Leben
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Oben ohne – warum ich mir eine Glatze rasiert habe

alle Bilder: jennifer zimmermann



«Was willst du loswerden?», fragt mich ein Freund ungläubig, als ich ihm von meinem Plan erzähle, mir den Kopf zu rasieren. «Nichts, ich will um eine Erfahrung reicher werden», so meine Antwort. Ich schiebe weder eine Krise, noch will ich jemandem etwas beweisen.

Mein Wunsch, mir eine Glatze zu rasieren, geht viele Jahre zurück: Als ich mit 17 Jahren ein Austauschjahr im amerikanischen Bundesstaat Virginia machte, liess ich mir eine Pixie-Frisur schneiden. Mir schwebte der Look von Winona Ryder vor. Was dabei herauskam, erinnerte eher an einen 12-jährigen vorpubertierenden Jungen. Ich spielte im High School Fussballteam und im konservativen Newport News hielten mich viele für lesbisch. Ich machte mir einen Spass daraus. Noch Jahre später bereute ich es, dass ich nicht den Mumm hatte, mir gleich den Kopf kahl zu rasieren; ganz einfach, weil ich neugierig war.

Aber nicht nur das: Ich war schon immer ein «Tomboy», ein Mädchen, das lieber mit Action-Figuren als mit Puppen spielte, das mit ihrem Bruder im Wald rumtobte und deutlich zu verstehen gab, wenn ihr jemand zu nahe kam. Zugleich hatte ich eine feminine Seite: Ich war äusserst schüchtern, tanzte Ballett und verbrachte gerne Zeit im Garten mit meiner Mutter.

NYC

Die Angst ins Gesicht geschrieben.

NYC, Glatze, haarlos, Haare ab

Jetzt gibt's kein Zurück.

Glatze, NYC, Haare ab, haarlos

Ta-daaa!

Als Miley Cyrus sich als «gender fluid» outete, konnte ich das nicht ganz ernst nehmen. «Was soll's?», dachte ich mir. Und dennoch würde ich sagen, dass auch ich mich beiden Geschlechtern zugehörig fühle, auch wenn ich mich bis anhin nicht bewusst mit dieser Frage beschäftigt hatte. Sie hat aber durchaus ihre Berechtigung. Das lernte ich nicht zuletzt, als ich als Mädchen und Frau mit Männern Fussball spielte und mich umso mehr «durchsetzen» musste, um respektiert zu werden. Oder ich merke es dann, wenn ich mit Männern in New York rede, die sich gerne ihre Fingernägel lackieren und dafür kritische Blicke ernten. In meiner Gutgläubigkeit denke ich mir auch hier: «Was soll's?», und hoffe, dass andere ebenso denken. Die Realität ist leider gänzlich anders.

Respektbekundungen von allen Seiten

Spulen wir ein paar Jahre vor: Ich bin 31 Jahre alt und lebe seit mehr als einem Jahr in New York. Der Stadt, wo alles möglich ist und sich keiner nach dir umdreht, auch wenn du im Pyjama einkaufen gehst – ich habe es getestet. Der perfekte Ort also, um meinen Jugendtraum nachzuholen.

Nachdem ich mir während einigen Tagen im Gespräch mit Freunden und Familie Mut angeredet hatte, ist es dann soweit: An einem Donnerstagabend um 1 Uhr morgens (nein, ich war nicht betrunken) hat mir eine meiner Mitbewohnerinnen bei der Kahlrasur assistiert. Ich werde euch nicht mit Details langweilen, wie die Rasur verlief (viel Gekicher) oder wie sich mein Kopf nun anfühlt (kalt!). Viel eher geht es mir darum, zu sehen, wie Frauen und Männer auf mich reagieren und wie ich mit meiner neuen Erscheinung umgehe.

«You're so badass!»

