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Ich war in «It» – und es war total herzig

Gestatten, Bill Skarsgard aka Pennywise. Bild: Warner Bros.

Bald geht's auch in unseren Kinos los mit der erfolgreichsten Stephen-King-Verfilmung aller bisherigen Zeiten. Zum Glück sind Kings Bücher besser als sein Musikgeschmack.



Der Horrorfilm kann der Biologie ganz schön dankbar dafür sein, dass sie die Frau zur Menstruation verurteilt hat. Grossartige Effekte mit sehr viel Blut gibt das immer, ganz besonders, wenn es um den Beginn der Menstruation und damit um den Anfang vom Ende der Unschuld geht. Die Stephen-King-Verfilmung «Carrie» lebte schon davon, und auch jetzt in «It» gibt es etwa zur Filmmitte diese Szene: Im Badezimmer der jungen Beverly spuckt das Lavabo plötzlich so viel Blut, dass alle Tampons, die Beverly zuvor so diskret in der Apotheke zu kaufen versuchte, dagegen nichts nützen würden.

Sorry, liebe sensible Cineasten, das war ein unsanfter, undezenter Einstieg, gleich wird's kuschlig!

Beverlys Badezimmer ist – horrorästhetisch gesehen – eine der schönsten Szenen in einem überaus hübschen Film. Pardon, einem herzigen Film. Jedenfalls war das meine spontane Antwort auf die Frage eines Redaktionskollegen, der selbst zu zart besaitet für Horror ist. «It» ist total herzig.

Trailer zu «It»

abspielen

Video: YouTube/Warner Bros. Pictures

Aber wie kommt's? Wie kann man mit einem Jöh-Gefühl das Kino verlassen, wenn ein Film damit beginnt, dass dem süssesten kleinen Jungen, den man seit langem gesehen hat (Georgie, er heisst Georgie! Bei den Georgie-Szenen musste ich ein bisschen weinen) von einem bösen Clown der Arm abgebissen wird und er verblutet? 

Das sind unsere sieben Helden, den Brillenträger kennen wir aus «Stranger Things». Bild: Warner Bros.

Das Wonnegefühl bei «It» kommt über drei Faktoren zu Stande – sie waren erwartbar und dank einer guten Besetzung und einer guten Regie funktionieren sie so gründlich wie das Monstergebiss von Clown Pennywise:

1. Stephen Kings romantische Seele
2. Naseweise Aussenseiter-Kinder
3. Retroseligkeit (diese 80er!)

Stephen King ist ja bei all seinen Schreckensvisionen ein lieber, feinfühliger Mann mit einer Haut wie weisses Papier (tatsächlich gleicht sie verblüffend dem weiss geschminkten Gesicht von Pennywise!), das viel zu wenig Sonne sieht. Weil er alles ausser Schreiben hasst. Feiertage, Ferien, Reisen sind ihm zuwider – auf seiner Hochzeitsreise nach Europa vor 46 Jahren wohnten er und seine Frau in einem derart schrecklichen Hotel, dass er daraus «The Shining» machen musste.

Die World Clown Associaton befürchtet seinetwegen eine Massenarbeitslosigkeit.  Bild: Warner Bros.

Und so schreibt er also tagein tagaus in einem Gartenhaus in Bangor, Maine, vor sich hin. Das Gartenhaus musste er sich bauen, weil seine Frau seinen Musikgeschmack so schlecht findet (er sagt dazu nur: «‹Mambo No. 5› von Lou Bega in Endlosschleife.»). Da sitzt und schreibt er in seiner kleinen Verbannung, macht aus Bangor die «It»-Kleinstadt Derry und inszeniert in ihr seinen Zweikampf zwischen Gut und Böse, Realem und Fantastischem – oder auch einfach zwischen Kindern und Erwachsenen. 

Nicht nur der Jahrhunderte alte Clown, der im Abstand von 27 Jahren aus Derrys Kanalisation kriecht und Kinder frisst, ist ein Monster, alle Eltern sind es genauso.

Da ist die Mutter, die ihren gesunden Sohn für schwer krank erklärt oder Beverlys Vater, der seine Tochter missbrauchen will. Es ist eine entsetzliche Welt, und um ihr zu entkommen, müssen die Kinder allerlei schlimmen Manifestationen ihrer eigenen Ängste begegnen.  

Ein Tourist (weiss er, was er da tut???)  posiert als Georgie in der Filmkulisse von Neibolt House. Bild: MIKE NELSON/EPA/KEYSTONE

Weil es ziemlich viele Kinder gibt im Film, gibt es auch ziemlich viele Angst-Inszenierungen. So wie eh alles sehr hoch getaktet ist von Regisseur Andy Muschietti und lieber schnell schockt als unheimlich lähmt. Und dies, obwohl der Film erstens über zwei Stunden dauert und zweitens einen grossen Teil des Buches auslässt, nämlich die Rückkehr der Kinder als Erwachsene nach Derry. 

Was dann passiert, werden wir irgendwann im Sequel sehen, es wird nichts Gutes sein. Wir lernen ja bereits jetzt, dass die Kinderzeit ein goldener Grusel ist, in dem man einander mit ganz klassische Märchentricks wie Küssen helfen kann, während den Erwachsenen nur noch mit roher realer Gewalt beizukommen ist. 

Die Kinder kriegen in «It» tolle Dialoge und ein Meer an Emotionen, die Erwachsenen nicht. Die Kinder sind mit brillanten kleinen Schauspielern besetzt (etwa aus «Stranger Things»), die Erwachsenen nicht. Mit Ausnahme von Pennywise natürlich. Bill Skarsgard aus dem verrückten Clan der Schweden-Skarsgard (Vater Stellan und Bruder Alexander sind zwei exzentrische Tiere, Bill ist mit 1,91 Metern zudem der Kleinste), spielt wie eins dieser aufziehbaren und dann lossurrenden Blech-Spielzeuge. Ein böser Irrsinn, ein Genuss, wir hatten sowas ja seit Heath Ledgers Joker definitiv zu wenig.

«It» spielt als Roman in den 50er-Jahren. Der Film wurde in die 80er verpflanzt. In jenes unbeschwerte Jahrzehnt, als das Unterhaltungskino fantastisch, prall und sentimental war, als «E.T.» und «Dirty Dancing» seine beiden Pfeiler bildeten und ein BMX-Velo die höchste der Begierden darstellte. Eine Zeit, in der es weder Internet, noch Golfkrieg oder 9/11 gab. Eine Zeit der Unschuld.

Wie wenig wir sie haben retten können, wird sich zeigen. Im Sequel. Und es zeigt sich im Amerika unserer Tage, wo ein rothaariger Clown in den Eingeweiden eines ganzen Landes wütet.

«It» dauert 145 Minuten und läuft ab 27. September in unseren Kinos.

Dies sind die 22 erfolgreichsten Stephen-King-Verfilmungen

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