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Selin Gören, Bundessprecherin der Linksjugend.
Selin Gören, Bundessprecherin der Linksjugend.
Bild: Twitter

Linke Jungpolitikerin wird vergewaltigt und macht alles falsch. Aus verständlichen Gründen

Selin Gören befürchtet einen rechten Shitstorm und greift zu einer Lüge. Worauf sie auf eine andere Lügnerin hereinfällt. 
05.07.2016, 11:5306.07.2016, 15:58

Die Geschichte ist grässlich und nützt am Ende genau den Falschen. Den «Nazis», wie Selin Gören sie nennt. Selin Gören ist 24, Bundessprecherin des Jugendverbandes der Partei Die Linke, türkischstämmig und seit Januar Vergewaltigungsopfer. Es geschah in einem Mannheimer Park, drei Arabisch sprechende Männer überfielen sie und stahlen ihre Handtasche, einer zwang sie zum Oralverkehr.

Wir befinden uns in den aufgekratzten Wochen nach der Silvesternacht von Köln. Deutsche Männer fordern Schutz für deutsche Frauen. Aus «Refugees» werden «Rape-fugees». Selin Gören beschliesst, zu lügen. Gerade hat sie ein Flüchtlingscamp besucht, sie ist erschüttert. Sie wagt nicht, die Wahrheit zu erzählen, weil sie den rabiaten rechten Shitstorm befürchtet. Die Hetze. Anschläge auf Flüchtlinge. Brennende Asylantenheime. Gewalt.

Die Rhetorik der Rechten klingt immer mehr, als würde der Ku-Klux-Klan zu einem Rachefeldzug aufrufen.

Selin Gören identifiziert sich über ihren migrantischen Hintergrund mit den Tätern. Eine Art Stockholm-Syndrom greift. Sie lügt. Sie geht zur Polizei und meldet den Diebstahl. Die Angreifer beschreibt sie als Deutsche. Das ist natürlich kreuzfalsch. Aber vor dem Hintergrund einer sich täglich radikalisierenden Realität verständlich. Und tragisch. Denn es zeigt leider viel zu deutlich, wer in der Kette der Angst zuhinterst steht, noch immer und trotz allem: die Frau.

Ihr Freund fleht sie an, die Wahrheit zu sagen, schliesslich sei einer andern Frau in Mannheim gerade etwas Ähnliches widerfahren. Selin Gören entscheidet sich dafür, weitere Frauen vor Übergriffen zu schützen, und erzählt der Polizei die Wahrheit. Danach erfährt sie, dass das andere Mannheimer «Vergewaltigungsopfer» seine Geschichte zu rassistischen Propagandazwecken erfunden hat.

Die Jungpolitikerin befindet sich in einem Netz aus Lügen, Angst und Ängste schürender Fiktion. Sie muss sich fühlen wie eine Marionette: Aus Angst vor rechten Reaktionen hat sie gelogen, weil sie auf eine rechte Intrige reingefallen ist, hat sie sich nun selbst der Lüge bezichtigt.

Auf Facebook versucht sie, sich zu verteidigen, zu rechtfertigen, sie schreibt einen Brief an die «liebe rassistische ‹Missbrauchsgeschädigte›, die ihre Vergewaltigung nur erfunden hat» und löscht ihn wieder. Sie entschuldigt sich bei ihrem Täter und schreibt: «Du bist nicht das Problem. Du bist überhaupt kein Problem. Du bist meistens ein wunderbarer Mensch, der es genauso wie jeder andere verdient hat, sicher und frei zu sein. Danke, dass es dich gibt – und schön, dass du da bist.» Auch das löscht sie wieder.

Was gut gemeint ist, klingt in seiner ideologischen Übersteigerung leicht unzurechnungsfähig.

Was auch immer sie tut, es ist verzweifelt. Und sie macht falsch, was sich falsch machen lässt. Weil sie nicht wagte, ihre Vergewaltigung von Anfang an korrekt anzuzeigen. Obwohl genau dies wieder zu einer ganz anderen, genauso unguten Geschichte hätte führen können. Gina-Lisa Lohfink erfährt das gerade in aller Härte.

Erst jetzt hat sie sich dazu entschieden, im «Spiegel» die Kette der Angst von hinten her zu demontieren. Die Reaktionen sind wie erwartet von der gröberen Sorte.

Frauen-Themen, Feminismus, Sexismus, Gesellschaft

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