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Läderach-Dok über Prügel-Privatschule: Das ist die Geschichte dahinter

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Läderach-Dok über Prügel-Privatschule: Das ist die Geschichte dahinter

«Die evangelikale Welt der Läderachs – Züchtigung im Namen Gottes»: Der SRF-Dokumentarfilm lässt nur wenige kalt. Die Hintergründe.
23.09.2023, 08:0323.09.2023, 10:53
Hugo Stamm
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In einem Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens erheben ehemalige Schülerinnen und Schüler einer freikirchlichen Privatschule schwere Vorwürfe gegen den Glarner «Schoggikönig» und Prediger Jürg Läderach. Sie seien in den 1990er-Jahren bis um die Jahrhundertwende im Internat gezüchtigt worden, teilweise auch vom ehemaligen Patron der Schokoladenfabrik. Dieser bestreitet die Aussagen vehement.

Doch wie glaubwürdig sind seine Beteuerungen?

Hier die Chronologie einer Geschichte, in der es um Prügelstrafe, Vergewaltigung und sektenhafte Indoktrination geht – oder, wie es Aussteiger ausdrücken, schlicht «um die Hölle».

Der Glarner «Schoggikönig» Jürg Läderach ist ein frommer Mann, Prediger und grosszügiger Gönner der Evangelischen Gemeinschaft Hof Oberkirch bei Kaltbrunn SG. Früher, als das Missionswerk noch Kwasizabantu (KSB) hiess, gehörte er zum fünfköpfigen Leitungsteam.

Schoggikönig Jürg Läderach
Im Zentrum der Vorwürfe: Jürg Läderach.screenshot: srf/dok

Prügel mit dem Ledergurt

Damals herrschte nicht der versprochene Himmel auf Erden. Vielmehr war es für die Kinder und Jugendlichen, die in der eigenen Privatschule Domino Servite zur Schule gingen, die «Hölle», wie sie es selbst bezeichnen. Prügelstrafen mit dem Ledergurt gehörten demnach zum christlichen Tagesablauf.

Als ein Aussteiger 1999 die St.Galler Behörden alarmierte, starteten diese eine Untersuchung. Sie verlief im Sand, weil alle Gläubigen und Eltern geschlossen hinter den Führungsgremien standen und diesen die Absolution erteilten.

Behördenvertreter Jürg Raschle über die damaligen Untersuchungen:

Dass unter diesen Umständen Schulbesuche von Mitarbeitenden des Bildungsdepartementes keine Hinweise auf Missbräuche ergaben, verwundert nicht. Die Schulleitung frohlockte denn auch, die Vorwürfe der ehemaligen Schülerinnen und Schüler seien haltlos gewesen. Das drohende Unheil wurde abgewendet.

Für Jürg Läderach war es eine schwierige Zeit, war er doch im Vorstand des Vereins Kwasizabantu, Mitglied des Schulrates und Präsident von «Christen für die Wahrheit», einer Nebenorganisation von KSB. Ausserdem amtete seine Frau als Lehrerin in der freikirchlichen Privatschule, und alle sechs Kinder gingen in der Freikirche zur Schule.

Skandale auch im Umfeld

Vor ein paar Jahren nahm der Druck auf Läderach und das Leitungsteam der Freikirche wieder zu. Aussteiger schilderten ihre traumatisierenden Erfahrungen, und die Mutterkirche in Südafrika war in Skandale verwickelt. Der deutsche Gründer von KSB, Erlo Stegen, soll acht Millionen Franken veruntreut haben, um sein luxuriöses Leben zu finanzieren.

2019 sahen sich Jürg Läderach und der Vorstand gezwungen, eine Anwaltskanzlei zu beauftragen, die Vorwürfe zu untersuchen. Der ehemalige Bundesrichter Niklaus Oberholzer übernahm die Aufgabe. Dabei wurden 500 ehemalige Schülerinnen und Schüler interviewt. Vor gut einem Jahr kam er in seinem Bericht zu einem vernichtenden Urteil.

So hielt er fest, dass die Lehre von KSB zu «schweren Missbräuchen in religiöser, psychischer, körperlicher und sexueller Hinsicht» geführt habe.

Weitere Stichworte aus dem Bericht zeigen das Ausmass der Missbräuche: Theologie der Angst, Kultur der Denunziation, der Manipulation und der Drohungen, körperliche Züchtigungsrituale, Unterdrückung der Frauen, Diabolisierung zwischengeschlechtlicher Kontakte, Übersexualisierung.

Ausserdem gebe es Hinweise auf Vergewaltigungen durch eine Lehrperson und schwersten sexuellen Missbrauch durch einen ehemaligen Präsidenten der damaligen Missionswerke Kwasizabantu Schweiz und Domino Servite sowie mehrere Seelsorger, schrieb Oberholzer.

