Sie ist jung, attraktiv und erfolgreich. Auf den Social-Media-Plattformen wie Instagram und TikTok hat sie mehrere Millionen Follower. Sie ist Model und Influencerin. Und eine überzeugte Christin.
Die 22-jährige Millane Friesen ist ein Glamour-Girl, das aus ihrem strengen Glauben kein Geheimnis macht. Bei ihr prallen zwei widersprüchliche Lebensstile aufeinander. Lifestyle bis zum Personenkult, erotische Auftritte in den Videos, aber strenger Glaube und kein Sex vor der Ehe.
Die Zeiten, in denen strenggläubige Christinnen in Sack und Asche, sprich in langen Röcken und mit hochgesteckten Haaren, durchs Leben huschten, sind vorbei, wie christliche Influencerinnen demonstrieren. Glamour und Glaube sind heute zwei Seiten der gleichen Medaille.
Ihr Credo: Wir machen dort Werbung für Jesus und Gott, wo wir junge Leute erreichen. Mit High Heels und in Designer-Klamotten.
In Interviews sagte Millane Friesen, sie verbringe Zeit mit Gott und lese in der Bibel. Und wörtlich: «Gott ist mein Fundament.» Er habe ihr Herz geheilt, sie beschützt und zu ihr gesprochen. Mit anderen Worten: Sie nutzt ihre grosse Reichweite in den sozialen Medien, um Jugendliche und junge Leute für Gott zu interessieren.
Friesen ist zwar primär eine Lifestyle-Influencerin, doch sie tritt immer mal wieder als gestylte Missionarin auf und wirbt mit Vidos für ihren Glauben. So tanzt sie zum Beispiel zu einem Lobgesang auf Jesus wie eine aufgetakelte Diva und hält die Bibel in die Kamera.
In einem anderen Video schwenkt die Kamera formatfüllend auf die Bibel. Die kurze Sequenz wurde von 1,7 Mio. Instagram-Usern angeklickt und von über 100‘000 geliked. Beste Werbung für den christlichen Glauben, eingebettet in Klamaukvideos für Luxusmarken wie Dior und Prada. Vor meinem geistigen Auge taucht Jesus in der Krippe in einem Stall in Bethlehem auf.
Millane Friesen propagiert ihren Glauben voller Stolz. Er sei Teil ihrer Identität. Deshalb könne sie ihn gar nicht aus den sozialen Medien heraushalten.
Mit ihrem konservativen Glauben ist sie eine begehrte Influencerin für Freikirchen. Diese laden sie zu Gottesdiensten ein, damit sie ein Glaubenszeugnis ablegen und über ihr Leben mit Jesus berichten kann. Auch die Freikirchen des ICF (International Christian Fellowship), die ihre Wurzeln in Zürich haben, holen sie gern auf ihre grossen Bühnen.
Andere erfolgreiche Influencerinnen machen ihren strengen christlichen Glauben zum zentralen Inhalt ihrer Videos auf Instagram und TikTok. Die bekannteste Missionarin auf den Social-Media-Plattformen im deutschsprachigen Raum ist die 28-jährige Ärztin Dr. Jana Hochhalter. Da ihr Name nicht nach Glamour klingt, nennt sie sich Jana Highholder.
Sie hausiert mit ihrem Doktortitel und sagt, gläubig und Ärztin zu sein passe gut zusammen. Sie habe in ihrer Forschung zeigen können, dass Spiritualität positive Auswirkungen auf die Krankheitsbewältigung habe. Immerhin gibt sie kleinlaut zu, dass dies nicht immer der Fall sei, sondern vor allem dann, wenn sich Spiritualität religiös versteht.
Mit anderen Worten: Es muss der richtige Glaube sein. Das durfte sie in ihrer wissenschaftlichen Arbeit natürlich nicht erwähnen.
In einem Video auf Instagram erklärt sie, die wichtigste Entscheidung sei, das Leben mit Jesus zu verbringen. Ein Video trägt den Titel: «Ich will dir keinen Glauben aufzwingen. Ich würde dich nur gern im Himmel wiedersehen.»
Jana Highholder und ihre Blog-Partnerin Jasmin Neubauer thematisieren in ihren Postcasts vor allem Sex, Familie, Liebe und die gesellschaftlichen Rollen von Frauen und Männern.
Neubauer produzierte einen Podcast zum Thema: «Warum Sex vor der Ehe dich zerstört». Und Hochhalter postete ein Video mit dem Titel: «Such dir einen Mann aus, der deiner Unterordnung würdig ist.»
Die Rollenteilung der jungen Influencerinnen ist klar: Der Mann ist nach biblischem Vorbild das Oberhaupt der Familie, die Frau hat sich unterzuordnen. Die Ehe ist nur Frauen und Männern vorbehalten. Abtreibung und Homosexualität werten sie als Sünde.
Die beiden jungen Frauen machen keinen Hehl aus ihrem anachronistischen Glauben. «Ist es überhaupt Glaube, wenn er nicht radikal ist?», fragt Neubauer in einem Post auf Instagram.
Und ein gemeinsamer Podcast trägt den Titel «Warum wir lieber Atheisten statt liberale Christen wären», zitiert sie das Sonntagsblatt.
Martin Fritz, wissenschaftlicher Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, bezeichnet die beiden Frauen im Interview mit dem deutschen Sonntagsblatt als rechtsevangelikale Christfluencerinnen. «Die beiden verkörpern sozusagen die Vermählung von Rechtspopulismus und evangelikalem Christentum», sagt der Theologe.
Das von den Influencerinnen propagierte Christentum sei «eine Form von reaktionärem, antimodernem Christentum, das eben auch einen scharfen Drive in Richtung Rechtspopulismus hat und deswegen demokratieschädlich ist».
In den Parteiprogrammen finde sich ein solches patriarchales Familienverständnis heute fast nur noch bei rechtspopulistischen bis hin zu rechtsextremen Parteien, sagt Dr. Gert Pickel, Professor für Religions- und Kirchensoziologie an der Universität Leipzig. «Sie vertreten ein ähnliches Bild wie die religiösen Fundamentalisten, aus einer völkischen Perspektive heraus.»
So überrascht es nicht, dass auch die rechtsradikale deutsche Partei AfD sich nach dem Vorbild von Donald Trump bei den Freikirchen anbiedert. In einem Interview mit dem rechten christlichen Influencer Leonard Jäger sagte die lesbische AfD-Chefin, sie versuche schon länger, dem christlichen Glauben an Gott näherzukommen. Jäger versicherte ihr, viele Christinnen und Christen stünden hinter ihrer Politik.
Radikaler Glaube meets rechtsextreme Politik. Dabei geht es den Exponenten einzig darum, Einfluss und Macht auszubauen.
Fazit: Christliche Infuencerinnen vermarkten Jesus wie andere Schminkkästen oder Designer-Kleider. Personenkult und Selbstdarstellung werden hemmungslos zelebriert. Frei nach dem Motto: Glaube ist cool und geil.
Ich warte darauf, dass die Influencer Jesus als KI-generierten Superstar auferstehen lassen und ihm eine trendige Kurzhaar-Frisur verpassen. Und sein Haar mit dem Markengel «Jesus loves you» glätten.