DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Trümmerfeld Aleppo

1 / 17
Aleppo ist ein Trümmerfeld (Update 13.12.16)
quelle: ap/ap / hassan ammar
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
Interview

Syrien-Expertin Gohdes: «Soziale Medien geben uns die Illusion perfekter Information» 

Aleppo liegt in Trümmern, Menschen werden getötet oder müssen fliehen. Im Interview spricht die Syrien-Forscherin Anita Gohdes darüber, was in der Stadt und in den Sozialen Medien passiert, warum nicht von Evakuierung gesprochen werden kann und welche Spiele das Regime spielt.
19.12.2016, 09:2519.12.2016, 15:39

Anita Gohdes, wir bekommen live mit, wie in Syrien Menschen fliehen müssen oder getötet werden ...
... und wie Waffenstillstand ausgerufen und wieder gebrochen wird, ja. Diese Grausamkeiten, dieses Chaos wird direkt über die Sozialen Medien verteilt. Und dennoch sind die Reaktionen dazu völlig gleichgültig. Das ist schockierend. Was wir sehen werden, in 5 oder 10 Jahren, was in Aleppo passiert ist werden wir in einem Atemzug mit Sarajevo und Ruanda nennen. Das wird schwer zu verarbeiten sein.

Anita Gohdes.
Anita Gohdes.bild: @ARGhodes
Anita Gohdes
Dr. Anita Gohdes ist Assistenzprofessorin für Internationale Beziehungen an der Universität Zürich. Seit 2009 ist die Deutsche Mitarbeiterin der in San Francisco ansässigen «Human Rights Data Analysis Group», die Forschungsgruppen in Syrien bei der Auswertung von Daten unterstützt. Seit rund drei Jahren erforscht sie den syrischen Konflikt. In ihrer preisgekrönten Doktorarbeit (2015) belegt Gohdes einen Zusammenhang zwischen staatlichen Internetsperren und gezielten Militäroffensiven gegen die syrische Zivilbevölkerung. Daten zur Internetverfügbarkeit in Syrien erhielt die Forscherin
vom Syria Digital Security Monitor (SDSM) – einem Projekt
der kanadischen SevDev-Stiftung. SDSM befragt regelmäßig
die Bevölkerung in 65 syrischen Distrikten nach ihrer digitalen
Erreichbarkeit – im Festnetz und mobil. Diese Datensätze verglich
Gohdes mit den Todeslisten der anderen Aktivistengruppen. Sie fand heraus, dass an Tagen mit eingeschränktem Internetzugang bis zu neun Prozent mehr Menschen starben.

Woran liegt es, dass die Reaktionen ausbleiben? 
Es hat sich eine gewisse Müdigkeit eingestellt, wegen der konstanten Berieselung von Information sind viele Leute nicht mehr aufnahmefähig, obwohl der Krieg nicht weniger schlimm geworden ist. Und die Intensität von Signalen, die man zum Beispiel auf Sozialen Medien mitkriegt, vermittelt ein falsches Bild. Das täuscht gewaltig.

Wie meinen Sie das?
Wie oft über den IS getwittert wird, wie oft über Oppositionsgruppen und wie oft über die Regierung wird als proportional dazu wahrgenommen, was wirklich passiert. Dass der Hauptgewalttäter die syrische Regierung ist, kommt in den Sozialen Medien nicht rüber. Es gibt viele Gründe dafür, unter anderem dass die syrische Regierung Internetkontrollen oder  –sperrungen häufig an jenen Tagen verhängt, an denen die Armee vernichtende Militäroffensiven durchführt (siehe Infobox).

«Das Regime weiss ganz genau, was für Spiele gespielt werden müssen.»

Und wie operieren die Rebellen?
Die Opposition gegen das Regime ist stark zersplittert, wir sehen sehen eine Vielzahl von Gruppen die zum Teil auch untereinander kämpfen. Berichten zufolge wenden einige der Oppositionsgruppen ähnlich brutale Methoden wie das syrische Militär an. Grundsätzlich ist jedoch das Ausmass der Gewalt auf Seiten der Opposition nicht mit dem der Regierung zu vergleichen.

