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Sektenblog

Für Waffen, aber gegen Abtreibungen: Die bigotte Haltung der US-Freikirchler

28.05.2022, 07:36

Für fromme Christen ist es schwierig, die heutige Welt und das moderne Leben zu erklären. Das gilt auch für alle dogmatischen Anhänger anderer Religionen und der Esoterik. Denn an allen Ecken und Enden lauern Widersprüche zur Alltagsrealität und Lebenswirklichkeit, die es zu verdrängen gilt. Deshalb setzen sie gern ihre rosarote Glaubensbrille auf, die ihre Sicht auf die Welt nach ihrem Gusto einfärbt und Unebenheiten glättet.

«pro god – pro gun – pro life»: Ein T-Shirt-Motiv bringt es auf den Punkt.
«pro god – pro gun – pro life»: Ein T-Shirt-Motiv bringt es auf den Punkt.Bild: shutterstock.com

Diese Strategie der Selbsttäuschung offenbart sich einmal mehr beim Massaker von Uvalde, Texas, bei dem ein 18-Jähriger in der Grundschule kaltblütig 19 Kinder und zwei Erwachsene erschoss. Die Empörung über den Amoklauf ist gross. Und doch zucken Menschen in den USA mit den Schultern und gehen zur Tagesordnung über. Das sei der Preis für die Freiheit, sagen sie. Die Freiheit, fast beliebig Waffen zu kaufen. Einfach so mal rasch nach dem Frühstück.

Den Waffenfetisch zelebrieren auch viele evangelikale Amerikaner. Womit der eingangs zitierte Widerspruch eine Potenzierung erfährt. Ja, viele Christen der US-Freikirchen gehören zu den glühenden Verfechtern dieser tödlichen «Freiheit».

Würden sie nämlich ihren christlichen Glauben leben und sich für Barmherzigkeit und Frieden einsetzen, hätten die USA längst restriktivere Waffengesetze. Und der Amokschütze von Uvalde hätte nicht kurz nach seinem 18. Geburtstag ein Schnellfeuer-Gewehr kaufen und in der Schule losballern können.

Denn 26 Prozent der amerikanischen Bevölkerung sind Mitglied einer Freikirche. Würden sie Einschränkungen des Waffenrechts unterstützen, hätten wohl mehrere Amokläufe in der Vergangenheit verhindert werden können.

Als feurige Jesus-Anhänger tun sie aber nichts, ohne eine passende Begründung für ihre Haltung oder ihre Handlung gefunden zu haben. Diese suchen sie in der Bibel. Praktisch ist dabei, dass das Buch ein Sammelsurium divergierender Aussagen ist. In ihm finden sich Rechtfertigungen für Alles und Jedes. Auch für den Gebrauch tödlicher Waffen.

Was auch immer die Bibel sagt

Wie das funktioniert, demonstrieren beispielsweise die Homepages von «Christian Gun Owner» oder «Biblical Self Defense», auf dem sich die frommen Christen informieren und rechtfertigende Bibelstellen suchen und diskutieren.

Dazu gehört die Szene bei der Festnahme von Jesus, als Petrus einem Knecht des Hohepriesters mit einem Schwert ein Ohr abschnitt. Die abenteuerliche Argumentation der Gläubigen: Wenn Jesus gegen die Selbstverteidigung gewesen wäre, hätte er Petrus verboten, sein Schwert mitzunehmen und zu benützen. Nicht genug, die christlichen Waffenfreunde erklären weiter, Jesus habe laut Johannes gesagt, Petrus soll das Schwert zurück in die Scheide stecken. Die Interpretation der Frommen: Jesus habe Petrus nicht apriori aufgefordert, auf seine Waffe zu verzichten.

Die evangelikalen Waffennarren ziehen auch das Lukasevangelium (Kap. 22, Vers 36) als «Beweis» heran. Danach sagte Jesus seinen Jüngern: «Nehmt euer Geld und eure Tasche. Und wenn ihr kein Schwert habt, verkauft eure Kleidung, um eines zu kaufen.»

Der geistige Doppelsalto

Die Bibel kann auch anders und fordert zur Feindesliebe auf. Oder dazu, für seine Feinde zu beten. Doch diese zentralen Passagen aus der Bibel ignorieren die Evangelikalen grosszügig. Sie könnten in einen Argumentationsnotstand geraten und ihre an den Haaren herbeigezogenen Vergleiche als unstatthafte Interpretation erkennen. Die Frommen picken das heraus, was für sie in bestimmten Alltagssituationen am besten passt. Auch wenn sie dabei einen geistigen und religiösen Doppelsalto schlagen müssen.

Damit tragen sie einen guten Teil dazu bei, dass heute rund 310 Millionen Schiesseisen in privaten US-Haushalten lagern. Laut dem renommierten Forschungsinstitut «Pew Research Center» besitzen 41 Prozent der weissen Evangelikalen eine Schusswaffe. Bei den Protestanten (33 %) und Katholiken (24 %) sind es deutlich weniger. 45 Prozent der Pastoren gaben an, dass bei ihnen das Tragen einer Waffe der Gemeindemitglieder zu den Schutzmassnahmen gehören würden. 23 Prozent beschäftigen sogar bewaffnete Sicherheitsdienste.

Bei der Abtreibung sieht alles anders aus

Wie bigott und verlogen die christlich-fundamentalistischen Waffennarren sind, zeigt sich bei der Abtreibungsfrage. Da kämpfen die Frommen mit heiligem Furor für ein totales Verbot. Seit vielen Jahren gehen sie auf die Barrikaden und wollen jede befruchtete Eizelle mit religiösem Eifer schützen.

Und eben feiern sie einen kurz bevorstehenden epochalen Erfolg: Das Bundesgericht, das auch dank Trumps Gnaden konservativ bis reaktionär aufgestellt ist, ist kurz davor, das Rad der Zeit radikal zurückzudrehen und Abtreibungsverbote zuzulassen.

Fazit: Wenn Kinder im Kugelhagel der Amokschützen sterben und die verzweifelten Eltern um ihren Sohn oder ihre Tochter trauern, stossen einige Evangelikale höchstens ein kurzes Stossgebet in den Himmel und gehen zur Tagesordnung über. Wenn es aber darum geht, Abtreibungen zu verhindern, werden sie militant. Die toten Kinder sind für sie der Preis für die Freiheit, mit der Knarre den Gottesdienst besuchen zu können.

Mehr Herzlosigkeit im Namen Gottes geht kaum.

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Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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604 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Orula
28.05.2022 08:18registriert Mai 2020
Religion und Waffen waren ja schon immer toxisch, aber wenn jetzt noch Patriotismus und Politik dazukommt haben wir das perfekte Abbild eines republikanischen Amis.
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Ja. Eine Hauseigentümerin kann selbst entscheiden, wer ihr Privatgrundstück betreten darf und wer nicht. Aus raumplanerischer Sicht sind Gated Communities zwar nicht erwünscht, aber gleichwohl kaum reguliert.

Es mag wenig sympathisch wirken, aber wenn eine Liegenschaftseigentümerin keine Aussenstehende auf ihrem Grundstück haben möchte, ist das ihr gutes Recht und sie kann es mit einem gerichtlichen Verbot durchsetzen. Auch mit dem Raumplanungsrecht kommst du aktuell nicht weiter, wenn du dich gegen Gated Communities wehren möchtest.

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