«Du bist knallhart!» Meine mitbewohnerin

Die Reaktionen von Frauen überraschen mich mit Abstand am meisten. Da ist zum einen die Mitbewohnerin, die mir den Kopf rasiert hat: «Du hast dein Kronenchakra befreit! Das ist so Zen, das ist so transformativ!». Und die andere Mitbewohnerin, die mich üblicherweise kaum eines Blickes würdigt – sie ist eine sehr introvertierte Künstlerin – hat auf einmal grossen Respekt vor mir und kriegte sich kaum mehr ein, als sie mich am nächsten Morgen oben ohne in der Küche antraf. «You're such a badass!», stammelte sie verdattert und liess sich tags darauf ihr Septum piercen. Ich bilde mir gerne ein, dass ich mit den Anstoss dazu gegeben habe. Von allen Seiten hagelt es Komplimente – und Respekt. Ich glaube zu spüren, dass er daher kommt, dass ich es riskiert habe, meine Weiblichkeit einzubüssen oder mein Aussehen zu verunstalten.

Etliche Frauen meinen unisono: «Das wollte ich schon immer tun, habe mich aber nie getraut!». Schade eigentlich – und wieso wohl? Weil Frauen mit Glatze noch immer allseits für lesbisch gehalten werden? Weil sie zu wenig weiblich aussehen? Und in wessen Augen? 

Ebenso spannend sind die Reaktionen von Männern. Auch hier ist die Mehrheit beeindruckt und findet den Look zu meinem Erstaunen attraktiv. Dennoch gab es auch hier merkwürdige Kommentare. Einer meiner Nachbarn fragte mich, ob mir die Männer nicht mit Rage begegneten. Was er damit meine, entgegnete ich verdutzt. Wenn er mich nicht kennen würde, würde er davon ausgehen, dass ich vom anderen Ufer sei. Schön und gut, aber darob gleich in Rage verfallen?

«Nice hair, woman!»

«Schöne Haare, Frau!» – älterer Mann im Supermarkt

Ansonsten ernte ich bedeutend weniger anzügliche Blicke von Männern, was mir sehr angenehm ist, da diese in New York nicht gerade für ihre Zurückhaltung bekannt sind. Dennoch wäre es zu einfach zu behaupten, dass Männer, die mich keines Blickes mehr würdigen, sexistisch sind. Das ist ebenso wenig der Fall, wie mich meine kurzen Haare zu einer Lesbe machen. Aber so wurden wir nun einmal sozialisiert und auch ich denke leider in Schubladen, auch wenn das Leben in New York einem dieses Denken gehörig austreibt.

«Was ist mit deinen Haaren passiert?»

Am Wichtigsten bei diesem Experiment sind mir aber nicht die Reaktionen der anderen, sondern meine eigene. Wie verändert sich mein Selbstbild? Fühle ich mich wohl? Kann ich zu meinem neuen Look stehen?

Mit der Frisur mag ich zwar weniger zweideutige Blicke auf mich ziehen, Aufmerksamkeit ist mir aber garantiert. Ich fiel noch nie gerne auf und mied darum auch Blicke von Fremden wie ein New Yorker die überfüllte Subway. Mit einer Glatze gibt es aber keinen Weg daran vorbei – und es gefällt mir! Es zwingt mich dazu, zu mir zu stehen. Ebenso wenig fühle ich mich meiner Weiblichkeit beraubt, im Gegenteil. Ich experimentiere mehr mit Schmuck und Schminke und habe mittlerweile total vergessen, dass ich kaum Haare auf dem Kopf habe.

Umso lustiger sind dann Momente wie diese: Ich spiele auf einem Pausenhof Fussball, als mich ein Junge geradeheraus fragt: «Was ist mit deinen Haaren passiert?». «Ich habe sie abrasiert, weil ich Lust dazu hatte.» Er nickt leicht verwirrt und wendet sich sofort wieder freudig seinem Spiel zu. Im Nachhinein wünsche ich mir, dass ich angefügt hätte: «Weisst du, es ist ja egal, ob ich ein Junge oder ein Mädchen mit kurzen Haaren bin, nicht wahr?». Das Schöne ist aber, dass das gar nicht nötig war. Kinder können so brutal ehrlich wie unvoreingenommen sein – genauso, wie ich mir das für den Rest der Gesellschaft wünsche.

Vielleicht will ich eben doch jemandem etwas beweisen. Es ist ein «fuck you» an den Sexismus, an gängige Normen und Rollenverteilungen, an Schönheitsideale – und nicht zuletzt an mich und meine Eitelkeit.

Sie haben die Haare schön: Besonders schräge Fussballer-Frisuren

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