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«Einmal die Mandeln raus, danke!»: Tagebuch einer Überlebenden

Das sind auch Mandeln.Bild: shutterstock
Zeige mir deine Tonsillitis und ich sag dir, wer du bist! 
14.11.2017, 14:5415.11.2017, 06:19

«Ach, bevor ich es vergesse: Es besteht das minimale Risiko, dass Sie bei der Operation verbluten. Darüber muss ich sie informieren.» Wusch. Der Satz meiner Ärztin hat gesessen, als ich mich nach der fünften eitrigen Angina innerhalb eines Jahres dazu überwinde, endlich einen Termin für die Adeno-Tonsillektomie auszumachen.  

So lautet der medizinisch korrekte Begriff für die vollständige chirurgische Entfernung der Gaumen- und Rachenmandeln, die ich Ende Oktober 2017 in einem öffentlichen Berliner Krankenhaus durchführen lasse.  

Ich bin laut dem Statistischen Bundesamt Deutschland (2015) eine von etwa 20'000 Adeno-Tonsillektomie-Patientinnen jährlich.

79'000 weitere Patientinnen gibt es, die die Operation ohne zusätzliche Adenotomie durchführen lassen. Wiederkehrende, schwere oder chronische Mandelentzündungen – so steht es auf meinem Patientenpapier – schwächen die Immunabwehr des Körpers und können schwere Komplikationen wie entzündliche Gefäss-, Herz-, oder Nierenerkrankungen nach sich ziehen. Da haben sie mit mir ja einen Vorzeigefall erwischt. Herzlichen Glückwunsch!  

Am Wochenende vor der Operation träume ich bereits von der Amputation meiner Zunge und warte auf das Schlimmste: den Moment unmittelbar vor der Vollnarkose – und dass ich hinterher nicht mehr aufwache.  

Wie dem auch sei: Ich lebe, ganz offensichtlich.

Aber von vorne.

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Tag 1 – Alles muss raus

Die Alpträume scheinen anzuhalten. «Did everything go well?», rufe ich der Schwester noch im OP-Saal fünf Mal hintereinander entgegen, bis sie mich mittelfreundlich darauf hinweist, bitte Deutsch zu sprechen. Jaja, es sei alles gut gegangen – das habe sie mir doch schon gesagt.  

Weiss ich ja nicht, bin schliesslich auf Drogen!

Mein vernebeltes Gehirn hat sich jedenfalls für Englisch als Erstansprache entschieden – das muss die Neo-Berlinerin in mir sein. Nachdem ich mir antrainiert hatte, in Mitte und Kreuzberg nicht mehr auf Deutsch zu bestellen, ist scheinbar etwas von dieser Angewohnheit in mein Unterbewusstsein übergegangen. Oops!  

Die Schmerzen nach der OP sind überraschend überschaubar. Müssen die Drogen sein. Erstmal ein Foto instagrammen! Klar spüre ich, dass «da hinten» irgendetwas nicht mehr so ist wie vorher, aber solange dieses Etwas an einsetzende Halsschmerzen erinnert und nicht an ein Schwert, das den Rachen zerfetzt, ist alles gut.  

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Abends darf ich sogar essen!

Ich nehme mir fest vor, der erste Mensch zu werden, der nach einer Mandel-OP zu- statt abnimmt.

Es gibt Vanille- und Schokojoghurt und alle vier Stunden zwei Schmerztabletten. Ich schlafe ab 18:30 wie ein Baby bis morgens um sieben durch. Alles halb so wild.  

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Tag 2 – Essen ist Schmerz

Der Doc scheint nach einem Kontrollblick in meinen Rachen recht zufrieden. Alles sei normal verlaufen, bislang keine Nachblutungen. Zum Frühstück gibt es Pillen und Toast mit Frischkäse.

Puh, der erste Bissen bleibt mir im Hals stecken wie eine schriftliche Absage für den Traumjob.

Es wird empfohlen, keine Säfte zu trinken (ich tue es trotzdem) und stattdessen auf selbstgemachten Eistee ohne Zucker und ohne Zitrone umzusteigen und dabei viel Weissbrot mit Butter und Pudding zu essen.  

Abends gönne ich mir eine Spargelfertigsuppe in der Tasse mit Wurst. Krankenhaus essen deluxe. Erstmal schön übertreiben, sodass mir den restlichen Abend schlecht ist. Ob es an den Schmerzmitteln oder der Wurst lag, werde ich in diesem Leben nicht mehr herausfinden. Jedenfalls bereue ich meine Menü-Wahl – und bleibe erstmal bis zum nächsten Tag nüchtern.  

