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Review

Warum mir beim Dokfilm «Expedition Happiness» leider ein bisschen schlecht wurde



Meine Kollegin und ich haben gestern einen gravierenden Fehler begangen. Nein, wir waren nicht bis vier Uhr saufen, obwohl wir um sieben aufstehen und raus mit dem Hund müssen – sondern brav zuhause. Auf der Couch, wo wir die Doku «Expedition Happiness» auf Netflix angefangen haben – und aus dem Staunen über den deutschen Durchschnittstraum gar nicht mehr rausgekommen sind.  

Expedition Happiness

So kommt das offizielle Filmplakat daher. Bild: Central Film

Schon die ersten fünf Minuten brachten uns in Wallungen. Da sitzen zwei privilegierte Anfang-Zwanziger – Felix und Selima – winkend in ihrem (ich zitiere!) «Loft in Berlin» und sind – Surprise, Surprise – trotz allem «nicht glücklich». Berlin sei ja auch «so dreckig und laut!». Na dann, erstmal die eigene Wohnung in einer Stadt auflösen, in der man so schnell nicht wieder an Wohnraum kommt, ohne irgendeinen Plan zu haben. Schnell in die USA fliegen und dort einen Schulbus (!) umbauen, der 30 Liter verbraucht auf 100 km und in der Gegend rumfahren. Storytelling? Spannung? Zero.

Man beobachtet die beiden, wie sie über verlassene Strassen heizen und ihren Berner Sennenhund Temperaturen aussetzen, die schon für Menschen nicht lustig sind.

Zwischendurch gibt es ein paar schöne Landschaftsbilder und Gemüsepfanne. Aufregend. Not. Nicht nur technisch gesehen ist «Expedition Happiness» absolut unprofessionell. Was vielleicht bei einer kleinen Vorführung für Applaus sorgen würde, fällt im Kinosaal garantiert durch.  

Besagter Schulbus:

Was wollen die beiden mit den wahllos aneinander gereihten Aufnahmen noch gleich aussagen? Woher sie das Geld haben, «einfach mal so abzuhauen», um sich um «keine Termine mehr zu kümmern»? Wird nicht erwähnt. Das Einzige, was der Zuseher über die Protagonistin erfährt, ist, dass sie aus einer «krassen Akademikerfamilie kommt», schon früh «Opern sang» und trotzdem keinen Bock auf eine Karriere hatte.

Funfact: gerade die Überprivilegiertheit führt in manchen Fällen dazu, dass die fröhlich vor sich hin musizierenden Kinder reicher Väter und Mütter später auf familiär erworbenes Kapital zurückgreifen können (Sicherheitspolster!) und deshalb explizit gar keine Karriere brauchen, um Geld oder Prestige anzuhäufen.

Ihr Ausbrechen ist damit weder besonders, noch gefährlich. Es ist Zeitvertreib.

Witzig, wie wenig weit die Reflexionsfähigkeit der beiden reicht, wo sie doch extra nach Kanada gefahren sind. Sie entsprechen mit ihren massenmedial verbreiteten Standard-Floskeln («Wir ernähren uns zu 90 Prozent vegan, aber auf Reisen möchten wir so authentisch wie möglich mit den Einheimischen essen!») leider auch nichts weiter als genau dem stereotypen Insta-Traveller, der erst nach einer halben Weltreise kotzend auf der Rückbank erkennt, dass es «ganz schön wäre, mal wieder ein richtiges Zuhause zu haben.» Bis dahin hat er aber leider schon seine Wohnung gekündigt und einen Van gekauft. Tja. Individualität muss echt wehtun, im Kopf und in der Geldbörse.  

«Wir hatten die grosse Freiheit. Aber am Schluss habe ich gemerkt, dass dieses ständige Weiterbewegen für mich nichts ist. Ich brauche ein festes Zuhause.»

Selina in einem Interview

Dass der Hund für den Durst nach «Abwechslung» fast draufgegangen ist? Dass die Umbaukosten des Schulbusses inklusive Fake-Vitra-Sesseln und «Live simple»-Schildchen sicherlich mehrere tausend Euro verschlungen haben, die nicht jeder einfach mal so in die «eigene Happiness» investieren kann? Dass die selbsternannten «Filmemacher» eine Reise-Doku im Selfie-Modus drehten, die nur so vor Erkenntnislosigkeit und Pathos strotzt? Dass nichtvorhandene Planung wenig mit «Flexibilität», und vielmehr mit grosser Naivität einhergeht? All das merken die beiden entweder gar nicht, oder erst dann, wenn sie Probleme bekommen.

Da war die Welt noch in Ordnung:

Expedition Happiness

Bild: Central Film

An den Grenzübergängen zum Beispiel, wo ihnen kurzzeitig der Hund weggenommen wird. «Total frech und unverschämt» finden es die Kiddies, wenn sie mehrere Stunden in der Hitze warten müssen. Dass es den Grenzbeamten herzlich egal ist, wie viele tausend Follower die beiden auf dem gemeinsamen Travel-Account haben? Geschenkt.  

Das, was mich bei der Reise am meisten irritierte, war die Selbstverständlichkeit, mit der sie das Vorhaben verkauften. Frei nach dem Motto: «Macht es doch auch! Jeder kann Freiheit schmecken!» gaukeln sie der 17-jährigen in Buxtehude dieses gute Leben auf Kosten der Umwelt vor. Der Schulbus wurde im Nachhinein übrigens verlost. Jeder, der mitmachen wollte, konnte für 100 Euro ein Ticket kaufen. Am Ende wurde eine Person ausgewählt, die diesen Bus tatsächlich für 100 Euro bekommen hat.

Während also zig Menschen 100 Euro ins Nichts verschleudert haben, lachten sich die beiden Weltenbummler schön ins Fäustchen.

Als nächstes plant das Paar übrigens einen Bildband mit Selimas Kochrezepten aus der Reise – #crowdfunding. Und ein Kind!

Das mediale Ausschlachten ehemals alternativer Lebenskonzepte zur eigenen Bereicherung, sie ist eine Perversion aus der Mitte der Generation Influencer, die 2018 nichts weiter als opportunistisch und leer daherkommt. Während die Hauptprotagonistin – auch «Mogli» genannt, weil sie schon mit 11 Jahren so wahnsinnig alternativ war und Dreadlocks trug – mit ihrer Angus and Julia Stones angehauchten Indie-Musik musikalisch bis nach Schweden kommt, hält ihr Partner in Crime Felix Vorträge über die irgendwann mal hippi’eske Lebensweise.  

Expedition Happiness

#thereallife Bild: Central Film

Scheinbar kann nichts mehr erlebt, nichts mehr getan werden, wenn hinterher nicht ein zumindest okayes Produkt dabei rauskommt, das sich vermarkten, verkaufen und für artverwandte Promo-Zwecke nutzen lässt.

Wenn es schon nicht für die Credibility als Storyteller reicht, dann wachsen für die Doku zumindest ein paar Likes auf den Social-Media-Kanälen rüber – und ein Rattenschwanz an Interviews und Aufmerksamkeit.  

Bravo! Alles richtig gemacht.

Falls du dir sicherheitshalber noch den Trailer anschauen möchtest:

abspielen

Video: YouTube/KinoCheck

Verfügbarkeit: Der Film ist in der Schweiz aktuell auf Netflix abrufbar und hat eine Laufzeit von 95 Minuten.

Hoch lebe der hippe Influencer-Einheitsbrei!

Wie man mit Selfies Geld verdient

Video: srf

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