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Ein Rabbiner stellt vor dem Brandenburger Tor in Berlin einem Chanukka-Leuchter auf.
Ein Rabbiner stellt vor dem Brandenburger Tor in Berlin einem Chanukka-Leuchter auf.
Bild: AP
Sektenblog

Europas Juden denken ans Auswandern: Die Angst ist zurück

17.12.2018, 09:2418.12.2018, 15:23

Der Holocaust löste in Deutschland ein historisches kollektives Trauma aus, das bis heute eine offene Wunde geblieben ist. Obwohl die heutigen Generationen keine Schuld trifft, leidet unser Nachbar immer noch an diesem beispiellosen Genozid.

Nie wieder, schwören sich besonnene Menschen. Das Ereignis dient als Schulbeispiel dafür, welche zerstörerische Kraft im Faschismus steckt.

Gut beschützt: Der Eingang zu einer Synagoge in Zürich
Gut beschützt: Der Eingang zu einer Synagoge in Zürich
Bild: KEYSTONE

Eine Untersuchung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) zeigt nun, dass sich der Antisemitismus gerade in Deutschland wieder rasch ausbreitet. Zwar nehmen Ressentiments gegen und Hass auf die Juden in ganz Europa zu, doch Spitzenreiter in diesem bedenklichen Ranking ist ausgerechnet Deutschland.

Befragt wurden 16'300 Juden aus 12 europäischen Ländern. Das Ergebnis ist alarmierend: 41 Prozent der befragten Juden in Deutschland gaben an, im vergangenen Jahr belästigt worden zu sein. Das ist der Spitzenwert.

Der europäische Durchschnitt lag bei 28 Prozent. In den vergangenen fünf Jahren lagen die Belästigungen europaweit bei 79 Prozent.

Fast die Hälfte dachte an Auswanderung

Deutschland führt das unrühmliche Ranking auch bei einem weiteren Problem an. 44 Prozent der deutschen Juden haben in den letzten fünf Jahren schon eine Auswanderung in Erwägung gezogen, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen. Der europäische Durchschnitt liegt bei 38 Prozent.

Ausserdem sagten 89 Prozent aller Befragten, dass der Antisemitismus nach ihren Erfahrungen in den letzten fünf Jahren zugenommen hat. Am häufigsten stellten dies Juden in Frankreich mit 93 Prozent fest. 85 Prozent der europäischen Juden halten den Antisemitismus für ihr grösstes soziales und politisches Problem.

«Die jüdische Gemeinschaft sollte sich in Europa zu Hause und sicher fühlen, egal ob auf dem Weg zur Synagoge oder beim Surfen im Internet.»
Vĕra Jourová, EU-Kommissarin

Die Angst vor Übergriffen

Bild Online hat noch weitere Zahlen der Untersuchung veröffentlicht. So gaben 75 Prozent der deutschen Juden an, manchmal, häufig oder immer darauf zu verzichten, jüdische Symbole in der Öffentlichkeit zu tragen. 46 Prozent meiden gewisse Gegenden, weil sie Angst vor Belästigungen oder Übergriffen haben aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit. Das, obwohl sie niemanden missionieren und keine religiösen Expansionsgelüste hegen.

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Überraschende Resultate ergaben sich auch bei der Frage nach den Tätern der Übergriffe. So erklärten 41 Prozent der befragten Juden in Deutschland, die Täter hätten einen muslimischen Hintergrund. Rechte Tätergruppen machten hingegen lediglich 20 Prozent aus.

Diese Zahl kontrastiert zur Kriminalstatistik, die die Täter grossmehrheitlich dem rechtsradikalen Spektrum zuordnet. Hier stellt sich die Frage, ob bei der Untersuchung auch Ereignisse genannt wurden, die strafrechtlich nicht relevant waren. Denn die Befragten gaben an, 79 Prozent der Vorfälle weder der Polizei noch einer anderen Organisation gemeldet zu haben.

Die alte Mär von der Weltherrschaft

Vĕra Jourová, EU-Kommissarin für Justiz, Verbraucher und Gleichstellung, erklärte: «70 Jahre nach dem Holocaust macht es mich sehr traurig, dass der Antisemitismus nach der Ansicht von neun von zehn Juden in Europa in den letzten fünf Jahren zugenommen hat. Die jüdische Gemeinschaft sollte sich in Europa zu Hause und sicher fühlen, egal ob auf dem Weg zur Synagoge oder beim Surfen im Internet.»

Die Zunahme der Belästigungen und Übergriffe hat viel mit den sozialen Medien und der Fake-News-Kultur zu tun. Im Internet werden viele Verschwörungstheorien verbreitet. Der Tenor: Die Juden seien massgeblich an den vermeintlichen geheimen Mächten beteiligt, die die Weltherrschaft anstrebten.

Neben den Verschwörungstheoretikern mischen auch rechtsradikale Kräfte mit, die dank dem Internet eine effiziente Informationsschlacht lostreten und vom revisionistischen Zeitgeist profitieren konnten.

Leben in der Echokammer

Dabei kriechen ihnen Wutbürger auf den Leim, die mit der herrschenden Politkaste unzufrieden sind und die Grenzen dichtmachen möchten.

Diese Wutbürger bewegen sich in einer Echokammer, die ihre Vorurteile mantramässig verstärkt. Sie indoktrinieren sich in einer Form der Autosuggestion selbst und sind weitgehend immun gegen plausible rationale Argumente. Der Kommentar eines Judenhassers auf Twitter: «Er hätte sie alle ausrotten sollen.» Der Unmensch wird nicht genannt, damit der Tweet nicht gelöscht wird.

Viktor Orban, ungarischer Premierminister. 
Viktor Orban, ungarischer Premierminister. 
Bild: EPA/EPA

So klopfen Vorboten eines neuen Faschismus an die Pforten Europas. Regierungen von der Türkei über Ungarn bis Italien leisten diesen Kräften Vorschub. Parteien wie Lega Nord und AfD, die bereits in den Regierungen und Parlamenten sitzen, befeuern rechtsradikale Strömungen.

Im Rest der Welt haben sich Autokraten als Staatspräsidenten eingenistet, die selbst an Verschwörungstheorien glauben und Juden misstrauen – auch wenn sie es selten wagen, öffentlich dazu zu stehen. Schöne neue Welt.

Wir gehen kalten Zeiten entgegen. Da helfen auch ein paar Weihnachtskerzen wenig.

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Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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