Leben
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Egal, was du jetzt behauptest: Wir gehen alle fremd – und zwar die ganze Zeit!

bild: shutterstock

Man kann fremdgehen, ohne jemanden anderes überhaupt bloss zu berühren. Du hast es bestimmt auch schon getan.



Ein stechender Schmerz, brennende Einsamkeit, lähmende Wut. Hintergangen zu werden, tut verdammt weh. Gerade, wenn es Menschen sind, die man eigentlich sehr gerne hat. Namentlich Freunde, Freundinnen, Familie, Partnerinnen, Partner und Kollegen, kann ein Betrug besonders verletzten. Und trotzdem tun wir es alle. Oft unbewusst, meistens aus Eigensinnigkeit und immer ohne Rücksicht. Sowohl die Menschen, die es betrifft, wie auch uns selbst, verletzt das oft extrem.

Wieso wir dennoch ständig unsere Liebsten hintergehen, ist uns nachgehend oft rätselhaft. Wir verdrängen unser flegelhaftes Verhalten oft, tun so, als wäre es nicht passiert, verschleiern es in kurzen Lachern.

Was uns dazu bewegt, unsere Liebsten zu hintergehen, wie wir uns dabei und danach fühlen, versucht die folgende Typologie zu untersuchen.

Eine Typologie des nicht-sexuellen Betrugs

Der Ignoranz-Schwindel

Wie es dazu kommt:
Du bist gerade total im Stress oder im Gegenteil, du hast endlich mal Zeit für dich selbst. Eine SMS bringt dein Telefon zum Vibrieren: «Hei, was lauft höt Obe?» – Die Nachricht suggeriert, dass ein alter Freund, die beste Freundin oder der verliebte Partner dich sehen will. Deine ehrliche Antwort wäre: «Ich zieh mir acht Folgen ‹New Girl› rein, bis ich, ohne die Zähne geputzt zu haben, einschlafe.»

Die Gefahr, dass der andere dann fragt, ob er vorbei kommen kann, ist zu gross. Du willst allein sein. Aus diesem Grund schweigst du. Digital.

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Bleibt unbeantwortet. Zumindest für den heutigen Abend.

Wie du dich dabei fühlst:
Zufrieden und voller Selbstliebe, die sich zu Beginn zwar etwas falsch anfühlt. Bin ich zu eigensinnig, fragst du dich selbst. Doch innert Millisekunden lässt dein warmes Bett und die Stimmen von amerikanischen Sitcom-Stars deine Gewissensbisse verfliegen. Ohne weiter darüber nachzudenken, bestellst du dir eine Pizza mit extra Mozzarella.

Wie du dich danach fühlst:
Immer noch äusserst zufrieden. Doch um ein grosses Drama und schwerwiegende Ignoranz-Vorwürfe vorzubeugen, schreibst du der Person kurz bevor du schlafen willst, zurück. Das findet genau zu jenem Zeitpunkt statt, wenn es gerade zu spät geworden ist, um sich noch kurzfristig zu verabreden. Jetzt bist du frei. Dein kleiner Betrug löscht sich so schnell aus deinem Gewissen, wie du ihn begangen hast. 

Erst Tage, vielleicht auch Wochen später, fährt dir denn das eigentliche Unbehagen bezüglich deiner vorsätzlichen Ignoranz von jenem Abend ein. Du schreibst einer Person, vielleicht sogar genau der Person, der du Wochen zuvor einen wortlosen Korb erteilt hast. Du willst was unternehmen, vielleicht geht es dir gerade nicht so gut und du brauchst jemanden, der dich ablenkt. Weil du dich aber nicht traust, explizit auszusprechen, dass du gerade dringend Gesellschaft benötigst, schreibst du bloss: «Hei, was lauft höt Obe?» – Alles was du kriegst, sind zwei blaue Häckchen. Jetzt geht's dir doppelt Scheisse.

