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Tagebuch eines Landeis: So schwierig ist es in der grossen Stadt wirklich

Bild: nina söres

Einige Aspekte dieses absolut wahren Tatsachenberichts werden euch stellenweise ziemlich dumm vorkommen. Ihr werdet den Kopf schütteln. Das ist schon okay. Mir geht es rückblickend nicht anders.



Ich bin in einem Kuhkaff aufgewachsen. Wiktionary definiert den Begriff folgendermassen:

Kleiner, abgelegener, unbedeutender, (meist nur landwirtschaftlich geprägter) Ort, in dem nichts los ist.

Wenn ein Städter von einem Kaff redet, meint er ein Dorf mit 5000 Einwohnern. Wenn ich von meinem Kaff rede, meine ich ein Dorf mit 400 Einwohnern.

Hase und Fuchs

Wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen. Klingt romantisch, ist aber mega langweilig. Bild: pixabay

Die Poststelle schloss hier schon anfangs der Nullerjahre. Eine Postagentur bekamen wir nicht, denn der dazu nötige Dorfladen war schon lange vorher pleite gegangen. Der nachfolgende Kiosk konnte sich dank von Süssigkeiten abhängiger Schulkinder noch ein, zwei Jahre über Wasser halten. Danach hatte die mangelnde Kaufkraft altersschwacher Rentner auch diesen zu Grabe getragen.

Was blieb, war die Kirche und der Dorfspunten. Denn wenn ein Kuhkaff etwas braucht, ist es eine Beiz, in welcher der einfache Büezer nach der Beichte an seinem Bier nuckeln kann, während der Bauer neben ihm an seiner krummen Villiger zieht.

Villiger Original Krumme

Verätzten einem das Riechorgan und gehörten zur Grundausstattung jedes Bauern. Bild: Wikipedia

Habe ich schon erwähnt, dass wir keinen ÖV-Anschluss hatten? Nicht einmal das klitzekleinste Postauto verirrte sich in unsere Gegend, von Zügen hatte ich bisher nur aus Erzählungen gehört.

Mit 19 machte ich noch meinen Militärdienst, danach war ich weg. Weit weg. Einwohnermässig habe ich mich von Jahr zu Jahr nach oben gearbeitet, bis ich schliesslich in der grossen Stadt ankam. Also Luzern.

Frohen Mutes schritt ich voran, bereit, jedwedes Klischee über Landeier zu widerlegen. Leider gelang mir das nur mässig. Denn die Stadt hielt so einige Überraschungen für mich bereit.

Die Sache mit den Busbilletten

Als ich das erste Mal versucht habe den Bus zu benutzen, stand ich vor diversen Herausforderungen. Zum Beispiel diesem heimtückischen Billett-System, welches nicht ohne einen Bachelorabschluss bewältigt werden kann.

Unzählige Billette buhlten da um meine Aufmerksamkeit. Kurzstrecke, Zonen, Tageskarten von Quattro bis Multi, Mehrfahrtenkarte, Anschlusskarte, Wochenabo, Monatsabo und noch ein ganzer Haufen Kombiangebote.

Luzern Billetautomat

Einmal nach Hogwarts bitte. Bild: pascal scherrer

Die Preise scheinen dabei willkürlich zu sein. Eine Tagesfahrkarte kostet nur etwas mehr als eine Kurzstrecke, dafür ist das Passpartout-Abo fast gleich teuer wie das Monats-GA. Hä? Wieso? Und wenn du's dann so langsam kapiert hast, steht man nach dem Ausgang ohne Bargeld im Bus und der Chauffeur faselt etwas von Nachtzuschlag. Wenigstens weiss ich jetzt, wie lange ich nachts um vier bis zu meiner Wohnung habe. Nicht einmal eine ganze Stunde.

Busfahren ist kompliziert

Habt ihr gewusst, dass Busse in zwei Richtungen fahren? Also, ich hab das schon auch gewusst. Aber dass die dann auch dieselbe Fahrnummer haben, hat mir niemand erklärt.

So bin ich dann bei meiner ersten grossen Busfahrt statt von Luzern nach Kriens über so einen komischen Hügel gefahren. Bereits nach wenigen Minuten, erkannte ich, dank meines überwältigenden Scharfsinns, dass ich mich nicht in die von mir angestrebte Fahrtrichtung bewegte. Dennoch wagte ich es nicht, mich von meinem Sitz zu bewegen, geschweige denn auszusteigen. Schliesslich sollte niemand merken, was für ein Busfahrlegastheniker ich war.

Wie der Zonenplan des Luzerner ÖV auf mich wirkte:

Farbkleckse

Ich muss von dem einen blauen Fleck zum kleinen, gelben Fleck. Bild: shutterstock

Etwa eine halbe Stunde später erreichte ich dann die Endstation. Irgendwo in der Nähe des Verkehrshauses. Heute weiss ich, dass ich dort nur hätte umsteigen müssen und in fünf Minuten wieder am Bahnhof gewesen wäre. Aber damals fuhr ich stattdessen dieselbe Strecke wieder schön brav zurück. Lieber auf Nummer sicher gehen.