Humans of Syria – Sieben Schicksale von syrischen Flüchtlingen im Libanon

1 / 9
Humans of Syria – Sieben Schicksale von syrischen Flüchtlingen im Libanon.
quelle: watson/rafaela roth / watson/rafaela roth
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Die Signale, die aus Aleppo zu uns schwappen, widersprechen sich. Werden die Menschen nun evakuiert oder vertrieben?
Die Sprache der syrischen Regierung erstaunt und bestürzt mich. Da ist von Evakuierung die Rede und von Versöhnungsprogrammen, als hätten die Menschen, die dem Regime kritisch gegenüber stehen, automatisch Unrecht begangen und als würden sie jetzt quasi wohlwollend aufgenommen werden. Das ist eine Rhetorik, die gerne in Menschenrechtskreisen benutzt wird. Und zu sehen, dass eine Regierung, die abertausende von Menschen umgebracht hat, sich diese Rhetorik zu eigen macht, ist schockierend. Es zeigt: Das Regime weiss ganz genau, was da für Spiele gespielt werden müssen.

Da hat man als Laie aber auch kaum Chancen, durchzublicken.
Absolut. Das war bei den US-Wahlen zum Teil auch so, Stichwort Fake News: Schon kleine Infragestellungen wecken grosses Misstrauen. Wenn uns eine Botschaft über die Sozialen Medien erreicht, die lautet, alle Regimegegner seien automatisch Terroristen, fragt man sich plötzlich: Soll man dieser Seite auch ein bisschen glauben? Auch wenn die Botschaft vielleicht von einem Absender mit eindeutiger Motivation kommt. Das findet ein richtiger Informationskrieg statt.

Sind wir diesem Informationskrieg chancenlos ausgeliefert?
Es braucht eine höhere Medienkompetenz. Von jedem. Wer hat in der Vergangenheit gut und faktenbasiert Informationen geliefert? Das ist eine verlässliche Quelle. Twittere ich alles weiter, was ich sehe, oder gucke ich, woher es kommt, ob es weitere Meldungen dazu gibt? Gibt es Medienhäuser, denen ich vertrauen kann, Reporter, die schon seit Jahren berichten? Das alles sind Möglichkeiten, sich von extrem plakativer Falschberichterstattung zu schützen.

«Da findet ein richtiger Motivationskrieg statt.»

Hat sich die Quellenlage verändert?
Die syrische Bevölkerung ist zu Beginn des Konfliktes deutlich freizügiger mit dem Internet umgegangen. Damals hatte die syrische Regierung zum ersten Mal Seiten wie Facebook, Twitter und Youtube entblockt, die Euphorie war gross, wenn nur genug Leute sähen, was passiert, könne man etwas, oder sie, bewegen. Diese Euphorie ist verflogen, weil die Menschen gemerkt haben, dass die Regierung das auch zu ihrem Vorteil nutzen kann: Wer ist mit wem befreundet, wer geht an welche Demo? Mittlerweile ist viel Kommunikation verschlüsselt und sicherer geworden.

13 Gesichter von syrischen Flüchtlings-Kindern: Wo ist meine Zukunft?

1 / 15
13 Gesichter von syrischen Flüchtlings-Kindern: Wo ist meine Zukunft?
quelle: ap/ap / muhammed muheisen
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Zurück zu Aleppo: Ist das ein dauerhafter Sieg für Assad?
Ich wage keine Prognose, aber ich glaube, ohne Einwirkung der russischen Seite würden wir jetzt nicht diese Obermacht der Regierung sehen. Seit dieser Unterstützung hat Assad viel mehr Ressourcen und deshalb einen grossen Vorteil. Die Frage ist nur noch, ob Russland und Assad, und auch die Türkei bereit sind, zu verhandeln. In Aleppo jedenfalls werden junge Männer, die von der Opposition rekrutiert werden könnten, gezielt umgebracht. Vor diesen Menschen hat die Regierung extrem Angst.

