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Wie ich gelernt habe, dass sich Erwachsene öfter mal raufen sollten. Aber so richtig!

illustration: lea senn
Unser Autor schnupperte in eine Playfighting-Gruppe hinein und sucht seither in jeder Gelegenheit nach einem Kampfgspändli.
29.04.2018, 14:04

«Magst du mit mir kämpfen?», fragt der Typ mit den Dreadlocks sanft und verschmitzt zugleich, während er seinen einsfünfundachtzig langen Körper in die Mitte des Kreises schiebt. Ich sage: «Nein.»

Nein zu sagen, braucht oftmals Überwindung. Nicht aber, wenn es darum geht, fremde Dinge von sich zu stossen. Dann fällt einem das Neinsagen oft ganz einfach: Nein, ich möchte mich nicht mit dir auf dem Boden wälzen. Nein, ich möchte die Möglichkeit umgehen, dass mein Kopf in eine fremde Achselhöhle zu stecken kommt, dass dein Schweiss sich auf meine Oberlippe legt. Es ist mir fremd, wenn dein Bauch sich durch meinen Schritt zieht.

«Nein», sage ich also und «Kein Problem!» entgegnet mir der stämmige Rastamann. Sein Blick wandert weiter, bis ein braunes Augenpaar ihn zustimmend anblickt und der dazugehörige Mund seiner Kampfanfrage mit einem klaren «Ja» zustimmt. Die beiden rutschen mit ihren durch Volleyball-Schoner geschützten Knien durch den Raum in die Mitte eines Menschenkreises. Sie gucken sich tief in die Augen und geben sich Mühe, gleichzeitig und in hypnotischer Stimmlage das Wort «PLAYFIGHT» zu murmeln; so als ob diese zwei Silben eine Art Kurzgebet wären oder vielleicht doch eine ironisierte Form der Begrüssungsrituale asiatischer Kampfkünste?

Was geht hier ab?

Was folgt, sind vier Minuten kindlichen Gekichers begleitet von intensiven Kraftakten. Die braunen Augen formieren sich vor einem grazil lauernden Körper. Sie erinnern an einen Puma. Und wie ein Tanz unbeholfener Raubkatzen sieht es denn auch aus, wenn sich die beiden Kämpfer gegenseitig in ihren Armen verkrallen, die langen Dreadlocks vom langen Typen ans Dekolte seines Kampfgspändlis klatschen. Es wird geschreit, gefaucht und viel gelacht. Knie verschlingen sich mit Ellenbögen, Schenkel reiben an Schulterblättern. Vier Minuten lang. Dann ertönt der Xylophon-Wecker auf dem iPhone des Spielleiters und alle entspannen sich.

illustration: lea senn

«Playfighting» heisst dieses Unterfangen, an dem ich mich gerade beteilige und das ich zu Beginn noch sehr schlecht verorten kann: Ist das Sport, ist das Verhaltenstrainig, ein soziales Experiment oder der neue Freizeittrend für neurotische Millennials, denen die nicht alkoholischen Technopartys an Sonntagnachmittagen schon wieder verleidet sind? Wahrscheinlich beinhaltet Playfighting ein bisschen von allem. Die meisten Playfighter aber definieren ihr Hobby als eine Möglichkeit, sich und ihre persönlichen Grenzen besser kennenzulernen. Und zwar in einem Format, wie es für Erwachsene eigentlich tabu ist. 

«Spielerisches Raufen» – so die wörtliche Übersetzung – unterliegt der Idee, dass Kampfsport nicht immer nach einem bestimmten Regelwerk ablaufen muss. Dass es nicht um gewinnen oder verlieren, um richtig oder falsch gehen soll. Und dass trotz fehlender Leitlinie das Wohlbefinden aller Beteiligten berücksichtigt wird. 

