Leben
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Mein 3-Jähriger liebt sein iPad, na und?

Bild: raquel chicheri

Als verantwortungsbewusster Erziehungsberechtigter wahrgenommen zu werden, schliesst anscheinend aus, sein Kind mit neuer Technologie vertraut zu machen.



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17 Uhr 30 in einer Zürcher Strassenbahn:

Mit dem Rest der Stadt befinde ich mich auf dem Heimweg. Neben mir sitzt ein kleines Kind, guckt fragend zu mir hoch. Ohne zu zögern greife ich in meine Tasche und zücke mein Handy. Der Junge loggt sich ein, findet rasch seine App und beginnt Alligatoren, Gorillas und Häschen zu piksen. Mein lächelnder Blick wandert hoch, bleibt an der älteren Dame uns gegenüber hängen und erstarrt. Eiseskälte und Verachtung schlägt mir entgegen ... Was habe ich falsch gemacht? Hosenladen offen? Popel an der Backe? 

Viel schlimmer: Ich habe mein Kind gegenwartsgetreu behandelt und ihm nicht, was sozial adäquat gewesen wäre, ein Holzspielzeug in die Hand gedrückt. 

Mein Sohn ist grade mal drei Jahre alt und gewisse Dilemmas liegen glücklicherweise noch in einer effektiv ausgeblendeten Zukunft. Doch die Fettnäpfchen lauern hinter jeder Ecke. Falltüren, wo man hinblickt.

Der Zwerg tanzt und singt gerne, ist – eventuell etwas zu – empathisch, hat viel Phantasie, kann laufen, zwei Sprachen sprechen und findet mit dem Löffel seinen Mund. Zumindest meistens. Alles gut? Mitnichten. 

Denn er gehört zu jener Generation, die vermutlich nicht mal mehr wissen wird, was Fernsehwerbung ist. Und zwar, weil er noch nie einen Fernseher gesehen hat. Und über Kassetten und Bleistifte brauchen wir an dieser Stelle gar nicht reden. Was er allerdings hat, ist ein eigenes iPad. Das Teil wurde liebevoll BabyBär getauft. Und er kommt wunderbar damit klar. Er kennt den Code, spielt seine Spiele, weiss wie er auf Netflix an seine Serien rankommt und wie man einen Videoanruf annimmt. 

Aber dass Technologie der Teufel ist, scheint bereits Allgemeinwissen zu sein, wenn man denn nach den Blicken geht, die mir sicher sind, wenn ich meinem Kleinen im Bus mein Handy reiche, damit er sich auf Netflix seine Lieblingsserie angucken kann.

Ich könnte mir genauso gut im Café eine Zigarette anzünden oder im Fahrstuhl einen fahren lassen. Meinem Umfeld scheint klar zu sein: Ich komme in die Hölle.


Mein Handy, mein Tablet sind integraler Bestandteil meines Alltags. Zeitungen, Magazine, Mail, Nachrichten, Telefonieren, Videochat, Texten, Karten, Tickets, Hotelbuchungen, Übersetzungen, Notizen, Arbeitspläne ... es gibt kaum noch Bereiche, in denen ich nicht auf die kleinen Superrechner vertraue. Und während ich es zu jeder Gelegenheit zücke; wie und vor allem warum verdeutliche ich meinem Sohn, dass er das natürlich nicht dürfe? Dass er lieber im Garten spielen sollte, während es hier die dritte Woche in Folge regnet? Dass er in der Strassenbahn lieber aus dem Fenster gucken soll oder die grauen Nasen studieren, die sich mit der Faust im Gesicht durch den Pendlerverkehr drängeln? 

Warum genau soll mein Kind nicht mit aktiver Geste unterschiedliche Tiere benennen? In mehreren Sprachen? Warum sollte er denn bitte nicht mit allen anderen Kindern im Spielabteil des Interregio im Kreis auf dem Boden liegen und seine Lieblingsserie teilen? 


Es mangelt nicht an Ratgebern, die vor der Schädlichkeit der neuen Geräte für die Entwicklung von Kleinkindern warnen. Der Hirnforscher Manfred Spitzer ist ein vehementer Gegner von neuer Technologie in Kinderhänden und von speziell für Kinder designten Apps erst recht. Er mahnt, dass man einem Heranwachsenden erst zwischen dem 15. und 18. Lebensjahr ein Tablet in die Hand geben sollte ... echt jetzt? Er wisse selber, dass das etwas lebensfremd wirke. Etwas?!

Wenn ich sehe, wie mein Sohn manchmal reflexartig über die Seiten seines Kinderbuches wischt, bis ihm einfällt, dass Blättern hier anders funktioniert, dann wird diese Ausblendung der Realität schlicht lachhaft.

Wo man nachliest, wird vor dem Zombie-Effekt gewarnt. Ohne zu bemerken, dass wir auch schon nicht ansprechbar waren, als wir damals mit Winnetou durch die Prairie ritten.  