Tag 3 – It’s all about dat Wundbeläge

Beim Anblick von Toast mit Butter und Pudding zum Nachtisch könnte ich mich inzwischen auf der Stelle übergeben. Wie ekelig ist das denn? Dann esse ich lieber gar nichts. Dabei ist, so verrät mir der Doc, Essen wichtig, damit die Wundbeläge (sexy!) nicht zu stark verkrusten und später infolge einer überraschenden Nahrungsaufnahme aufreissen. 

Essen als Heilung also, daran sollte ich eigentlich nicht scheitern.

Am Nachmittag besucht mich eine Freundin und bringt mir Pommes mit Majo und Ketchup. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits seit 20 Stunden nichts mehr gegessen und reisse ihr die Packung dankbar aus der Hand. Das mit dem Pudding und mir, das wird nichts mehr.  

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Tag 4 – Endlich nach Hause

Mein Zustand ist weiterhin auffällig unauffällig. 

Es gibt auch nicht viel zu sagen. Also, nicht dass ich sprechen könnte.

Ich schlafe jeden Tag um die 14 bis 16 Stunden, dazwischen schaue ich «Game of Thrones» oder bin auf Instagram. Life could be worse.  

Klar, ich kann nicht ordentlich essen und trinken – aber das kann man bei einer ausgewachsenen Rachenentzündung auch eine bis zwei Wochen nicht. Wer sich die Schmerzen vorstellen möchte: zwischen Tag 2 und Tag 4 erinnert das Meiste an bereits Dagewesenes. Nur, dass die Mandeln jetzt endlich raus sind und die Heilung beginnen kann. Also, denke ich, bis der Arzt mir erzählt, dass es zwischen Tag 6 und Tag 10 zu den schlimmsten Schmerzen kommen kann. Ich soll mich bitte nicht wundern! Auf nach Hause.  

Beinhart missachte ich die Toast-und-Butter-Regel und bestelle mir erstmal Saag Paneer beim Inder.

Beim dritten Bissen muss ich erstmal husten und nachsehen, ob nichts gerissen ist, «da hinten». Ist es nicht. Gut, dann ein wenig Joghurt dazu und weiter löffeln. Zumindest den Geschmack von Spinat mit Käse möchte ich mir in dieser bemitleidenswerten Situation nicht nehmen lassen. Inzwischen leide ich Höllenqualen.  

Ich wage im Vorzimmerspiegel einen ersten Blick in meinen Rachen. Erste Lagebewertung: als ob jemand Krieg auf dem Mond gespielt hätte. Ja, aus der Ferne mag sich das alles womöglich lustig anhören, in Wahrheit hat mich dieser Anblick mehr verstört als alle «Saw»-Filme zusammen. Das, was im Hals fehlt, wurde durch zwei- bis dreiquadratzentimetergrosse Krater auf jeder Seite ersetzt. 

Ich habe Löcher im Hals! Kein Witz! Mit weissem Belag drüber. Ist es Schimmel?

Was zur Hölle soll ich mit dieser Information anfangen? Ich will einfach nur die Zeit vorspulen.  

Tag 5 – Schmerzmittel, dein Freund und Helfer

Was war noch gleich die Idee hinter einer Operation? Man macht sie, damit es einem besser geht. Im Falle der Tonsillektomie verhält es sich leider wie mit Liebeskummer. Die ersten drei Tage checkt man gar nicht, dass man Sebastian verlassen hat und klopft sich für den eigenen Mut auf die Schultern. Am Wochenende liegt man dann einsam und alleine im Bett und weiss vor lauter Kummer nicht weiter. So geschehen an Tag 5. 

Nachdem ich bereits drei mal zwei Schmerzmittel eingeworfen habe und immer noch das Gefühl habe, bei jedem Schluck zusammenzubrechen, schleicht sich die leise Vermutung heran, dass ich eventuell doch noch nicht ganz über den Berg bin und dass das Schlimmste wohl gerade vor mir liegt.  

Ich werfe noch einmal zwei Tabletten vor der Nacht ein und wache um 2 Uhr mit den entsetzlichsten Rachenschmerzen meines Lebens auf. 

Vielleicht hätte ich doch nicht so viel scharfes Zeug essen sollen? Was ist, wenn dieser eine, heimliche Schluck Fruchtsaft mir den Rachen verätzt hat? Ich spucke ins Waschbecken um zu checken, ob ich Nachblutungen habe. Habe ich nicht. Also: Eine letzte Pille, bevor ich bis acht Uhr morgens durchschlafe. Immerhin.  