Vordrängeln ist okay

Also auf dem Land ist das so: Wenn du in einer Warteschlange anstehst, drängelst du dich nicht vor. Tust du es trotzdem, wirst du höflichst darauf hingewiesen, entschuldigst dich und stehst selbstverständlich wieder hinten an.

In der Stadt läuft das folgendermassen ab: Wenn du Glück hast, stehen alle schön so an, wie sich das gehört. Wenn du Pech hast, steht jeder so an, wie er gerade lustig ist. Machst du die betreffende Person darauf aufmerksam, kriegst du eine Standpauke, in der es hauptsächlich darum geht, dass du dich gefälligst um deinen eigenen Scheiss zu kümmern hast.

Noch besser ist, wenn jemand einfach eine zweite Schlange anfängt und du selbst plötzlich in der irregulären Warteschlange stehst.

Der Depp an der Ampel

Bei uns im Dorf gab es keine einzige Verkehrsampel und dennoch habe ich gewusst: Grün heisst gehen, Rot heisst stehen. In der Stadt bedeutet jede Farbe gehen. Eigentlich könnten sie auch Schilder aufhängen, auf denen steht: «Mach doch, was du willst.»

Geh über die Strasse. Oder auch nicht. Ich bin eine Ampel, kein Polizist.

Inspiriert von den «Simpsons».

Das läuft dann in etwa so ab: Ich stehe beim Fussgängerstreifen und bin der einzige Depp, der da schön brav wartet, während alle anderen bei Rot über die Strasse laufen. Ein Auto kommt angefahren, bremst ab und hupt. Jetzt können drei Dinge passieren: 

a) Die Fussgänger zerstreuen sich verschreckt in alle Himmelsrichtungen, vorzugsweise aber auf die andere Strassenseite. 

b) Die Fussgänger geigen dem dummen Autofahrer mit Hilfe von entsprechenden Gesten die Meinung. Es kann ja nicht sein, dass sich der Autofahrer darüber beschwert, dass ein paar Fussgänger bei Rot nur eben schnell über die Strasse huschen.

c) Ein Mischmasch aus den ersten beiden Varianten.

Verwirrende Kaffeekultur

Lassen wir jetzt mal weg, dass ich den Schock meines Lebens hatte, als ich feststellen musste, dass Leute bereit sind, bis zu acht Franken für einen Becher Kaffee zu bezahlen, der hauptsächlich aus Milchschaum besteht.

Vielmehr war ich überfordert mit der Geschwindigkeit, in welcher von mir erwartet wurde, mich für mein präferiertes Heissgetränk zu entscheiden. 

Im Kaffeehaus A heisst ein mittlerer Kaffee «Grande» und der grosse ist eigentlich ein «Venti». (Ich bin mir bis heute nicht sicher, was Venti in Bezug auf Kaffee genau bedeutet.) In Kaffeehaus B ist ein «Grande» dann doch wieder eine grosse Tasse, dafür ist der kleine Kaffee ein «Normal».

Dafür heisst in Kaffeehaus C der «Flavoured Coffee» Caramel Latte. Bestellst du diesen dann aber in Kaffeehaus D, erntest du nur verwirrte Minen, denn hier heisst das Ding Caramel Macchiato.

So kam es, dass ich zu Beginn meiner Kaffehaus-Karriere dezent neben dem Tresen stand und die Karte studierte, während meine Kollegen ihre Tassen schon beinahe geleert hatten.

Touristen

Zugegeben, das ist ein Thema, das vor allem Luzern betrifft. Keine Ahnung, wie die touristischen Fluktuationen in Zürich oder Genf sind, aber in Luzern hat das unter Umständen gravierende Folgen. 

Niemand hat mich davor gewarnt, was passieren kann, wenn man in Luzern über die Seebrücke geht. Denn wenn du Pech hast, gerätst du in einen regelrechten Schwarm asiatischer Touristen. Die sind da auf der Brücke meistens damit beschäftigt, irgendwelche Schwäne totzufotografieren.

Seebrücke Luzern

Ruhig liegt sie da und lockt Landeier wie mich in die Touristenfalle. Bild: screenshot Google maps

Das ist in etwa so als würdest du versuchen, einen Fluss nach zweiwöchigem Regenfall zu überqueren. Ich bin mindestens zweimal zu spät gekommen, weil ich von einem reissenden Strom Chinesen, Südkoreanern oder Japanern mitgerissen wurde. Ich bin dann irgendwo in der Altstadt wieder herausgekommen. Verwirrt, verschreckt, aber wohlauf.

Heute kann ich solche plötzlich auftretenden Touristenmassen einfach umgehen, weil ich weiss, wo und wann sie in etwa vorkommen. Ich bin jetzt nämlich voll der Stadtmensch, aber mit einem gesunden Anteil Landei.

Übrigens: Meine ersten Erfahrungen als Pendler waren alles andere als erfrischend:

Video: watson/Pascal Scherrer, Emily Engkent

Geniessen wir noch etwas den ländlichen Herbst:

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