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Komplimente im Zeitalter des Likes: Wieso wir europäische Amis werden sollten

bild: watson/ shutterstock

In Amerika sind es leere Floskeln, in der Schweiz heikle Raritäten. Dabei sind Komplimente essentiell für unser Funktionieren. Und dabei kommt es auf Quantität und Qualität gleichermassen drauf an.

07.11.17, 15:45 15.11.17, 15:22


Etwas in mir sträubt sich gegen Amerika. Also die USA, meine ich. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten oder sollten wir sagen der unbeschränkten Komplimente-Heuchlerei?  

Ich bin – wie die meisten, die auf diesen Link hier geklickt haben – in einem Land sozialisiert worden, in dem das spontane Fallenlassen eines Satzes wie «Schicke Jacke» als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen wird. Und man ein Creep ist, wenn man jemanden fragt, wie sie oder er diesen abgefahrenen tollen Lidstrich hingekriegt hat.

In den USA ist das anders. Ganz anders. Da ist das normal. Da schmettert man mit Wörter wie lovely, sweetie, cutie, adore, deep, touch und anderen Herzlichkeiten in einer Kadenz umher, die man hierzulande so nur von anthroposophischen Lernbegleiterinnen kennt. Und die gelten in den meisten Fällen ja ebenfalls als Creeps.

Nach einem stereotypen helvetischen Weltverständnis sind deshalb also alle Amerikanerinnen und Amerikaner heimliche Rudolph-Steiner-Schösslinge und deshalb eben ein bisschen verklärt – oder um beim Wort zu bleiben: Creeps. Aber wieso eigentlich? Nur weil sie lieb zu einander sind?

Was ist unser Problem mit spontaner Komplimente-Verteilerei? 

Gerhard Roth, Neurowissenschaftler und Philosophe, glaubt, dass wir uns für Komplimente schämen. Und zwar nicht für das Komplimente-Bekommen, sondern für das Komplimente-Erteilen. Er sagt: «Wir haben Angst übertrieben und unehrlich zu wirken.»

«Thirty are better than one» von Andy Warhol. artsy.net

Hand­kehr­um ist Roth aber sicher, dass Komplimente essentiell für uns sind. Sie seien das Schmiermittel unserer Gesellschaft und wirken, wie eine Droge auf uns. Denn unsere Körper schütten beim Erhalt von Komplimenten Belohnungsstoffe, sogenannte Opioide aus. Die lassen uns gut fühlen und steigern das Selbstwertgefühl.

Der «Like» als Importware

Doch trotz Drogenrauschähnlichkeit traut der Schweizer Fübü den amerikanisch anmutenden oh-so-fucking-awesome-Liebeleien oft kaum über den Weg. Geschweige denn erdreistet man sich einen solch pathetischen Stuss selbst herauszustöhnen. 

Eine Form des oberflächlichen Lobens haben wir uns hierzulande aber doch angeeignet: den Like.

Like Zeichnung

Bild: shutterstock

Er ist die subtile, uniformierte Form Komplimente auszutauschen ohne der Gefahr zu erliegen, wegen einer lieb gemeinten Sache in eine peinliche Situation zu geraten. Denn ein gutes Kompliment zu formulieren, ist wie Karaoke. Das Gelingen ist stark von den Umständen abhängig.

Ein falsches Wort zum ungünstigen Zeitpunkt, noch gepaart von einem gerade etwas zu schiefen Blick – und schon landet das, was einmal als Kompliment gedacht war auf dem Sperrmüll für gut gemeinte, aber inkompetent formulierte Freundlichkeit. Wie eine Sing-Along-Einlange bei mangelndem Alkoholpegel und nicht vorhandenem Nostalgiefaktor. Peinlich eben.

Im Interesse der Privatwirtschaft – das Kompliment als Produktivitätsschlaufe

Sogar in der Privatwirtschaft befasst man sich mit der Wichtigkeit von Komplimenten. Die internationale Studie «Motivating People, Getting Beyond Money» der Unternehmensberatung McKinsey verrät, dass besonders nicht-finanzielle Anreize wichtig sind, um Wertschätzung auszudrücken und um Angestellte zu motivieren.