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Das Vorwurfs-Outsourcing

Wie es dazu kommt:
Jemand, der die dir nahe steht, begeht aus deiner Sicht einen schlimmen Fehler. Vielleicht kündigt er den Job, der eigentlich so super zu ihr passen würde, beginnt mit 42 noch ein Studium, in dem du keine Zukunft siehst oder verhält sich in letzter Zeit allgemein etwas unpässlich. Statt deine Gedanken und deine Vorwürfe mit dieser Person zu teilen, wendest du dich an deine Mutter, die Arbeitskollegin oder einen gemeinsamen Freund. Du heulst dich dann bei der ausgewählten Zuhörerin aus, und tust schliesslich so, als ginge es bei der ganzen Sache bloss um dich und deine Gefühle gegenüber der ganzen Sache.

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Wie du dich dabei fühlst:
Der Situation entsprechend geht es dir ziemlich gut. Es fühlt sich bestärkend für dich an, dass deine Argumente verstanden werden. Dass dieses Verständnis aber von einer Person aufgebracht wird, die notabene gar keinen wirklichen Bezug zu der Geschichte hat, überlegst du dir in diesem Moment überhaupt nicht.

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Wie du dich danach fühlst:
Im besten Fall bist du nach dieser Konversation genug stark, um nun auch mit der betroffenen Person über deine Gefühle zu sprechen und dir auch ihre Sicht der Dinge anzuhören. Im schlechtesten Fall glaubst du im Recht zu sein und lachst dir ins Fäustchen, wenn etwas schief läuft.

Die Single-Intrige

Wie es dazu kommt:
Du bist in einer Beziehung und eigentlich auch ganz glücklich damit. Nun sitzt du in einer Bar und die Freundin einer Freundin wirkt ganz nett. Ihr kommt ins Gespräch. Dann klingelt dein Telefon. Es ist dein Partner. Du hältst das Gespräch kurz und wendest, dich schnell wieder deiner neuen Barbekanntschaft zu. Auf die Frage «Wer war denn das am Telefon?» antwortest du spontan, aber lässig: «Ach, das war nur ein Freund.»

Wie du dich dabei fühlst:
Extrem komisch und brutal schuldig. Aus einem Affekt heraus hast du deinen Lieblingsmensch geleugnet. Und du weisst auch, wieso: Du magst die Zuneigung, die du von dieser anderen Person kriegst. Um ehrlich zu sein: Du bist gerade voll am Flirten. Und das gefällt dir; auch wenn du genau weisst, dass du nicht mehr als einen tiefen Blick in die Augen und ein selbstbewusstseinssteigerndes Gefühl mit nach Hause nehmen wirst. 

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Wie du dich danach fühlst:
Durch und durch schuldig. Es ist dir peinlich, was du getan hast. Und vor allem ist dir peinlich, wofür du es getan hast. Die nächsten Tage wirst du, um dich selbst zu bereinigen, alles für deinen Partner tun und ihn mit einer überschwänglichen Portion Liebe überschütten.

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Der Selbst-Betrug

Wie es dazu kommt:
Du isst kein Fleisch, versuchst Wörter wie «schwul» und «behindert» aus deinem Wortschatz zu streichen und willst eigentlich aller höchstens einmal pro Jahr mit dem Flugzeug in den Urlaub reisen. Eigentlich ...

Wie du dich dabei fühlst:
Als wäre es die beste Entscheidung, die du jemals getroffen hast. Mmmm… Big Mac! Wuhu, verlängertes Wochenende auf den Kanaren!

Wie du dich danach fühlst:
Der BigMac bringt dir Durchfall und auf den kanarischen Inseln holst du dir den krassesten Sonnenbrand ever. Und das ist alles ein Zeichen. Ein Zeichen!