Tag 6 – The Worst Is Yet To Come

Langeweile mag ja für manche kein Thema sein. Die, die sich «mit sich selbst zu beschäftigen» wissen, ohne zum fünften Mal innerhalb einer Stunde den Facebook-Feed zu aktualisieren, weil sie tausende Magazine abonniert haben, gute Bücher lesen und Filme schauen.

Aber ich verrate euch was: nach sechs Tagen Schmerzen und Bettruhe, in denen man keinen gottverdammten geraden Gedanken fassen kann, weil man damit beschäftigt ist, die eigenen Ohren vor einer inneren Explosion zu bewahren, bekommt das Wort Langeweile eine ganz neue Bedeutung.  

Langweile ist, wenn man Bücher in die Hand nimmt, die man vor fünf Jahren bereits wegwerfen wollte. Langweile ist, einen ganzen Vormittag Insta-Storys zu schauen und Langeweile heisst, sich nicht mehr auf «Game of Thrones» zu freuen, weil man jeden Tag potenziell eine ganze Staffel schauen kann.  

Und kommt mir nicht mit euren «Dafür darfst du den ganzen Tag Eis essen» – ja, natürlich darf ich das.  

Aber das dürfte ich auch, wenn ich nicht mit einer neuen Alpenberglandschaft in meiner Halsregion gesegnet wäre.

Tag 7 – Licht am Ende des Rachens

Ich will Sushi. Ich will Schweinsbraten. Gebt mir gesalzene Radieschen – egal. Wichtig ist, dass die Konsistenz an echte Nahrung erinnert, die auch so riecht. Wenn ich an die «Spargelcremesuppe» aus der Tüte denke, schüttelt es mich.

Von den Tabletten geschwächt bin ich nicht zu vielem fähig, Kino gehört allerdings schon dazu. Die Schmerzen klingen ab, schlimmer als Tag 6 – das weiss ich jetzt – wird es nicht mehr.  

Ich google aus Interesse frühere Operationsmethoden und erfahre, dass bis 1890 nur eine Teilentfernung der Mandeln mittels der Fingernägel oder mit Messern durchgeführt wurde. 

Man kann über die 2010er-Jahre sagen, was man will: aber den medizinischen Fortschritt möchte ich nicht missen.

Tag 8 bis Tag 10 – Kontrolltermin und Freiheit

Der erste Kontrolltermin nach meiner Entlassung. Alles ist sehr lustig, ich erzähle dem Doc stolz von meinem tapferen Rachen, der schon am fünften Tag nach der OP indisches Essen gesehen hatte. «Na dann haben Sie ihren Rachen ja mit dem Schlimmstmöglichen strapaziert und es ist alles gut gegangen bei Ihnen.» Ok, er scheint, anders als ich, davon jetzt eher minder beeindruckt zu sein. Ich bekomme nochmal Schmerzmittel und einen letzten Kontrolltermin.  

Alle, die sich jetzt fragen, wann man nach einer Operation wieder arbeiten gehen kann: In der Regel wird man drei Wochen krankgeschrieben. Ich als Selbstständige habe mich ab Tag neun wieder regulär an den Schreibtisch gesetzt. Vor allem aus akuter Langeweile. Endlich wieder Schreiben!

Mein Gehirn ist noch ein bisschen langsam, aber ich komme ganz gut rein. Kino geht, Burgeressen geht. 

Ab Tag 10 muss ich auch nicht mehr jeden Bissen zu Tode kauen wie eine weidende Kuh.

Mein Rachen ist jetzt ein wenig asymmetrisch. Aber gut, das Ganze ist schliesslich keine Schönheitsoperation gewesen, na? Wer wird schon jemals nachsehen.      

Ab Tag 11 – Willkommen zurück

Wenn es einen Tipp gibt, den ich anderen Betroffenen aus Laienperspektive geben dürfte, dann diesen: Fangt so früh es geht mit dem Essen an. Pürierte Kartoffeln hin oder her – es ist wichtig, dass die Beläge abkommen und man nicht von Suppe lebt, um sich hinterher alles so richtig schön aufzureissen.  

Tag 11 ist für mich der Tag, an dem es vorbei ist. Ab heute sind es noch genau sieben Tage, bis ich wieder alles machen darf. Sport und feiern, zum Beispiel.  

Ob ich die OP nochmal machen würde? Ja. 

Was sind schon 11 Tage in Quarantäne für ein Leben ohne Mandelentzündung und eitriger Angina? Eben.

Viel Erfolg allen, die es noch vor sich haben.

Tschüss, Pudding: Krankenhausfood rund um die Welt

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