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Der Bericht war für Läderach ein Tiefschlag. Der berühmte Chocolatier als Prediger und Führungsmitglied einer radikalen und fundamentalistischen Freikirche, in der Züchtigung und religiöser Missbrauch an der Tagesordnung waren? Und in der mutmasslich Verbrechen stattfanden und vertuscht wurden?

Nun war es dokumentiert und Leugnen kaum mehr möglich. Also trat Jürg Läderach, der 2018 die operative Leitung der Schokoladenfabrik an seine Söhne weitergegeben hatte, die Flucht nach vorn an.

Nichts gesehen, nichts gehört

Das Leitungsteam des Missionswerks hatte sich vorsorglich von Kwasizabantu gelöst und sich einen neuen Namen gegeben. Das Internat wurde in «Christliche Schule Linth» umgetauft. Opfer und Öffentlichkeit wurden mit dem Argument beschwichtigt, dass die Fehlbaren nicht mehr im Amt und die Missbräuche längst gestoppt seien.

Läderach und die neuen Führungskräfte gestanden Fehler ein und entschuldigten sich bei den Gepeinigten. Der «Schoggikönig» behauptete, von den Missständen nichts mitbekommen und keine Kinder geprügelt zu haben.

Seine Beteuerungen wirkten nicht sehr glaubwürdig, gehörte er doch zum Führungsteam, das eine strenge soziale und religiöse Kontrolle durchführte und das Denunziantentum förderte, wie im Bericht festgehalten war. Oberholzer konnte dem «Schoggikönig» aber nichts nachweisen, was der Anwalt im Bericht explizit erwähnte. Jürg Läderach hatte es wieder geschafft, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Doch er hatte die Rechnung ohne die Opfer gemacht. Mehrere waren nach langem innerem Kampf bereit, ihre Erfahrungen der Dokumentarfilmerin Eveline Falk zu schildern. So entstand nach über zweijährigen Recherchen die Doku: «Die evangelikale Welt der Läderachs – Züchtigung im Namen Gottes».

Hier kannst du den gesamten Dok-Film sehen:

Der Film zeichnet ein religiöses Sittenbild von Prediger Jürg Läderach, das dessen Rolle innerhalb der Freikirche in ein neues Licht rückt. Mehrere Opfer bestätigen einhellig, dass er einer der treibenden Kräfte beim Missbrauchsregime war. Er habe alles gewusst und kontrolliert. Einzelne Opfer erzählen auch, sie seien von Läderach persönlich mit einem Gurt gezüchtigt worden.

Läderach war nicht bereit, vor der Kamera Stellung zu nehmen. In einer eidesstattlichen Erklärung streitet er aber weiterhin kategorisch ab, an den Züchtigungen teilgenommen zu haben. Eigenartig mutet an, dass er das «unvorstellbare Leid» der Betroffenen bedauert und sie um Verzeihung bittet.

Eine ehemalige Schülerin formulierte es so:

«Sie entschuldigen sich für etwas, was sie angeblich nicht gesehen haben, aber sie entschuldigen sich nicht dafür, dass sie es gemacht haben. Und sie haben mitgemacht, jeder Einzelne von ihnen.»

Das Züchtigungsritual der Führungskräfte in den 1990er-Jahren bis um die Jahrhundertwende folgte offensichtlich einem standardisierten Muster. Die Kinder und Jugendlichen mussten die Unterhosen ausziehen und sich auf ein Bett oder das Knie ihrer Peiniger legen. Wer die Züchtigung klaglos über sich ergehen liess, kam mit ein paar Schlägen davon, wer aufbegehrte, wurde weiter gepeinigt, bis er sich ergab, erzählen sie im Film.

In der Bibel steht: Wer seine Kinder liebe, strafe sie mit der Rute

Verbunden wurden die Züchtigungen mit Drohungen. Er habe dauernd Angst gehabt, in die Hölle zu kommen, erzählt ein Opfer. Prügel soll es wegen Kleinigkeiten gegeben haben. Die Körperstrafe sollte die Kinder auf den rechten Weg bringen. In der Bibel steht denn auch, wer seine Kinder liebe, strafe sie mit der Rute. Selbst die Kinder von Jürg Läderach sollen mit dem Gurt gezüchtigt worden sein, wie Aussteiger berichten.

Von den Führungspersonen war einzig die damalige Internatsleiterin und Ehefrau des Pfarrers bereit, Auskunft zu geben. Sie bestätigt im Film, dass sie Kinder gezüchtigt hat, auch ihre eigenen. Sie kann es sich heute nur schwer erklären, weshalb sie sich dem System unterworfen hat. Sie bestätigt im Film ebenfalls, dass alle Leiter Kinder geprügelt hätten. Auch Jürg Läderach. Die Züchtigung sei in Predigten empfohlen worden.

