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Vom Rabbi zur Frau: «Lange Zeit dachte ich, ich sei verrückt»

Links im Bild die 25-jährige Abby heute, rechts im Bild Abby vor drei Jahren. Bild: Abby Stein

Sie macht gerne Witze darüber, dass sie der wohl einzige weibliche chassidische Rabbi ist. Der Weg aus der jüdisch-orthodoxen Satmar-Gemeinde und vom Mann zur Frau war aber alles andere als lustig.



Abby Stein, jüdisch, NYC, trans

Abby im September 2014, als sie sich der Welt noch als Mann präsentierte. Bild: Asher Krell

Es ist schwer zu glauben, dass Abby Stein erst 25 Jahre alt ist, bei allem, was sie schon erlebt hat. Sie spricht denn auch mit einer Bestimmtheit, die ihrem Alter voraus scheint. Diese kommt nicht von ungefähr: Abby wurde 1991 als Mann geboren, mit Namen Yisroel. Sie wuchs in der ultraorthodoxen chassidischen Satmar-Gemeinde im New Yorker Stadtteil Williamsburg auf.

Ihr Leben nahm den für Satmarer typischen Verlauf: arrangierte Ehe mit 18, Vater eines Sohnes mit 19 und kurz darauf die Ordination zum Rabbi. Mit 21 Jahren verliess sie mit Hilfe der Organisation Footsteps die Gemeinde und lebt nun seit bald zwei Jahren als Frau.

Abby Stein, hasidic, Judentum, NYC, transgender, Trans
März 2017

Abby im März 2017. Bild: Carolyn Goldenberg

Abby, im September 2015 hast du mit den geschlechtsangleichenden Massnahmen vom Mann zur Frau begonnen. Wie fühlst du dich?
Fantastisch, in jederlei Hinsicht! Durch die Hormone hat sich mein Körper komplett verändert. Es ist mir dabei wichtig, auf etwas hinzuweisen: Wir behelfen uns stets aller äusserlichen Merkmale einer Person, um zu bestimmen, ob sie männlich oder weiblich ist. Damit sollten wir aufhören, denn die Geschlechtsidentität ist viel mehr als nur Hormone und die physische Erscheinung.

Was meinst du damit?
Schon als 4-jähriger Junge spürte ich, dass ich im falschen Körper war. Viel mehr noch merkte ich aber, dass ich es merkwürdig fand, dass mich alle als Junge bezeichneten.

Hast du damals mit jemandem über dieses Gefühl gesprochen?
Nein, nein, nein (...) ich habe bloss eine schwammige Erinnerung – da ich erst vier Jahre alt war, weiss ich aber nicht genau, wie es sich abgespielt hat: Ich sass in der Badewanne und habe meiner Mutter etwas in die Richtung gesagt ... ich erinnere mich nur an ihren entsetzten Gesichtsausdruck, der zu sagen schien: «Denk nicht im Traum daran, je wieder so etwas zu erwähnen!»

Wie bist du damit umgegangen?
Ich dachte einfach, ich sei verrückt.

Und du hast versucht zu vergessen, dass du dich im falschen Körper fühltest?
Mal so, mal so. Ganz vergessen konnte ich es aber nie.

Abby im Mai 2016; zu diesem Zeitpunkt nimmt sie seit acht Monaten Hormone.  Bild: Anna Chana Demidova

Was ist die Satmar-Gemeinde?

1905 gründetet der Rabbi Joel Teitelbaum die chassidische Gruppierung namens Satmar. Sie ist nach der Stadt Satu Mare im ehemaligen Königreich Ungarn, im heutigen Rumänien, benannt. Nach dem Holocaust wurde die Gemeinde in New York erneut gegründet. Die Satmar gilt als ultraorthodoxe, anti-zionistische Sekte, die schätzungsweise 120'000 Mitglieder zählt, deren grösste Zahl im New Yorker Stadtteil Williamsburg lebt. Die Geschlechter leben streng voneinander getrennt, verheiratete Frauen rasieren den Kopf und tragen Perücke, ihre Rolle ist die der Mutter, Ehefrau und Hausfrau. Höhere Bildung für Frauen ist verpönt, aus Angst, sie würden sich mehr darum als um ihre Familien kümmern. Die Männer widmen sich dem religiösen Studium. Fernsehen, Radio und Internet sind streng reglementiert. 

