Zwei Kracher und die Schweiz als Kanonenfutter? Das sind die EM-Viertelfinals
Fussball-Nostalgiker dĂŒrften beim Blick auf den Turnierbaum dieser EM wehmĂŒtig werden. Da es bei einer Europameisterschaft mit 16 Teilnehmern nach der Gruppenphase direkt in die Viertelfinals geht, kommt es gleich zu echten Krachern. Kein Duell zwischen einem glĂŒcklichen Gruppendritten, der sich dann von einem Gruppenersten abstrafen lĂ€sst â es sei denn, es trifft gerade die Schweiz auf Frankreich. An der EM der Frauen kommt es schon in der Runde der letzten 8 zum Aufeinandertreffen zwischen den Favoriten.
Norwegen â Italien
Mittwoch, 16. Juli, 21 Uhr, Genf
Los geht es mit dem auf dem Papier wohl am schwĂ€chsten besetzten Viertelfinal. Spannend dĂŒrfte das Spiel zwischen Norwegen und Italien dennoch werden â ein Sieger ist nur sehr schwer vorherzusagen.
Die Norwegerinnen beendeten die Gruppenphase mit drei Siegen, unter anderem wurde die Schweiz im Eröffnungsspiel geschlagen. Wirklich souverĂ€n waren sie aber nicht, besonders die Erfolge gegen Finnland (2:1) und Island (4:3), als Norwegen aber schon als Gruppensieger feststand, waren ziemlich glĂŒcklich.
Italien glĂ€nzte jedoch ebenso wenig. Gegen Belgien reichte es zwar noch zu einem hart erkĂ€mpften 1:0-Sieg, gegen Portugal (1:1) liessen die Italienerinnen mit der Zeit aber stark nach und ihren Spielwitz vermissen. DafĂŒr zeigten die «Azzurre» gegen Spanien trotz 1:3-Niederlage eine ansprechende Leistung. Gegen Norwegen bietet sich nun die Chance, erstmals seit 1997 in den EM-Halbfinal einzuziehen.
Schweden â England
Donnerstag, 17. Juli, 21 Uhr, ZĂŒrich
Vor dem Turnier gehörte Schweden nicht zum engsten Kreis der Favoriten, mittlerweile muss der erste Europameister der Geschichte aber definitiv zu den heissesten Titelkandidaten gezĂ€hlt werden. Nach dem etwas mĂŒhsamen Auftaktsieg gegen DĂ€nemark (1:0) folgten ein souverĂ€ner 3:0-Erfolg gegen Polen und ein spektakulĂ€rer Auftritt beim 4:1-Sieg gegen Mitfavorit Deutschland. Nun steht ein nĂ€chster HĂ€rtetest bevor.
Denn mit England bekommen es die Schwedinnen von Peter Gerhardsson gleich mit dem Titelverteidiger zu tun. Zwar mussten sich die «Lionesses» im ersten Spiel gegen starke Französinnen 1:2 geschlagen geben, doch wurden danach die Niederlande (4:0) und Wales (6:1) deklassiert. Die EnglĂ€nderinnen sind also definitiv im Turnier angekommen und mĂŒssen nun beweisen, dass sie auch gegen formstarke Schwedinnen bestehen können.
Die Fans dĂŒrfen sich am Donnerstag auf ein Duell zweier Power-Offensiven freuen. Sorgen bei England vor allem Alessia Russo, Ella Toone und Lauren James fĂŒr Torgefahr, bereiten den gegnerischen Abwehrspielerinnen aufseiten der Schwedinnen besonders Stina Blackstenius und Kosovare Asllani Sorgenfalten. Auf beide Defensiven kommt also viel Arbeit zu und es wĂ€re nicht ĂŒberraschend, wenn am Ende entscheidend ist, wer den gegnerischen Offensiv-Stars besser Einhalt gebieten kann.
Spanien â Schweiz
Freitag, 18. Juli, 21 Uhr, Bern
Es ist der einseitigste Viertelfinal an dieser EM. Weltmeister Spanien trifft auf Gastgeber Schweiz. FĂŒr eine grossartige Stimmung dĂŒrfte im Berner Wankdorf gesorgt sein; ob die Nati auf der Welle der UnterstĂŒtzung surfen kann, muss sich zeigen. Einen effektiveren Wellenbrecher als die besonders offensiv ĂŒberragenden Spanierinnen zu finden, dĂŒrfte aber schwierig sein.