Die Hauptopfer sind also junge Männer?
Ganz viele sterben durch indiscriminate killings, das heisst Bomben und Raketen. Da werden Frauen und Kinder, alte und junge gleichermassen Opfer. In Aleppo aber schnappen sie zusätzlich alle kampffähigen Männer. Diese haben dann die Wahl zwischen Zwangsrekrutierung und Folter oder Tod. Das ist übrigens auch ein Grund, warum sehr viele junge Syrer fliehen.

Demonstration für die syrische Bevölkerung vor der russischen Botschaft in Ammann, Jordanien.
Demonstration für die syrische Bevölkerung vor der russischen Botschaft in Ammann, Jordanien. Bild: JAMAL NASRALLAH/EPA/KEYSTONE

Welche Rolle spielt der IS?
Wenn man sieht, wie viel Wirkung das Bestehen des IS auf westliche Staaten und deren Motivation, in den Krieg einzugreifen, hat, eine wichtige. Der IS ist für die Assad-Regierung ein gefundenes Fressen, er liefert einen Sündenbock. Dabei darf man natürlich nicht unterschätzen, was für ein Leid der IS angerichtet hat.

Und wie sieht es in Rest-Syrien aus? 
In fast jedem Teil des Landes sind Massaker passiert, das darf man nicht vergessen. In den von der Regierung gehaltenen Gebieten wird vielleicht zeitweise keine extreme Gewaltschiene gefahren, aber das heisst nicht, dass es den Leuten gut geht.

So lebt der russische Soldat in Syrien: Sogar eine fahrbare Sauna ist am Start

1 / 9
So lebt der russische Soldat in Syrien: Sogar eine fahrbare Sauna ist am Start
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Syrien

Alle Storys anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Abonniere unseren Newsletter

37 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Maett
19.12.2016 10:41registriert Januar 2016
"Dass der Hauptgewalttäter die syrische Regierung ist" - ich glaub es hackt.

Da werden extremistische Kräfte in ein Land eingeschleust, von überall aus der Welt mit Waffen ausgerüstet, gegen die die einzige reguläre Armee (nämlich die der syrischen Regierung) vorgeht, die man dann als Hauptgewalttäter identifiziert, obwohl sie das einzige Opfer (der am Konflikt teilnehmenden Parteien) ist, da sie die Pflicht hat, ihr Land sich wieder eigen zu machen?

Westliche Werte-Länder unterstützen hier offen Djihadisten, die man gleichzeitig anderswo bekämpft - DAS ist krank.
5515
Melden
Zum Kommentar
avatar
Peter Winkler
19.12.2016 10:18registriert Juni 2016
Dieser Artikel von Frau Ghodes reiht sich nahtlos in das bisher bekannte PR-Geschreibsels der hiesigen Medien. Kein Wort über die wahren Ursachen dieses von Aussen gesteuerten Gaskrieges.
5218
Melden
Zum Kommentar
avatar
Nicolas Flammel
19.12.2016 11:11registriert Juni 2016
Wieder so ein undifferenziertes Interview mit einer Person die einfach Behauptungen aufstellt ohne konkrete Beweise oder eigene Erfahrungen. Ist ja auch kein Wunder, wenn man noch nie in Syrien war...
4916
Melden
Zum Kommentar
37
Der Lohnschutz ist in der EU unter Druck – und das ist ein Problem für die Schweiz
Differenzen beim Lohnschutz sorgten führte unter anderem zum Abbruch beim Rahmenabkommen. Nun zeigt sich: Die EU-Kommission moniert auch bei vielen EU-Staaten übertriebene Lohnschutz-Hürden.

Der Lohnschutz ist einer der zentralen Knackpunkte in den Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU. Weshalb das so ist, zeigt ein Blick auf die durchschnittlichen Monatslöhne in Europa: Die Schweiz liegt mit 5624 Franken deutlich an der Spitze, vor den EWR-Staaten Island (4854) und Norwegen (4743). Luxemburg (4630) folgt als erster EU-Staat auf Rang 4. Den letzten Rang belegt Bulgarien mit 608 Euro.

Zur Story