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Bhagwan-Anhänger lauschen den Worten ihres Gurus.
Bhagwan-Anhänger lauschen den Worten ihres Gurus.Bild: keystone
Sektenblog

Der schwierige Ausstieg aus dem Sekten-Gefängnis

Nach dem ersten Höhenflug folgt die Skepsis – und später die kritische Auseinandersetzung. Sektenaussteiger machen oft ähnliche Entwicklungen durch. Nicht selten ist jedoch auch der Ausstieg kein endgültiger Ausweg.
17.04.2018, 08:06

Mitglieder von strenggläubigen Gruppen fallen aus allen Wolken, wenn ihre Gemeinschaft als Sekte eingestuft wird: «Ich, ein Sektenanhänger? Das ist völlig absurd», antworten sie aus tiefster Überzeugung. «Sekten sind alle anderen Bewegungen, aber doch nicht wir!»

Zur religiösen oder ideologischen Überzeugung – «wir sind auserwählt und vertreten den einzig wahren Glauben» – kommt die gefühlsmässige Konditionierung. Frisch rekrutierte Gläubige erleben in der Regel ein überwältigendes emotionales Schaumbad, oft eine wahre Euphorie.

Die vermeintliche Gewissheit, die religiöse Wahrheit und die auserwählte Gemeinschaft gefunden zu haben, lassen die Gefühlswelt explodieren. Alle Sorgen und Nöte fallen von den Missionierten ab, die rosige Zukunft schillert in den schönsten Farben und ist auf alle Ewigkeit gesichert, glauben sie. Die Glücksgefühle sind mit dem Zustand des Verliebtseins zu vergleichen.

Philipp Höhener (l.) schildert seinen Ausstieg aus den Siebten-Tags-Adventisten bei TeleZüri. Watson-Blogger Hugo Stamm (m.) nahm an dem Gespräch auch teil.
Philipp Höhener (l.) schildert seinen Ausstieg aus den Siebten-Tags-Adventisten bei TeleZüri. Watson-Blogger Hugo Stamm (m.) nahm an dem Gespräch auch teil.Screenshot: tele züri

Dieser psychische Ausnahmezustand wird durch die grosszügige Ausschüttung von Glückshormonen hervorgerufen. Endorphine können also ein Erweckungs- oder Gotteserlebnis vorgaukeln. Der emotionale Höhenflug wird von den Gläubigen gern als Beweis für das Wirken Gottes interpretiert.

Freikirchen sagen frischen Gläubigen Sätze wie: «Jetzt hast du Jesus in dein Herz aufgenommen.» Der Glaube, der Sohn Gottes sei nun ständiger Wegbegleiter, ist für ihre Anhänger überwältigend.

Die Gläubigen werden von Zweifeln heimgesucht, wenn das Glaubensfeuer nicht mehr lichterloh brennt.

Doch das «ewige Glück» lässt sich nicht konservieren. Ein permanenter hoher Endorphinpegel wird zur Tortur oder zur Qual. Die spirituelle Abkühlung führt im Lauf der Jahre zur Verunsicherung. Die Gläubigen werden von Zweifeln heimgesucht, wenn das Glaubensfeuer nicht mehr lichterloh brennt. Hinzu kommt die Enttäuschung, dass es in der vermeintlich auserwählten Heilsgemeinschaft zu Unstimmigkeiten, Spannungen oder gar Übergriffen und Intrigen kommt.

Die Ernüchterung motiviert Gläubige und Sektenanhänger, die noch einen Rest an geistiger Autonomie bewahrt haben, Recherchen anzustellen. Dabei stossen sie auf kritische Berichte und Texte von Aussteigern, die besonders glaubwürdig wirken. Das ist meist der erste Schritt der Entfremdung und letztlich zur Ablösung.

Alle Hoffnungen fallen in sich zusammen

Dieser Prozess ist extrem schmerzhaft. Alle Hoffnungen fallen in sich zusammen, der vermeintlich befreiende Glaube zerbröselt. Die Aussteiger fallen in ein Loch und rutschen in eine Existenzkrise. Kommt hinzu, dass sie ihr Leben und ihre sozialen Beziehungen auf die Gemeinschaft ausgerichtet haben.

Die soziale Isolation wird zur Belastung. Es fehlen Beziehungen zur Aussenwelt. Die Abtrünnigen müssen in der Umgebung wieder Fuss fassen, die sie jahrelang als fehlgeleitet und feindlich wahrgenommen haben.

In dieser «National Geographic»-Doku berichten drei Sektenaussteiger von ihren Erfahrungen.Video: YouTube/Nannie Gamble

Diesen Prozess durchlief auch Philipp Höhener. Er war in eine Familie der Siebten-Tags-Adventisten hineingeboren worden, einer christlichen Freikirche. Wie schwer der Ausstieg für ihn war, schildert er in diesem Artikel:

Aufschlussreich ist auch sein Auftritt in der TeleZüri-Sendung «talk täglich» vom vergangenen Dienstag.

Der Ausstieg gelingt nicht allen Sektenanhängern so gut wie Philipp Höhener. Viele Abtrünnige erleben psychische Probleme, manche rutschen in eine Depression oder Psychose ab. Nicht selten verüben Aussteiger in ihrer Verzweiflung Suizid. Was euphorisch begann, endet oft in der Ausweglosigkeit.

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Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.
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106 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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irgendwie so:
14.04.2018 10:23registriert Oktober 2016
Ich finde, es ist immer immer schmerzhaft, Abschied z nehmen - sich eingestehen, dass man einen falschen Weg eingeschlagen hatte.
Andererseits geht es dem entlassenen Karrieremenschen nicht anders - auch er verliert u.U. alles (bis zum Suizid).
Wünsche allen Aussteigern(aus 'Sekte', Karriere, Sportbesessenheit, Schönheitswahn etc.) dass sie aus der Opferrolle herausfinden und sich wieder als selbstbestimmt wahrnehmen. Ist ein schmerzhafter aber durchaus lohnender Weg auf dem ironischerweise religiöse Begriffe wie Vergebung, Selbstannahme, Neuanfang eine wichtige Rolle spielen....
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p4trick
14.04.2018 11:00registriert März 2017
Hallo Herr Stamm. Im Prinzip sind doch Katoliken und Reformierte genau gleich? Ich bezeichne die Kirchensteuer als Sektenabgabe und den Papst als Seken Guru. Auch all die Bischoffe etc. Eine einzige Sekte die noch vom Staat unterstützt wird. Oder etwa nicht? Was ist der Unterschied von "mit Taten in den Himmel kommen, tue Busse, beichten etc" (Katoliken) zu "du bist gerettet" (Freikirchen)
Ich sehe den Zwang und die Steuer die offensichtlich indoktriniert auferlegt wurde Bei den Katoliken auch bedenklich. Oder ist das keine Sekte weil dieser Glaube mehr verbreitet ist?
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