Vom Internet hatte Abby schon viel gehört, aber in der Satmar-Gemeinde gibt es nur «koscheres» Internet, sprich der Zugang ist streng gefiltert. Im Alter von 20 Jahren borgte sie sich ein Tablet eines Freundes und schloss sich auf einer öffentlichen Toilette mit Wifi-Empfang ein. Sie googelte «Junge wird zu Mädchen» und entdeckte einen hebräischen Wikipedia-Eintrag zum Thema Transgender. Englisch sprach sie damals kaum, denn in der ultraorthodoxen Gemeinde spricht man fast ausschliesslich Jiddisch.

Zum einen war sie erleichtert, zum anderen aber noch mehr beunruhigt und verunsichert. Die Gemeinde verliess sie schliesslich, weil sie dem Glauben und den Sitten nichts mehr abgewinnen konnte und nicht in erster Linie, um als Frau zu leben. Erst als sie beinahe einen Zusammenbruch erlitt, gestand sie sich ein, dass sie transgender ist. Heute fühlt sie sich als Frau glücklicher denn je.

Was war das erste Anzeichen dafür, dass sich dein Körper verändert?
Meine Nippel haben begonnen zu kribbeln. Seit ich Hormone nehme, hat sich schlichtweg alles verändert: meine Oberschenkel, Brüste, Haarwuchs, nach ein bis zwei Jahren wurden meine Gesichtszüge weicher.

Das ist bestimmt sehr aufregend.
Das ist es wirklich!

So als würde man die Pubertät nochmals erleben.
Genau. Aber das ist eigentlich eher nervig, da man auch die Stimmungsschwankungen durchläuft. So wie jede Person die Pubertät anders erlebt, erlebt auch jede Trans-Person die Umwandlung anders. Nur dauert diese etwa halb so lange wie die Pubertät und ist dementsprechend doppelt so intensiv. Und dann gibt es natürlich auch die Transmenschen, die keine geschlechtsangleichenden Massnahmen vornehmen möchten. Wenn du etwas in diesem Interview schreibst, dann erwähne bitte dies: There is no one size fits all (es gibt keine Universalmethode). Ich will mich so stark ändern wie nur möglich. Jeder und jede soll aber das machen, was für ihn oder sie richtig ist.

Was macht dir am Frau-Sein am meisten Freude?
Ach, es gibt so vieles! Make-up zum Beispiel, ich liebe es, damit herumzuspielen. Und mich als Frau zu kleiden, macht auch wahnsinnig Spass. Ausserdem sind weibliche Freundschaften ganz anderer Natur. Ich war schlecht darin, mit Männern Freundschaften zu schliessen und in der Satmar-Gemeinde interagieren Frauen und Männer praktisch nicht miteinander. Vielleicht liegt es aber auch hier wieder daran, dass ich mich nicht wohl fühlte in meiner Haut und es mir deshalb schwerfiel, Freundschaften zu schliessen.

Wie unterscheiden sich Freundschaften unter Frauen denn von denjenigen unter Männern?
Weibliche Freundschaften sind viel aufregender. In Herrentoiletten redet niemand, es ist ganz still. In Frauentoiletten hingegen wird miteinander geplaudert und es geht viel spassiger zu und her. Unter Frauen wird es auch eher akzeptiert, wenn man einfach auf sie zugeht und ein Gespräch beginnt.

Interessant, daran habe ich noch nie gedacht.
Das geht den meisten so.  

Ja, denn wir sehen nur eine Seite. Und du hast beide Seiten erlebt.
Ja und nein. Ich bin aber immer vorsichtig, das so zu behaupten. Ich kann nicht viel über Männer und männliche Beziehungen sagen, da ich nicht wirklich mich selbst sein konnte. Oft dachten Leute, ich sei schwul.  