Nach den ersten Berichten von Aussteigern sei die Prügelstrafe 2002 durch psychischen Druck wie Drohungen und Angsterzeugung ersetzt worden, berichten Opfer. «Die Hölle ging nun erst recht los», sagt ein Aussteiger. Bei der Prügelstrafe sei der Schmerz wieder vergangen, bei der psychischen Peinigung nicht. Zur Strafe gehörte es beispielsweise, an einem schulfreien Nachmittag stundenlang auf einem Stuhl zu sitzen, verbunden mit einem Redeverbot.

In der Freikirche wurden offenbar auch Ehen arrangiert. Eine Aussteigerin berichtet, Jürg Läderach persönlich habe ihr am Telefon mitgeteilt, dass sie bald mit einem frommen Mann verlobt werde. Sie habe ihren Zukünftigen erst am Tag der Verlobung näher kennengelernt. Sie lebte 12 Jahre lang wider Willen mit dem Mann zusammen, denn Scheidungen seien in der Freikirche des Teufels gewesen und hätten direkt in die Hölle geführt, erklärt sie. Ausserdem sei sie von ihrem Mann regelmässig vergewaltigt worden.

Als der «Schoggikönig» vom Filmprojekt erfuhr, war die Hölle los. Die Kommunikation mit Jürg Läderach verlief nur über seine Anwälte und Medienberater. Opfer wurden unter Druck gesetzt und mit Strafanzeigen bedroht. Eine Zeugin im Film wurde schon vor der Ausstrahlung vom Donnerstag bei den Justizbehörden angezeigt.

Die Aussagen der Opfer werden den Ruf von Jürg Läderach weiter ramponieren.

Das sagt «Läderach Chocolatier Suisse» zum Film:
Jürg Läderachs Sohn, der heutige Geschäftsführer Johannes Läderach, lässt sich in einer Mitteilung folgendermassen zitieren:
«Meine Brüder und ich haben mit dafür gesorgt, dass die Vergangenheit schonungslos aufgearbeitet wurde. Wir selbst waren zur fraglichen Zeit Kinder und damals Teil der Gemeinde und sind auch dort zur Schule gegangen. Wir kennen viele Betroffene und verurteilen das, was geschehen ist, auf das Schärfste.»

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Hugo Stamm, Sektenblog
Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
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725 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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fant
23.09.2023 08:38registriert Oktober 2015
Anscheinend ist der Glaube so aus der Zeit gefallen, dass man Kinder nur mit massiven Drohungen und Schlägen dazu bringt, dieses Phantasie - Gebilde zu verinnerlichen.

Man muss innerlich gebrochen werden, damit man sich 'feeiwillig', 'aus freien Stücken', dieser Hierarchie unterwirft.

Und wenn dann gar nichts mehr von einem selbst übrig ist, kann man endlich vom Opfer zum Täter werden. Wir sonst können solche Gemeinschaften über Generationen bestehen?

Mi tschuderets!
21910
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Don't look up!
23.09.2023 08:36registriert Juni 2021
"Als ein Aussteiger 1999 die St.Galler Behörden alarmierte, starteten diese eine Untersuchung. Sie verlief im Sand, weil alle Gläubigen und Eltern geschlossen hinter den Führungsgremien standen und diesen die Absolution erteilten."

Das ist das Problem der Behörden bei solchen Gruppen. Kontrolliert wird dann auch nur nach Ankündigung, so dass sich alle schön rausputzen können....

Leider stehen die Anweisungen zur Züchtigung der Kinder halt in der Bibel. Menschen, die sie als veritables "Wort Gottes" nehmen, sind halt leider schlecht angeleitet und werden zu Tätern. Korrektur unerwünscht.
1559
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DocAc
23.09.2023 09:15registriert September 2022
"Du sollst keine Schokolade von einem bösen, fremden Mann nehmen!“ … Ein Satz, der urplötzlich eine neue Dimension erhält …
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725
Nein, der Aberglaube ist nicht harmlos
Eine weltweite Studie belegt, dass 40 Prozent der Weltbevölkerung abergläubisch ist und an die magische Macht der Hexen glaubt.

Der Glaube an übersinnliche Phänomene muss tief in der menschlichen DNA verankert sein. Nur so lässt sich halbwegs schlüssig erklären, wieso der Aberglaube auch heute noch in geistig, kulturell und wissenschaftlich entwickelten Gesellschaften so stark verbreitet ist. Gerade die Corona-Pandemie hat eindrücklich aufgezeigt, wie schnell auch gebildete Leute bereit sind, Fake News aus dem Reich der Verschwörungen kritiklos in ihr Weltbild zu integrieren.

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