Die Welt ein bisschen neu erfinden

Inzwischen sitzen der Rasta-Kämpfer und sein Puma-Gspändli keuchend in der Kreismitte und halten sich alle vier Hände. «Ich bedanke mich dafür, dass du so harten Einsatz gezeigt hast und dass du solch eine Dominanz entfalten konntest», sagt der eine. «Ich fand's sehr schön, dass du nicht immer ganz fair gekämpft hast. Das war lustig», sagt die andere. Es folgen Stimmen aus dem Kreis, die sich für den Kampf der beiden bedanken. Manche Menschen formulieren Wünsche. Im Sinne von: «Ich wünsche mir für euch, dass ihr noch mehr kämpfen könnt, ohne das Spiel zu vergessen. Weniger gewinnen wollt und doch entschlossen in den Krieg zieht.»

Das mag jetzt alles ein bisschen nach Hippie-Urlaub tönen – und um ehrlich zu sein, sind wir damit gar nicht so weit davon entfernt, was an einem Playfight-Abend für Vibes entstehen. Im einem klobig-sterilen Ambiente eines Yoga-Studios mit Gymnastikbällen an der einen und Spiegelfront an der anderen Wand, entstehen an einem Playfight-Abend menschliche Ausnahmesituationen. Einem unbekannten Menschen gegenüberstehen, ringen, bis das Blut in den Ohren rauscht, der Welt entkommen und sie gleichzeitig packen, lachen. Das ist wie ein kurzer Rausch , der sich – je nach Duell – ebenso unschuldig wie lustvoll anfühlen kann. Und weil es kein klares Richtig gibt, vervielfältigt sich das Spiel bis ins Unendlich und befreit sich vor der miesesten aller Spielverderberinnen – der  Optimierung.

Flachgelegt wird man mächtig

Die beiden Kämpfenden kriechen zurück in den Ring. Immer noch etwas hemmungsvoll wage ich mich in den Spielkampf hinein. Meine Kontrahentin ist etwas gleich gross wie ich, wenn auch weniger schmächtig. Ebenfalls Playfight-unerfahren, was mich ein kleines bisschen entspannt. Wir knien uns hin und ziehen das Initiierungsritual ab: Fäuste aneinander, tiefer Blick in die Augen und gleichzeitig und bestimmt das Wort «Playfight» beten. Dann geht's los.

illustration: lea senn

Sie drückt mich zu boden, ich befreie mich, halte ihre Beine fest, bis ihr Widerstand zu meinem Rückzug mutiert. Dann lass ich mich von ihr umschlingen. Ich merke, sie will mich wieder auf den Rücken legen. Ich lege mich also rücklings auf ihren Bauch, um dies zu verhindern. Ich stosse erneut an meine Energiegrenzen, weil ich gerade merke, dass mein Kopf zuckhafte Bewegung im Taillenbereich einer wildfremden Person macht – und mich das zu einem herzhaften Lachanfall verleitet. 

Nach vier Minuten wieder der Xylophon-Sound vom iPhone. Ich sitze mit meinem Kampfgspändli in der Mitte des Kreises. Dieses mal finde ich das Dankesagen richtig schön. Es macht Sinn. Ich war diesem Menschen, mit dem ich mich da vier geschlagene Minute verschlängelt, den ich dominiert und dem ich mich unterworfen habe, aufrichtig dankbar. Keine zynischen Gedanken mehr in meinem Kopf, die das geschehen als «Hippie-Esoterik-Quatsch» verpönen. Stattdessen macht sich in mir ein schon lange nicht mehr dagewesener Dopinschub breit, gepaart mit der Hoffnung endlich ein unkompliziertes Sport-Hobby gefunden zu haben. Ein Hobby, bei dem statt über Ergänzungsnahrung und Muskelaufbau über psychisches Wohlbefinden gesprochen wird. Bei dem die Grenzen und Möglichkeiten immer neu ausgehandelt werden und bei dem sich der Muskelkater am nächsten morgen so nebensächlich anfühlt, wie einst das verkrustet Blut auf den aufgeschlagenen Knien als wir noch Kinder waren.

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