Bild: pixabay

Die «Keine Zeit»-Lüge

Wie es dazu kommt:
Deine Familie will dich sehen. Du seist viel zu selten zu Hause, und würdest viel zu sehr dein eigenes Leben führen, werfen sie dir vor. Und weil du laut deiner Mutter sowieso viel zu dünn bist, besteht sie darauf, dass du wieder mal was Richtiges zwischen die Zähne bekommst. Also gehst du die Abmachung ein, am Donnerstagabend zum Essen vorbei zu kommen. Aber dann spielt in der Bar um die Ecke zufälligerweise gerade die Band, in der der Bassist der Cousin deiner Mitbewohnerin ist musst du unbedingt länger arbeiten.

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Wie du dich dabei fühlst:
Ein bisschen schuldig, aber total befreit.

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Wie du dich danach fühlst:
Hungrig und äusserst undankbar. Gerade deinen Eltern hast du so viel zu verdanken: Existenz, Geduld, Studien-Finanzierung. Da ist ein Abendessen doch nicht zu viel verlangt. Du fragst dich, wie sie sich fühlen, wüssten sie, dass du den Abend nicht im Büro, sondern in einer schummrigen Bar mit amateurhaftem Postrock, halbschlechtem Lagerbier und einer Armada von verschwitzten Studenten verbracht hast. Du fragst dich einen Moment lang ernsthaft, ob du grundsätzlich ein guter oder ein schlechter Mensch bist. Wenn das jemand mit dir gemacht hätte, fändest du das sehr uncool. Du fändest diesen Typen echt scheisse, um ehrlich zu sein. Du realisierst, dass deine Absage den Rahmen einer Notlüge gesprengt hat und kommst zum Schluss, dass du den brummenden Kopf am nächsten Morgen mehr als nur verdient hast.

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Der Bequemlichkeitsverrat

Wie es dazu kommt:
Deine Beziehung, sei es eine langjährige Freundschaft oder ein romantisches Verhältnis, entspricht genau deinen Erwartungen. Sie, die Beziehung, gibt dir, was du von ihr verlangst, ist stets verfügbar, wenn du Lust hast und ist genau so zuverlässig, wenn es um Freiraum geht. Trotzdem spürst du, dass der Partner, die Partnerin, die Freunde und Freundinnen, mit denen du diese Beziehung pflegst, nicht im selben Masse zufrieden sind, wie du. Sie beklagen sich. Darüber, dass ihr zu wenig unternehmt, dass gewisse Themen zu kurz kommen oder dass du zu wenig Initiative zeigst und die ganze Beziehungsarbeit somit an ihnen hängen bleibt.

Du nimmst die Klage deiner Liebsten ernst. Versicherst, sie zu verstehen und Änderungen willkommen zu heissen. Also lädst du nächste Woche ins Kino ein, fragst nicht nur «Wie geht's?», sonder auch, wie sich dein Freund gerade fühlt. Das machst du dann mindestens einmal. Und höchstens dreimal. 

Wie du dich dabei fühlst:
Gut, aber doch sehr gezwungen. Du hast das Gefühl, dich gerade äusserst korrekt zu verhalten, aber dennoch bist du auch ein bisschen genervt. Du hältst die Vorwürfe aber immer noch für etwas übertrieben. Denn das Problem siehst du, wärst du ganz ehrlich, nicht wirklich als solches ein. 

Wie du dich danach fühlst:
Erschöpft, aber sehr erleichtert. Du denkst, dass du deine Busse nun getan hast und fühlst dich vor Vorwürfen in der nähren Zukunft sicher. Die Beziehung kann jetzt wieder nach deinem Gusto ablaufen. Du kannst dich zurücklehnen, deine Liebsten wieder unbefangen treffen und ihr müsst euch nicht weiter über eure psychologischen Eigenheiten austauschen. Auf jeden Fall solange, bis deine Bequemlichkeit auf's neue entlarvt wird.

Bild: pixabay

Wie betrügst du deine Liebsten?

Wenn das Blatt zum Lustobjekt wird: Die Begierde in einer Fernbeziehung

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