tisch in eine angenehme Lagune aus Fischfond verwandelt.

3. Gang:
Auster in gestocktem Austernsaft mit Gurkeneis und Dill

Auster liegt neben Auster neben Auster, in gestocktem Austernsaft mit Dille. Hatte ich schon die Auster erwähnt?  

Dazwischen: Gurkeneis, das vom Service mit einer Weissweinbuttersauce übergossen wird. Und hier wird es spannend. Denn plötzlich geht es nicht mehr so sehr um das, was hier drinnen schwimmt, sondern welche Konsistenz die Austern und ihre Begleiter durch die unterschiedlichen Temperaturen entwickeln.

Heiss, kalt, schmelzend schlürfe ich so leise wie möglich die erste Auster und erfreue mich an der detaillierten Komposition. Auch hiervon hätte ich noch gerne etwas zum Mitnehmen!  

4. Gang:
Schellfisch mit Tomatenauszug und Aubergine, Zitrone, Staudensellerie sowie Apfel- und Korianderfüllung in Mini-Makis

Man ahnt schon, hier geht es weiter in Richtung Molekularküche. Oder, wie man heute sagt: experimental cuisine. So bekommen die Zutaten eigentlich recht altbackender Rezepte durch physikalische Prozesse eine neue Textur.  

Wer errät als Erstes, auf was der Schellfisch liegt? Kleiner Tipp: Man kennt den Glibber eigentlich recht gut: Es ist der Teil der Tomate, der beim Schneiden austritt und das Holzbrett in eine Rutschpartie verwandelt. Bei diesem Tomatenauszug hat man auf Schale und Kerne verzichtet. Wer es nicht weiss, würde die Tomate vielleicht gar nicht schmecken. Als Antitomatenliebhaberin muss ich sagen: schmeckt tadellos. Die Optik dieses Stücks Fisch ist eigentlich auch zu schön, um sie zu zerstören. Highlight on top: die knusprige Fischhaut.  

Wehmütig denke ich an die diversen mir noch bevorstehende Mittagstreffen, die in überholten Hipster-Läden mit «moderner deutscher Küche» (ergo Schnitzel mit Bratkartoffeln, serviert auf skandinavischen Second Hand Tischlein) stattfinden werden. Ich möchte weinen, als der Gang zu Ende ist. Jetzt hilft nur noch ein edler Tropfen aus 2011.  

5. Gang:
Confierter Schweinebauch mit Kardamom, Sojasauce, Wildreis und Minze

Mein Favorit bisher: Schweinebauch-Makis. So zart kann also Fett schmecken, wenn man es nicht mit BBQ-Sauce übertreufelt drei Stunden unbeaufsichtigt über dem Rostgrill von Rudolf hängen lässt.  

Über die Tüpfelchen komm ich nach wie vor nicht hinweg. Soll man das essen? Lässt man das aus Höflichkeit stehen? Ich sollte nachfragen, traue mich aber nicht. Dabei sind die doch alle unbeschreiblich nett hier!

6. Gang:
Schwäbischer Zwiebelrostbraten mit den wohl kleinsten Käsespätzle der Welt, Speckbohnen, Schmorfond und Pfefferkraut

Auf dem Zwiebelrostbraten: geschmorte Schalotten, die das edle Stück Fersenfilet zum wohl Besten machen, das ich je gegessen habe. Einzig das Blumengesteck in Form einer modernen Frühlingsrolle verstehe ich nicht ganz, schmeckt trotz Optik zu sehr nach Kunst.  

Und hier hätten wir die Käsespätzle:

Als Normalverdiener einen Abend im Lorenz Adlon Esszimmer zu verbringen hat etwas von Jack Dawson, der mit den feinen Leuten auf der Titanic Champagner trinkt, weil er ein glückliches Händchen beim Poker hatte. Während eins versucht, den Geschmack jedes Bissens so zu geniessen als wäre es das letzte Abendmahl, schwankt der ahnungslose Körper zwischen gefährlicher Nähe zum Food-Koma und süffisantem Vollrausch.  