Auf dem Papier hat die Schweiz gegen Spanien eigentlich nĂ€mlich keine Chance. In allen Teamteilen sind die Ibererinnen nominell besser aufgestellt. Nach dem gesundheitlichen Schock mit einer HirnhautentzĂŒndung spielte Aitana Bonmati nach zwei KurzeinsĂ€tzen im letzten Gruppenspiel gegen Italien wieder ĂŒber die volle Distanz. Mit ihr und Alexia Putellas vom FC Barcelona hat Spanien die beiden Weltfussballerinnen der letzten vier Jahre im Team. Im Sturm verwertet die bisher vierfache TorschĂŒtzin Esther Gonzalez derweil jede Möglichkeit, die sich ihr bietet, und im Mittelfeld ordnet Patricia Guijarro das Geschehen. So wurden alle Gruppenspiele gewonnen.
Auch der direkte Vergleich deutet klar auf einen Sieg Spaniens hin. Die letzten drei Duelle im WM-Achtelfinal (1:5) und in der Nations League (0:5 und 1:7) gingen aus Schweizer Sicht allesamt deutlich verloren. Ihre Chance muss sich die Nati wohl in der Defensive der Spanierinnen suchen. Diese war zumindest zeitweise verwundbar, wenn dies auch Meckern auf hohem Niveau ist. Besonders gegen die defensiv stehenden Belgierinnen liess Spanien aber einige Kontermöglichkeiten zu. Kann die Nati diese effizient nutzen â und nur dann â, kann sie den ĂŒbermĂ€chtig scheinenden Gegner ins Wanken bringen.
Frankreich â Deutschland
Samstag, 19. Juli, 21 Uhr, Basel
Zum Abschluss der Viertelfinals gibt es nochmal einen richtigen Leckerbissen. Mit Frankreich trifft das womöglich beste Team der Gruppenphase â Siege gegen England (2:1), Wales (4:1) und die Niederlande (5:2) sind zumindest gute Argumente â auf Mitfavorit Deutschland, dessen Titelchancen mit der 1:4-Niederlage gegen Schweden zum Abschluss der Gruppenphase einen DĂ€mpfer erlitten.
Dennoch ist ein hochkarĂ€tiges Duell zu erwarten. Ein Knackpunkt wird sein, wie gut die Deutschen mit den schnellen französischen FlĂŒgelspielerinnen â lies: Sandy Baltimore und Delphine Cascarino â umgehen können. Zumal aufgrund der Roten Karte gegen Schweden neben Captain Giulia Gwinn in Carlotta Wamser auch deren Vertreterin in der rechten Verteidigung fehlt. Viele Optionen hat Bundestrainer Christian WĂŒck fĂŒr diese Positionen also nicht mehr. Selbst wenn er den richtigen Entscheid trifft und Linksaussen Baltimore so etwas bremsen kann, haben die Französinnen mit StĂŒrmerin Marie-Antoinette Katoto oder Mittelfeldspielerin Sakina Karchaoui weitere brandgefĂ€hrliche Spielerinnen im Kader.
Deutschland liess offensiv bisher hingegen die letzte Genauigkeit und Effizienz vermissen. Gleichzeitig offenbarte es defensive Schwachstellen. Diese kann sich der Rekordeuropameister gegen Frankreich nicht erlauben, sonst droht eine Ă€hnliche Schmach wie gegen Schweden. Dass Kreativkopf Jule Brand (2 Tore, 2 Assists) und StĂŒrmerin Lea SchĂŒller (2 Tore) die deutsche Offensive im Notfall ankurbeln können und Deutschland so auch einige Gegentore verkraften könnte, ist aber ebenso klar.
So geht es danach weiter
Nach den Viertelfinals sind zwei Tage spielfrei. Am Dienstag, dem 22. Juli, und am Mittwoch, dem 23. Juli, werden dann die Halbfinals ausgetragen. In Genf kommt es zum Duell zwischen den Siegerinnen der Partien zwischen Schweden und England sowie Norwegen und Italien. In ZĂŒrich duellieren sich Frankreich oder Deutschland mit Spanien oder der Schweiz um den Einzug in den Final. Dieser findet am Sonntag, dem 27. Juli, in Basel statt.