Welche sexuelle Orientierung hast du denn?
Das geht niemanden etwas an. Aber ich bezeichne mich als bi und tendiere mehr in Richtung lesbisch, wenn du es genau wissen willst. Wieso, willst du mich verkuppeln?

Nein, möchtest du das?
Ich mache nur Witze  – aber wenn sie süss ist ...

Was ist das Schwierigste am Frau-Sein?
Dass mir Männer auf der Strasse hinterherrufen. Nicht etwa, weil ich trans, sondern weil ich eine Frau bin. Manchmal bekomme ich richtig Angst, wenn ich alleine unterwegs bin. Das ist echt nicht okay. Wieso denken Männer nur, dass sie das tun können? Wenn ich mit anderen Frauen spreche, sagen sie, das sei Teil des Lebens einer Frau.

Abby Stein, hasidic, trans, transgender, NYC
im Mai 2017

Bild: Milena Zara

Teil von Abbys Leben ist seit 2014 auch ihr Studium an der renommierten Columbia Universität in New York, wo sie Politikwissenschaften und Gender Studies studiert – und das, obwohl sie erst vor fünf Jahren angefangen hat, Englisch zu lernen. Sie engagiert sich stark in der LGBT-Gemeinschaft, bloggt über ihre Erfahrungen und hat 2015 eine Selbsthilfegruppe für Transmenschen aus orthodoxen Gemeinschaften gegründet. Ende 2018 soll ihre Biografie erscheinen, an der sie gerade arbeitet und sie wurde schon von etlichen internationalen Medien interviewt.

Du bist eine Person des öffentlichen Lebens. Wie ist es, dass so viele Menschen meinen, dich zu kennen?
Ähm ... es ist interessant (schweigt). Ich weiss nicht genau, wie ich es beschreiben soll. Meistens denke ich nicht zu viel darüber nach und versuche einfach freundlich zu sein, wenn mich beispielsweise jemand auf der Strasse erkennt. Das ist aber noch harmlos.

«In den letzten 72 Stunden habe ich mehr als 300 Nachrichten auf Facebook bekommen.»

Abby über ihre Bekanntheit

Ich weiss nicht, ob ich damit umgehen könnte.
Ich tue mein Bestes, doch es ist unmöglich, allen zu antworten. Es liegt mir aber sehr am Herzen, dass ich für meine Ideale einstehen kann. Da nehme ich es auch in Kauf, dass ich nicht mehr auf Dating-Apps wie Tinder sein kann, da mich auch hier zu viele erkennen.

Abby Stein, hasidic, orthodox, trans, Transgender, NYC
Mai 2017

Bild: Joseph Benyamin Reich

Gibt es andere Dinge, die du opfern musstest, um dein neues Leben führen zu können?
Seit ich meinen Eltern erzählt habe, dass ich Transgender bin, sprechen sie nicht mehr mit mir. Ich sende ihnen jede Woche Textnachrichten, sie antworten nie. Wenn ich anrufe, nehmen sie kaum je ab. Ich glaube, dass sie sich eines Tages melden werden. Ich weiss nur nicht, wann.

Mit zweien ihrer zwölf Geschwister pflegt Abby noch Kontakt. Ihren sechsjährigen Sohn sieht sie regelmässig und teilt sich mit ihrer Ex-Frau das Sorgerecht. Zur Gemeinde hat Abby keinen Kontakt mehr, aber sie ist sehr aktiv in der liberalen jüdischen Romemu-Gemeinde, unterrichtet High School Studierende im Judentum und feiert jüdische Feiertage, auf eine spirituell-kulturelle Art, wie sie sagt. Jeden Freitagabend zündet sie am Sabbat Kerzen an. Ein Ritual, das sie liebt und das in der Satmar-Gemeinde ausschliesslich den Frauen vorbehalten ist.

Recht so: Eltern begleiten ihre Kinder mit bedingungslosem Stolz an die Gay Pride!

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