7. Gang:
Soufflierter Flammkuchen mit Blauschimmelkäse, eingemachter Birne, Frisée, Pinienkern-Trüffelvinaigrette und Kerbel

Endlich sind wir beim Dessert angelangt. Inzwischen diniere ich seit drei Stunden.  

Was ein bisschen wie aufgepuffte Dinkelwürmer aussieht, ist hier die essbare Dekounterlage für das, was eigentlich im Fokus der Aufmerksamkeit steht: der soufflierte Flammkuchen mit Blauschimmelkäse.

Langsam aber doch setzt das Sättigungsgefühl ein.

Am liebsten würde ich meine Finger in die Schüssel tauchen wie einst die zauberhafte Audrey Tautou am Marktstand in «Die fabelhafte Welt der Amelie». Stattdessen versuche ich die einzelnen Ingredienzen wie Frisée (Chicoré) und Kerbel (eine Pflanzengattung innerhalb der Familie der Doldenblütler – okay) herauszuschmecken und bleibe letztlich doch beim Käse hängen, den ich mit Wein aus den hintersten Ecken meiner Mundhöhle spüle.  

Funfact: Wenn ich den Wein nicht schnell genug trinke, wird er ausgetauscht, damit ich mir meine Geschmacksknospen nicht an einem alten Schluck Wein verderbe. Chapeau!  

Bei zwei Vorspeisen gibt's natürlich auch ein «Vorderssert».

Vordessert:
Etwas, das wie die edle Variante von Magnum aussieht

Auch hier wird wieder sehr viel Wert auf die Präsentation gelegt. Das Eis kommt aus einer dampfenden Schatztruhe – und ich schwanke dank des fünften Glases Wein auch schon wie auf der Black Pearl.

«Richtiges» Dessert:
Limonenparfait und Schokoladenmousse mit Minzkern, Teesorbet und Mandelmilch sowie Zitronenthymian

Sie sind schon ein bisschen gemein – auch im Adlon. Wie unfair ist es, diese himmelsgleiche Dessert-Kreation zu zerstören, einfach nur indem man sie mit Speichel mischt und die Speiseröhre hinuntergleiten lässt, wo sie im Bauch gemeinsam mit den sieben anderen Gängen ihr trostloses Dasein bis zur Ausscheidung fristet? Da hilft nichtmal der Gedanke, dass sie dort auf die besten Weine der Welt trifft.  

Falls ich euch jetzt den Appetit verdorben habe: gut so! Das Abendessen kostet pro Kopf knappe 400 Franken und ist damit wohl wirklich nur für wenige Menschen erschwinglich.

Sich einmal nicht wie die 99 %, sondern die 1 % fühlen, hat Spass gemacht und zu künftigen beruflichen Höchstleistungen angespornt. Damit man irgendwann wieder hier sitzen kann, inklusive diesem sagenhaften Ausblick aufs Brandenburger Tor bei Sonnenuntergang, mit sich und dem bisherigen Leben zufrieden ist und für einen Moment innehält, während die talentiertesten Köche und Sommeliers der Bundesrepublik das Beste, was die Erde uns an Nahrungsmitteln zur Verfügung gestellt hat, in eine Relation setzen, die man so noch nie gefühlt hat.  

Und weil zwei Desserts nicht genug sind, gibt es im Anschluss die Interpretation eines modernen Adventskranzes ohne Kerzen, dafür mit ...

... zweierlei gefüllten Muffins, weisser Schokolade mit Rosmarin in essbarem Papier und der Minivariante einer Schwarzwälder-Kirschtorte

Dazu ein Kirschwasser – à votre santé.  

Wer einen unvergesslichen Abend möchte und die finanziellen Mittel besitzt: Warum nicht? Essen ist auch eine Form des Luxus. Es soll Menschen geben, die ihr Geld für nichts anderes ausgeben.

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