Im Rahmen jener Studie wurden rund 1000 Managerinnen und Mitarbeiter befragt, die grosso modo alle bestätigten, dass Anerkennung und Lob genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger ist, wie finanzielle Anreize und Gehaltserhöhungen. 67 Prozent der Befragten gaben zudem an, dass sich das Lob ihrer direkten Vorgesetzten «sehr effektiv» bis «extrem effektiv» auf ihre Motivation auswirkt.  

Dosis, Moment, Kommunikation, Abesender: das Kompliment als komplexes Lob

Es ist also wichtig zu Loben. Klar ist aber auch, dass wenn ein Lob in einer Hierarchie, also von oben nach unten ausgesprochen wird, es automatisch einen anerkennenden Charakter erhält. 

Vorgesetzte/r zum Teammitglied:

 «Toll, das war ein super Einsatz. Sauber und trotzdem schnell. Weiter so.»

Aber das ist ja irgendwie noch kein Kompliment. Also keines von denen, die uns eben so gut tun sollen. Denn im Grunde bedeutet ein Lob wie das obige nichts weiter als: «Toll, die Arbeit ist erledigt, wie sie es sein soll. Es gibt keine weiteren Probleme.» Ein Kompliment hingegen, ein gutes Kompliment, sagt der Wissenschaftler Gerhard Roth, ist ein weiterentwickeltes Lob. Ein Lob, das Anerkennung ausspricht, reflektiert ist und individuell auf eine Person zugeschnitten ist. Ein Kompliment sollte also keine Floskel sein. Kein entpersonalisierter Like, sondern ein Wortgeschenk. Keine Gutscheine fürs Lebensmittelgeschäft, sondern eine Einladung ins Theaterstück des Lieblingsautoren.  

bild: unsplash

Wir sollten das amerikanische Kompliment europäisiseren

Und es geht noch weiter mit der Rezeptur zum perfekten Kompliment. Soll man jemanden wegen seiner schönen Wangenknochen, wegen ihrer wohlgeformten Knie oder der symmetrischen Zahnstellung rühmen? Eigentlich nicht.  

Wahllose Komplimente für Dinge, die man selber nicht gross beeinflussen kann, sind nicht die Art von Komplimente für die hier plädiert wird. Es geht um freundliche Ehrlichkeit und radikale Offenheit, die einer Person Anerkennung schenken, die sie sich selbst vielleicht nicht gibt. Nicht geben kann. Und die sollten am besten mit der unverfrorenen Spontanität eines US-Amerikaners und der zurückhaltenden Abgeklärtheit einer Europäerin daher kommen. Dann ist man nämlich auch kein Creep, sondern einfach ein wohlwollender Mensch.

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Video: watson/Gregor Stäheli, Angelina Graf, Emily Engkent, Vicky Goldfinger

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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • fischbrot 08.11.2017 10:10
    Highlight "Denn ein gutes Kompliment zu formulieren, ist wie Karaoke. Das Gelingen ist stark von den Umständen abhängig." - Mein Satz des Tages 🙂
    8 1 Melden
  • corona 08.11.2017 07:34
    Highlight Also ich hab die selben Erfahrungen auch in Schottland gemacht. Da wird man im Pub/Restaurant von der Kellnerin auch schon mal mit Darling oder Sweetheart abgesprochen(meist meine Freundin und nicht Ich :D). Oder man bekommt ein Kompliment für das Basecap das man trägt einfach so.

