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Der kroatische Jubel nach dem erstmaligen Einzug in den WM-Final. bild: twitter

Kommentar

Kroaten sind kaputte Leute – doch wir werden Weltmeister

Toni Lukic / watson.de



Ich kann es heute immer noch nicht realisieren, wenn ich darüber nachdenke: Kroatien im WM-Finale. Jebote! Ich war schon daran gewöhnt, dass meine Mannschaft immer wieder aufs Neue scheitern würde. Aber dieses Herz, das diese Generation – meine Generation – gezeigt hat, in allen K.o.-Spielen nach Rückstand zurückzukommen, nach drei Verlängerungen immer noch zum Vollsprint anzusetzen, das verdient allen Respekt dieser Welt.

Dieser Finaleinzug ist nicht einfach nur der überraschende Erfolg einer kleinen Underdog-Nation von vier Millionen Einwohnern. Dafür ist die Geschichte dieses Landes zu untrennbar mit dieser Nationalmannschaft verbunden.

Im Sommer 1998, Kroatien war gerade einmal sieben Jahre unabhängig, gewann das Land bei seiner ersten Weltmeisterschaft sensationell Bronze und fegte Deutschland im Viertelfinale mit 3:0 vom Platz. Das alles mit legendären Spielern, einem Trainer-Schlitzohr und mit technisch schönem Fussball in unverkennbarem Schachbrett-Trikot.

Ich war damals neun Jahre alt, lebte seit vier Jahren in Deutschland und sass mit riesigen Augen vor dem Fernseher. Wohl genauso wie die Spieler, die gestern England vom Platz schossen. Kroatien erlebte in diesem Sommer sein Wunder von Bern. In den nächsten Jahren hatten viele meiner Landsleute Probleme, die Bodenhaftung zu behalten.

Kroatien war das Land mit der malerischsten Küste, mit im Vergleich zur Einwohnerzahl den erfolgreichsten Sportlern und warmherzigen Menschen. Wenn in irgendeinem ausländischen Beitrag über Kroatien als gastfreundliches Touristenziel gesprochen wurde, dann war das kroatischen Zeitungen Leitartikel wert. Das sind wohl die Komplexe eines kleinen Landes. Bei all den kleinen Nationen des ehemaligen Jugoslawien sind diese aber nochmal ausgeprägter.

So kam Kroatien in den Final:

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Video: YouTube/FIFATV

Doch Kroatiens schöner Schein erlebte schnell einen Reality-Check. Heute kämpft Kroatien mit Korruption, einer stagnierenden Wirtschaft, mit Konflikten zwischen den kulturell und wirtschaftlich extrem unterschiedlichen Regionen und mit einer grassierenden Auswanderung. Und trotzdem sprachen Radiomoderatoren lieber darüber, dass irgendeine Website den Weihnachtsmarkt in Zagreb als schönsten in Europa wählte, während das Land 2016 schon wieder 30'000 Einwohner weniger als im Vorjahr hatte.

Über drei Millionen Kroaten leben im Ausland, viele identifizieren sich mit Kroatien, die wenigsten träumen aber von einer Rückkehr. Trotzdem werden in Kroatien immer mehr Schachbrettmuster auf Verpackungen gedruckt, die Kriegsveteranen treiben die Politiker vor sich her, während «Heimat»-Rocker Thompson Stadien füllt mit Jugendlichen, die teils faschistische Symbole zur Schau stellen.  

Diese Ambivalenz von herzlichen, gebildeten Leuten und nationalistischer Dogmatik ist furchtbar kompliziert. Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass Kroatien erst seit 1991 eine Republik ist. Und dass diese Unabhängigkeit in einem blutigen Konflikt erkämpft wurde. Dies war der dritte verheerende Krieg im 20. Jahrhundert. Diese Wunden sind in Kroatien oder in den anderen Ländern des ehemaligen Jugoslawien weder verheilt noch aufgearbeitet.

In Kroatien sagt man nicht umsonst den einfachen Spruch: «Naši ljudi su pokvareni» – unsere Leute sind kaputt. 

Und die Nationalmannschaft? Die war immer ein Spiegel ihres Landes. Immer wurden die Stars aus den Top-Klubs gefeiert, doch in den entscheidenden Momenten bei den Turnieren fehlten die Resultate. Und im Hintergrund grassiert weiter die Korruption. Der WM-Held von 1998 Davor Šuker, der gerne in der dritten Person von sich spricht, ist einer der besten Freunde von Zdravko Mamić, dem Ex-Präsidenten von Dinamo Zagreb, der sich persönlich mit Spielertransfers bereicherte und nun zu 6,5 Jahren Haft verurteilt wurde. Für ihn sagte auch Luka Modrić vor einem Gericht falsch aus.

Nationalistische Skandale gab es auch zur Genüge, etwa als Joe Šimunić per Mikrofon den faschistischen Ruf «Za Dom Spremni» an die Fans richtete, oder als Unbekannte ins Stadion von Split einbrachen, um ein Hakenkreuz auf den Rasen zu ätzen und den Verband zu blamieren. Und die neue goldene Generation um Modrić, Rakitić, Mandžukić und Perišić drohte, unter dem ganzen Wirrwarr erneut einzuknicken.

Vielleicht wird jetzt klar, warum dieser Finaleinzug sich wie ein Wunder anfühlt, das mich ratlos macht. Wie ist uns ein Spiel vor Ende der Qualifikation dieser unbekannte aber menschlich absolut integre Trainer Dalić in den Schoss gefallen? Wie kann es sein, dass wir gegen Dänemark im Elfmeterschiessen weitergekommen sind, obwohl Modrić drei Minuten vor Schluss den Elfmeter kläglich vergab? Wie haben wir es ins Finale geschafft ohne übertriebene Schauspielerei und unfaire Härte? Wie sind wir in jedem K.o.-Spiel nach Rückstand zurückgekommen? Woher nehmen diese Spieler die Kraft, in der 120. Minute der dritten Verlängerung hintereinander noch den Torwart anzurennen? Woher kommt dieser unbändige Wille?  

Ich kann es nicht sagen. Ich weiss nur, dass diese Spieler zu Vorbildern im ehemaligen Jugoslawien geworden sind. Die meisten Menschen in Serbien oder Bosnien-Herzegowina feuern die Kroaten bei dieser WM an. Weil sie sich in dieser Mannschaft wiederfinden. Weil diese kroatische Nationalmannschaft kämpft und Frankreich niederringen wird. Und weil sie zeigt, dass Aufgeben keine Option ist und man seinen schlechten Seiten nicht freien Lauf lassen muss. Das ist nicht nur für Kroatien ein wichtiges Signal. 

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