Ratgeber vs. Realität

Ratgeber:
Kleine Kinder brauchen vielfältige Eindrücke: Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken – jeder Sinn muss angesprochen werden, damit sich Körper und Geist gesund entwickeln können. Mit elektronischem Spielzeug ist das nicht möglich.

Realität:
Ein Dreijähriger interessiert sich nicht für Facebook. Die spezifisch für kleine Kinder programmierten Apps unterstützen die Entwicklung von konzeptuellem Denken, können die Sprachentwicklung und das Vokabular fördern.​

Ratgeber:
Kinder brauchen das gemeinsame Spiel mit anderen Kindern. Die Zeit, die ein Kind am Bildschirm verbringt, spielt es aber allein.

Realität:
Mein Sohn verbringt aktuell vier Tage pro Woche in der Krippe und kennt jedes Kind unter sechs Jahren in der weiteren Nachbarschaft. An sozialen Fähigkeiten scheint's ihm nicht zu mangeln.

Ratgeber:
Apps lassen wenig Freiraum für die Fantasie. Egal, was man macht, jemand anderes hat es sich bereits vorher ausgedacht.

Realität:
Das trifft genauso auf Bilderbücher, Memorys und Brettspiele zu. Mit dem Unterschied, dass das digitale Medium in Verbindung mit einem Touchscreen ihm erlaubt, aktiv einzugreifen und Neues zu schaffen.

Ratgeber:
Kinder bewegen sich schon jetzt viel zu wenig. Wenn Apps schon in so frühem Alter eingeführt werden, nimmt diese ungünstige Entwicklung noch zu.

Realität:
Wieder: Krippe, später Kindergarten, dann Schule. Der Junge ist ständig auf den Beinen, ständig draussen.

Ratgeber:
Elektronische Spiele faszinieren Kinder so sehr, dass die Versuchung für Eltern gross ist, das eigene Kind damit bequem ruhig zu stellen. Der «elektronische Babysitter» ist auf Dauer teuer bezahlt.

Realität:
Die Faszination ist echt. So wie Fernseher damals für uns. Und auch wir sind irgendwann wieder aufgestanden und haben Fussball gespielt. Genauso wie Kinder das Gerät früher oder später wieder zur Seite legen. Weil langweilig.

Mein Kind lacht und erfindet Lieder. Er tanzt und geht ohne Scheu auf Menschen zu. Er fliegt für sein Leben gern, hat sich eben erst eine neue Sprache ausgedacht und angefangen zu bouldern ... und er liebt Shawn, das Schaf. Er weiss, das Peppa gerne in Pfützen hopst und wo Nemo sich versteckt hält. Er kennt die Geräusche, die Tiere machen, kann bei Facetime den Ortsunterschied abstrahieren, malt neue Tiere ohne Buntstifte und spielt auf seinem BabyBär Instrumente, die physisch nicht denkbar wären. 

Sicher, es mag ungewohnt aussehen, ein Kleinkind durch Apps wischen zu sehen. Aber wartet erst mal ab, wie die Technologie aussieht, wenn diese Generation ihre Pubertät erreicht. Die lachen dann über euer iPhone 7s. 

Worin Kinder wirklich ganz miserabel sind: Im Verstecken

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64 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Typu
23.02.2017 12:34registriert October 2015
Berechtigte frage. Muss jeder für sich entscheiden wieviel oder wie wenig technologie.
Meiner wird 2 jahre alt. TV find ich scheisse für die kinder. Auch auf dem tablet. Das finde ich in jungen jahren total unnötig.
Spiele auf dem tablet? Naja, keine ahnung. Mit meinem sohn spiele ich eisenbahn, nehme bilderbücher in die hand, male oder baue klötzchen. Relativ klassisch.
Hat technologie platz in diesem alter? Vermutlich. Aber ich für mein teil versuche damit noch eine weile zu warten. Klassisches anfassen und bewegen finde ich förderlicher. Schon wegen der motorik wegen.
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Caprice
23.02.2017 21:59registriert April 2014
Ich finds erschreckend und hoffe / denke, dass der Autor hier etwas überzeichnet.... Gerade das Beispiel mit den Öv: JA, lasst die Kinder aus dem Fenster schauen. Da kann man gerade am lebenden Objekt "benennen" üben. Und wenn nicht: soll sich das Kind doch auch mal langweilen! Es kann doch nicht sein, dass man nicht mit ein bisschen Langeweile umgehen kann...
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forgOtten
23.02.2017 14:58registriert February 2016
Ehrlich gesagt macht mich dieser Artikel ein wenig sprachlos. Ich bin Anfang 20 und finde es gibt nichts Schöneres, als einfach in der Bahn zu sitzen und die Menschen, das Geschehen drumherum zu beobachten. Wenn ich solche Sätze wie
"Wenn ich sehe, wie mein Sohn manchmal reflexartig über die Seiten seines Kinderbuches wischt, bis ihm einfällt, dass Blättern hier anders funktioniert (...)"
lese, dann bin ich doch etwas besorgt...
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