In der Schweiz gibt es unzählige Beratungsstellen, die viele Themenbereiche abdecken. Die meisten beziehen sich auf das Gesundheitswesen und soziale Belange. Viele werden von öffentlichen Ämtern betrieben, finanziert oder finanziell unterstützt.
Wie sieht es diesbezüglich im Sektenbereich aus? Zappenduster. Obwohl in der Schweiz rund 1000 problematische religiöse, spirituelle, esoterische oder weltanschauliche Gruppen ihr Unwesen treiben und ihre Anhänger indoktrinieren, gibt es in der Deutschschweiz gerade mal zwei Beratungsstellen, die diesen Namen verdienen.
Es handelt sich um relinfo.ch und Infosekta. Relinfo ist ein Verein, der im Auftrag der reformierten Kirche arbeitet und von ihr finanziert wird. Die Beratungsstelle verfügt über eine professionelle Infrastruktur mit mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die gute Arbeit leisten.
Infosekta ist eine unabhängige Beratungsstelle, die sich selbst finanzieren muss. Der Vereinsvorstand arbeitet ehrenamtlich, Geschäftsleiterin Susanne Schaaf führt die Institution weitgehend als Einzelkämpferin. Sie wird unterstützt von einer freien Mitarbeiterin und einem freien Mitarbeiter.
Infosekta hat 2023 von Stadt und Kanton Zürich insgesamt lediglich 70‘000 Franken erhalten, von anderen Kantonen 13‘000 Franken. Deshalb frisst das Fundraising viel Zeit, die bei der eigentlichen Arbeit dringend gebraucht würde.
Weshalb gibt es keine staatlichen Beratungsstellen? Ganz einfach: Politiker und Behörden scheuen das Thema wie der Teufel das Weihwasser. Oder andersherum: Sie haben Angst, in Teufels Küche zu kommen. Denn der religiöse Glaube ist wohl die letzte heilige Kuh.
Niemand will sich die Finger verbrennen und sich in religiösen Fragen exponieren. Die Behörden haben Angst vor den Sekten und vor allfälligen rechtlichen Auseinandersetzungen. Denn die Religionsfreiheit schützt auch Sekten, weshalb Ämter übervorsichtig sind und sich neutral verhalten.
Politikerinnen und Politiker erst recht. Sie befürchten einen Imageschaden und eine Schlammschlacht, wenn sie öffentlich problematische religiöse oder esoterische Gemeinschaften und Gruppen kritisieren oder gar sanktionieren würden.
Ein Beispiel: Reichsbürger, gegen die in Deutschland mehrere Razzien durchgeführt wurden, Scientologen und Staatsverweigerer können bei uns Privatschulen gründen. Deshalb sind die beiden Beratungsstellen besonders wichtig. Ärgerlich ist aber, dass die einzige unabhängige Institution aus finanziellen Gründen das Angebot beschränken muss.
Dieses Fazit lässt sich aus dem aktuellen Jahresbericht von Infosekta ablesen. Die Beratungsstelle hat 2023 rund 3000 Anfragen erhalten, bearbeitet und beantwortet. Diese Zahl zeigt, dass viele Personen von Sektenproblemen betroffen und meist überfordert sind.
Es sind selten Sektenanhänger, die sich an die Beratungsstelle wenden – für Sekten ist Infosekta ein rotes Tuch –, sondern mehrheitlich Personen, deren Angehörige in eine problematische Gruppe abgerutscht sind.
Rat suchen auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von verschiedene sozialen Institutionen wie Schulleitungen, Schulsozialarbeit, offene Jugendarbeit, soziale Dienste, Kinder- und Jugendhilfezentren, Opferhilfe, Kliniken und Praxen, KESB, Kirchgemeinden, Gemeinschaftszentren usw. Infosekta erreichen auch regelmässig Medienanfragen, 2023 waren es 228. Bei 11 Prozent der Ratsuchenden handelt es sich um ehemalige Sektenmitglieder.
Eine andere Zahl zeigt, wie gross das Bedürfnis nach fachlichem Rat ist: Die Anfragen bei Infosekta betrafen 300 verschiedene Gruppen, die negativ aufgefallen sind oder mehrheitlich sektenhafte Aspekte aufweisen.
Nachdenklich stimmt, dass die Hälfte aller Anfragen christliche Gruppen betrifft, mehrheitlich Freikirchen. Klar obenauf schwingen die Zeugen Jehovas mit 21 Prozent. Infosekta erwähnt speziell auch ICF (International Christian Fellowship), Kwasizabantu (Läderach-Skandal) und First Love Church des selbsternannten Bischof Dag Heward-Mills.
Ein Zitat zeigt seine religiöse Verblendung: «Die grosse Liebe Gottes wird dein Leben für immer verändern. Diese Liebe ist grösser als alles, was es auf der Erde gibt. Deine Mutter mag dich lieben, dein Vater mag dich lieben, aber keiner von ihnen wird für dich sterben.» Die Botschaft an die Gläubigen ist unmissverständlich: Jesus ist für dich gestorben, deshalb muss er bei dir an erster Stelle stehen.
Anfragen gab es auch zu den christlichen Gruppen Campus für Christus, FEG, New International Church NIC, Mitternachtsruf, Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen), Shincheonji oder die St. Michaelsvereinigung.
In der Statistik von Infosekta fehlt auch dieses Jahr Scientology nicht, eine der bekanntesten Sekten. Vertreten sind auch Multi-Level-Marketing-Organisationen, esoterische Anbieter, dubiose Lebensberater und Aktivisten im Bereich des Verschwörungsglaubens.
Infosekta organisiert zwei begleitete Selbsthilfegruppen. In der einen treffen sich ehemalige Zeugen Jehovas, in der anderen Angehörige von Sektenmitgliedern.
Das Schwerpunktthema des Jahresberichts widmet Susanne Schaaf den betroffenen Angehörigen. Die Leiterin von Infosekta schildert eindrücklich, wie gross das Leiden und die Ohnmacht der Betroffenen sind. Dabei listet sie die vielfältigen psychologischen Aspekte auf, die traumatische Auswirkungen haben können.
Dieser Artikel zeigt eindrücklich, wie wichtig professionelle Beratungsstellen sind. Er macht auch klar, dass Behörden und Politiker endlich den Mut aufbringen und staatliche Mittel zur Aufklärung, Prävention und Beratung sprechen sollten.