DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Ritual eines Sadhus.
Ritual eines Sadhus.
Bild: keystone
Sektenblog

Kumbh Mela – die dunklen Seiten des fröhlichen Hindu-Festivals

Kumbh Mela im indischen Allahabad ist das weltweit grösste religiöse Fest. Es präsentiert die Vielfalt des Hinduismus – und auch die Auswüchse der Religion.
21.01.2019, 09:09

Rituelle Waschungen gehören in vielen Religionen zu den wichtigen, oft gar heilige Handlungen. Im Islam erfolgen sie nach klaren Regeln vor dem Gebet, im Christentum wusch Jesus die Füsse seiner Jünger vor dem Abendmahl.

Meister darin sind aber die Hindus, für die die Waschung eine Reinigung im spirituellen oder religiösen Sinn ist. Wer in einen heiligen Fluss taucht, wird angeblich von Belastungen und Sünden befreit. Und Gläubige, die zum Beispiel nach dem Tod im Ganges gewaschen und anschliessend verbrannt werden, finden den direkten Weg ins Jenseits.

Welche Bedeutung die rituelle Waschung in Indien hat, demonstriert das Festival Kumbh Mela, das zurzeit in der nordindischen Stadt Allahabad stattfindet. In den nächsten  Wochen werden rund 150 Millionen Gläubige erwartet. Es ist weltweit das grösste Massenereignis und für Hindus vergleichbar mit der Pilgerfahrt Haddsch von Moslems nach Mekka.

Mehr zur Kumbh Mela:

Speziell an diesem religiösen Fest ist, dass es auf astrologischen Grundlagen beruht. Die Gestirne bestimmen also, wann der Zeitpunkt für eine rituelle Waschung günstig und aus religiöser Sicht wertvoll ist.

Die Potenzierung des Aberglaubens

Eine besondere Wirkung entfaltet das Ritual angeblich nur, wenn Jupiter, Mond und Sonne in einer bestimmten Konstellation sind. Es sind also nicht primär die Götter, die die Gläubigen spirituell reinigen, hauptsächlich verantwortlich sind die heiligen Flüsse und astrologische Bedingungen. Das ist eine Potenzierung des Aberglaubens.

Das Bad der Unsterblichkeit – eine Arte-Reportage

Allahabad eignet sich speziell als Festivalgelände, weil in dieser Gegend die heiligen Flüsse Ganges, Yamuna und Saraswati zusammenfliessen. Die Hindus waschen sich nicht nur darin, sie trinken auch davon. Dabei kümmert es sie nicht, dass das Wasser schwer belastet ist, vor allem auch mit Schwermetall. Fachleute sprechen von einer Kloake. In der Schweiz würde wohl ein Badeverbot ausgesprochen.

Hier liegt Allahabad:

Sadhus, also Bettelmönche, sagten mir bei einem Besuch vor ein paar Wochen, das Wasser sei nur biologisch nicht sauber, spirituell aber äusserst rein. In Varanasi, wo regelmässig Leichen versenkt werden, trinken sie fast ausschliesslich Flusswasser.

122‘000 mobile Toiletten

Das Festival in Allahabad findet auf einem Gelände statt, das sich über viele Quadratkilometer erstreckt, wie ein Augenschein zeigte. Eine Zahl dokumentiert das Ausmass. Die Organisatoren haben 122‘000 mobile Toiletten über die riesige Zeltstadt verteilt, die täglich geleert werden. Ausserdem wurden riesige Wassertanks in den Boden versenkt.

Bild: EPA

Auf dem Gelände haben viele religiöse Bewegungen und Hindusekten ihr Zentrum eingerichtet. Darunter finden sich radikale Gruppen, die die Bandbreite religiöser Strömungen aufzeigen.

Die Auffälligsten dürften die Aghori sein, die Furchtlosen. Sie provozieren die Gesellschaft und brechen mit Vorliebe Tabus der gröberen Art. Sie trinken gern Urin aus Totenköpfen. Ausserdem wird ihnen nachgesagt, sie würden auch mal Menschenfleisch essen, wenn sich die Gelegenheit ergebe. (In Indien sterben viele Namenlose in der Öffentlichkeit.)

Viele Mönche lassen sich die Haare wachsen und streichen am Festival den Körper mit Asche ein
Viele Mönche lassen sich die Haare wachsen und streichen am Festival den Körper mit Asche ein
Bild: keystone

Das ist möglicherweise eine Legende, doch die Aghori kultivieren den Mythos gern. Der Verzehr von Fäkalien gehört zur Abhärtung und gilt als Ritual. Ihren Körper reiben die Aghori gern mit der Asche von Kremierten ein.

    Sektenblog
    AbonnierenAbonnieren

Die Aghori wenden sich radikal von der Welt ab und leben asketisch. Drogen gehören allerdings zur Grundnahrung. Sie streiten ab, psychedelische Substanzen als Genussmittel zu konsumieren. Vielmehr würden diese die Konzentration bei der Meditation fördern.

Religiöse Auswüchse

Dass sich viele Menschen vor ihnen und ihren angeblich magischen Kräften fürchten, scheint ihnen gelegen zu kommen. Sie geniessen den Status der Gefürchteten und Wahnwitzigen.

Kumbh Mela ist ein buntes, lärmiges und fröhliches Festival, das die Vielfalt des Hinduismus dokumentiert. Es zeigt aber auch, wie Religion die Fantasie der Gläubigen unheilvoll anregen und aberwitzige Auswüchse produzieren kann.

Sektenblog

Alle Storys anzeigen
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Themen

Sektenblog

Radikal religiös: Wie Freikirchler ihre Kinder züchtigen, weil die Bibel es verlange

Der Kriminologe Christian Pfeiffer hat Untersuchungen angestellt und erstaunliche Resultate zur Prügelstrafe von Gläubigen erhalten.

Jede Religion und jede Glaubensgemeinschaft trägt im Kern das Sektenhafte in sich. Schliesslich geht es um die letzten Dinge und die göttliche Autorität. Also um den höheren Sinn, um Transzendenz und Metaphysik. Und um die Deutungshoheit in diesen existentiellen, religiösen und spirituellen Belangen: um alles oder nichts.

Liberale Gläubige, die ein kritisches Bewusstsein bewahrt haben, kennen die Gefahren und lassen sich höchstens partiell vereinnahmen. Anders radikale Gläubige, wie sie in …

Artikel lesen
Link zum Artikel