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Transfrauen erobern die Modewelt – weil man's ihnen nicht ansieht

Immer mehr Transmenschen kriegen die Chance, als Model durchzustarten. Nun castet sogar Model-Mama Heidi Klum zwei Transfrauen. Ist das ein fortschrittlicher Wandel oder doch nur reine Sensationslust?
03.03.2017, 09:4804.03.2017, 09:43

Heidi Klum verteilt wieder Fotos. Unter anderem an Giulia und Melina. Um diese beiden «Meedchien» haben die Juroren Thomas Haike und Michael Michalsky denn auch besonders hart gebuhlt. Jeder wollte sie in seinem Team haben. Weil sie solch spezielle Typen seien. Weil sie die gewisse Attitude hätten und einmal gross rauskommen würden. – Vielleicht aber auch einfach, weil es sich bei den beiden um Transfrauen handelt.

Was ist ein Transmensch?
Viele Menschen, denen bei Geburt ein Geschlecht zugeschrieben wurde, das nicht mit ihrem eigenen gefühlten Geschlecht übereinstimmt, nennen sich Transmenschen. So wird beispielsweise eine Frau, die in einem männlichen Körper geboren wurde, als Transfrau bezeichnet. Auf der anderen Seite werden Menschen, bei denen das biologische Geschlecht und das psychologische Geschlecht übereinstimmen, Cismenschen genannt. 
Bild: prosieben

Diese Eigenschaft macht sie in den Augen einer auf Zuschauerzahlen fixierten TV-Sendung interessant. Schliesslich sinken bei «Germany's next Topmodel – by Heidi Klum», dem Gefäss mit dem sperrigen Namen, Staffel um Staffel die Einschaltquoten munter weiter.

Hand aufs Herz, die Sendung hat noch nie wirklich am Puls des modischen Zeitgeists gelebt. Doch dieses Jahr geht das deutsche Reality-Format auf einmal mit dem Trend. «Transgender Models bei GNTM» oder «Diese zwei Mädels haben ein Geheimnis!», schallt es durch die deutschsprachige Presse, und plötzlich wissen alle, dass Heidi Klum auf der Suche nach einem neuen Topmodel ist.

Bild: EPA/CONDE NAST

Das Cover der kommenden «Vogue France» ziert das brasilianische Model Valentina Sampaio, eine Transfrau. Die als «Mode-Bibel» geltende Zeitschrift widmet sich im März voll und ganz der «beauté transgenre» – der Schönheit von Transmenschen – und segnet damit ab, was sich schon seit einigen Jahren abzeichnet: Transfrauen sind in der Modelwelt angekommen. Andreja Pejić, Hari Nef und Carmen Carrera sind mittlerweile feste Stimmen im Kanon der internationalen Modezeitschriften.

Ob auch die Namen Giuliana Radermacher und Melina Budde bald schon zu solchen Marken werden, ist noch offen. Was aber bereits jetzt feststeht: Optisch passen die beiden ins Schema.

«Für mich ist das alles ganz normal. Es zählt der Mensch – nicht das Geschlecht!»
Michael Michalsky, Modesigner und «GNTM»-Juror

Aber es geht sehr wohl um das Geschlecht, wenn Transmenschen in der Modewelt durchstarten. Auf jeden Fall zählt nicht allein der Mensch, wie es Juror und Modedesigner Michael Michalsky gegenüber der Bild behauptet.

War Caitlyn Jenner etwa auf dem Cover der Vanity Fair zu sehen, weil sie so einen tollen Charakter hat? War es nicht viel mehr die unglaubliche Transformation, die Jenner dank ihres Vermögens derart beschleunigen konnte, dass sie innert drei Monaten die Grazie einer Millionärsgattin an den Tag zu legen vermochte?

Bild: VANITY FAIR

Auch bei Giuliana und Melina geht es letztlich nicht um sie als Menschen oder um ihre einzigartige Persönlichkeit. Primär geht es um sie als Frauen, die «doch eigentlich Männer sind». Welch Sensation! Oder wie es in der kommentierenden Rhetorik von Twitter heisst:

Transmenschen können erst Erfolg oder eben Respekt verbuchen, wenn sie «passen»; was so viel heisst wie, dass man ihnen ihr «Trans-Sein» nicht ansehen kann. Keine Spur eines einstigen Transitionsverfahrens darf vorhanden sein, um als Transmensch in der Öffentlichkeit Karriere machen zu können. Es gibt keinen Platz für Transfrauen mit Bartstoppel oder Ausbuchtungen im Bikinihöschen und auch keinen für Transmänner mit zierlichen Händen oder breiten Hüften.

Berühmte Transfrauen der Modewelt

Benjamin Malzer macht als Transmann eine Modelkarriere.

Dass Menschen wie Melina und Giuliana die Chance kriegen, Topmodel zu werden, ist auf jeden Fall ein fortschrittlicher Wandel der Zeitgeschichte. Die beiden schaffen mit ihrem Auftritt Sichtbarkeit für Transfrauen und zeigen einem grossen Publikum, dass Transmenschen keine Fabelwesen aus einem zeitgenössisches Märchen sind, sondern, dass sie tatsächlich existieren.

«Ich bin hier, um zu zeigen, dass Klischees überbewertet sind. Und dass der erste Eindruck oft täuscht.»
Melina, Kandidatin bei
«Germany's next Topmodel»

Melina ist zierlich, dünn, gross und hat langes dichtes Haare – eine «richtige» Frau halt. Sie hat Glück. Doch die Klischees, die Melina zu bekämpfen versucht, sind für viele Transmenschen Realität. 

Man sieht ihnen an, dass die Natur ihnen ein anderes Geschlecht verpassen wollte, als sie selber auszudrücken versuchen. Sie kriegen keinen Beifall für ihre makellose Bikini-Figur oder für ihre feinen Gesichtszüge. Sie werden verlacht, anstatt auf Covers abgebildet.

«Solange man mir noch ansieht, dass ich mal ein Mann war, werde ich's nie zu was bringen.»
Simona im Internetforum Gendertreff

Weder Melina noch Heidi Klum oder die «Vougue France» tragen direkte Schuld an Simonas Problemen. Doch der Welt vorzugaukeln, dass alle Transfrauen Unterwäschemodels sein könnten, wird Simonas Problem eher verstärken, als es aus der Welt zu schaffen.

 
bild: national geographic, spezialausgabe «gender revolution» 
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