    Die Schweizer sind halt schon irgendwie Eigenbrötler und Smalltalk oder eben Komplimente mit/für Fremden gibt halt kaum.
    10 1 Melden
  • Anam.Cara 08.11.2017 07:15
    Highlight Ich finde den Artikel wichtig und richtig. Mit den Schlussfolgerungen bin ich alledings nicht einverstanden.
    Wenn es um freundliche Ehrlichkeit und radikale Offenheit geht, ist das ameikanische Kompliment genau jenes, das wir vermeiden sollten. Denn es führt inflationär verwendet zu Oberflächlichkeit.
    In meinem Alltag gibts übrigens einen Unterschied zwischen Lob (=positive Kritik für eine Leisting) und Kompliment (=Feedback für eine Äusserlichkeit oder ein Verhalten.
    Und: Wetschätzung hat viel mehr mit Afmerksamkeit zu tun als mit Lob.
    11 2 Melden
  • the give me diini Blitz! 07.11.2017 20:37
    Highlight Was ist der Unterschied zwischen einem Glas Gonfi und den USA? - Wenn man ein Glas Gonfi 250 Jahre isoliert auf einem Kontinent alleine stehen lässt entwickelt es eine Kultur
    16 10 Melden
  • Luca Brasi 07.11.2017 20:09
    Highlight Als ob das Komplimentverhalten der Schweiz europäisch wäre. Europa hat auch noch weniger verklemmte Länder als die Schweiz zu bieten.
    15 1 Melden
  • dracului 07.11.2017 18:29
    Highlight Da stimme ich zu! Wir haben in Europa eine Problemkultur (sä problem is ...) und in der Schweiz decken wir zudem gerne Abweichler (dä haltet sich eifach nie an Wäscheplan) auf! Wenn schon Komplimente müssen sie ernst gmeint sein, von Herzen kommen und viele Kriterien mehr. Man kann auch einfach mal nicht motzen, etwas Positives erkennen - und sagen!
    3 3 Melden
  • Picker 07.11.2017 17:04
    Highlight Mir sind ehrlich gemeinte Komplimente 100x lieber, als das meistens oberflächliche Gefasel in den USA.

    Da kann auch die Häufigkeit ein wenig tiefer sein als im Amiland.
    65 19 Melden
    • Toerpe Zwerg 07.11.2017 21:52
      Highlight Kulturelle Unterschiede zu werten, ist ein Ausdruck von mangelhaftem Kulturverständnis.
      12 13 Melden
    • Toerpe Zwerg 08.11.2017 11:39
      Highlight Oh, jetzt wo Sie es sagen, fällt es mir auch auf. Die Menschen in den USA haben ja gar keine Kultur ... die sind minderwertig ... unterentwickelt ... die sind sowas wie schwarze Juden des 21sten Jahrhunderts.
      11 13 Melden
  • derEchteElch 07.11.2017 16:50
    Highlight „wie die meisten, die auf diesen Link hier geklickt haben“ ich wette da haben noch ganz viel andere (wie ich) auf den Link geklickt.. 😅 🙈
    25 13 Melden
  • Pana 07.11.2017 16:26
    Highlight Ist in den USA wirklich gewöhnungsbedürftig. Da steht im Walmart plötzlich ein Typ vor mir und sagt, ich hätte ein richtig tolles Shirt. Eine gefühlte Minute lang überlegte ich ob ich wegrennen sollte, mich ausziehen, oder um Hilfe zu schreien, etc. Dann sagte ich "Thanks", und wir liefen beide weiter.
    60 4 Melden
    • Gohts? 07.11.2017 18:14
      Highlight Hättest du dich doch ausgezogen...
      3 0 Melden
  • NWO Schwanzus Longus 07.11.2017 16:02
    Highlight Jetzt weiss ich warum ich immer so high bin wenn mir jemand Komplimente macht höhö
    22 2 Melden
    • saukaibli 07.11.2017 16:50
      Highlight Hm, meinst du ich kiffe so gerne, weil ich nie Komplimente bekomme? OK, stimmt nicht, 2003 habe ich mal eins bekommen glaube ich.
      24 4 Melden
    • NWO Schwanzus Longus 07.11.2017 17:44
      Highlight Hmm, der Menschenflüsterer in mir sagt ja! Definitiv! Gibst du mir nen Lappen für die Diagnose? Höhöhö
      5 3 Melden

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