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«Ein Coming-Out ist wie duschen: Man muss es (fast) jeden Tag tun»

Bild: watson

Bei der Geburt wurde James als Mädchen deklariert. Doch richtig fühlte sich das nicht an. Auf einen Tee mit einem Transmann, der die Anzahl seiner Coming-Outs gar nicht mehr zählen kann.



Mittwochnachmittag, im Billigkleiderladen einer Kleinstadt. Teenie-Girls wollen sich erwachsen fühlen, probieren Kleider und kaufen ein paar davon. Eines der Teens ist James. Umgarnt von seinen besten Freundinnen lässt er sich einkleiden. Passiv. Röckchen, Cardigan, Spaghettiträger – was ein Mädchen mit 14 eben so zu tragen hat – wurden stapelweise über die Wandkante der Umkleide gelegt. James steht in der Kabine. Allein.

Lethargisch wickelt er seinen pubertierenden Körper, der ihm und seiner Umwelt deutlich macht, dass aus James einmal eine Frau werden soll, darin ein. 

«Du bist doch ein Mädchen, logisch sieht das toll an dir aus!»

«Echt süss!»

«Das solltest du öfters tragen.»

Für James sah alles scheisse aus. Dass er ein Mädchen ist, davon war James, der damals noch auf einen anderen Vornamen hörte, völlig überzeugt. Schliesslich wurde er bei seiner Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet, es war das Label, das ihm die ganze Welt 14 Jahre lang unaufhörlich einredete. Und er glaubte es. Natürlich. Doch zwischen «ein Mädchen sein» und «wie ein Mädchen sein» liegen Welten. James erkennt sich nicht im Spiegel mit dem Cardigan und den Spaghettiträgern, er kommt sich selber fremd vor und fragt sich: «Was ist falsch mit mir?» – Eine Frage, die viele LGBTs ihr ganzes Leben lang auf subtile Weise begleitet.

Trans-Thematik und Sprache 

Für viele Transmenschen ist es wichtig, dass über sie nicht als ehemalige Frauen oder Männer gesprochen wird, sondern, dass sie auch in der Retrospektive immer als das Geschlecht gesehen werden, mit dem sie sich indetifizieren.

James identifiziert sich als Transmann, weswegen in diesem Artikel auch konsequent nur die männlichen Pronomina verwendet werden. 

«Ich bin anders, ich bin bisexuell.»

Bisexualität war die erste Antwort, die James auf diese Existenz-Frage gefunden hat. «Ich bin nicht falsch, sondern bi», habe er seinem 16-jährigen Spiegelbild gedanklich vorartikuliert. Und schon nur durch diesen Satz, meint James, habe er sich bereits ein klein bisschen weniger fremd in seiner eigenen Haut gefühlt. Bi sei anders als normal, aber nicht falsch, erklärt uns James bei einem Tee. Heute ist James 21 und was er damit sagen will, ist, dass er damals durch seine Bisexualität eine Rechtfertigung dafür gefunden hat, anders zu sein: Frauen zu lieben, Jungskleider anzuziehen, aus der Norm zu fallen. 

«Das erste Coming-Out hat man immer vor sich selber. Und das war bei mir in jedem Fall eine Befreiung. Aber Coming-Outs passieren auch auf ganz anderen Ebenen. Auf öffentlichen, familiären, institutionellen und politischen Ebenen. Sie können mühsam, einengend, gezwungen und total niederschmetternd sein.»

James

Bild

James mit einer Tasse Tee. Überhaupt nicht niedergeschmettert. bild: watson

Es liege ein grosser Unterschied darin, wie man sich selber sieht und wie einem die Welt sieht, erläutert James. Als er sich als bi geoutet hatte, sah die Mehrheit der Typen in ihm das Bild eines bisexuellen Mädchens: Das Bild einer jungen, abenteuerlichen Frau, die mit ihren weiblichen Zügen reihenweise Männer und Frauen verführt. Wenn er sich in seinen jungen Jahren hingegen bei Lesben als bi outete, dann war das Bild ein ganz anderes, viel weniger sexualisiertes. In der Lesbenszene wurde er jeweils sehr schnell als die kleine, noch ganz verwirrte und sehr burschikose Teenagerin abgestempelt, die dann schon noch begreifen wird, dass sie eigentlich homosexuell ist. Als drittes Fremdbild kam dann noch das seiner Eltern ins Spiel, die schwer davon ausgingen, dass das eine Adoleszenz bedingte Phase sei.

«Du kannst dich selber noch so ernst nehmen, wenn die Welt dich nicht verstehen will, beginnst du ihr irgendwann zu glauben.» 

James

James' «Phase» hält aber an. Bisexuell ist er immer noch. Aber inzwischen stellt er sich nicht mehr als bisexuelle Frau, sondern als bisexueller Transmann vor. Und je nach Situation verwendet er zudem die Labels demisexuell, pansexuell, polyamour, non-binary, transmaskulin und vor allem queer, um seine Identität zu beschreiben.

Queer bedeute, so James, dass einem sexuelle und geschlechtliche Kategorien nicht interessieren. Wieso braucht er dann noch all die anderen Begriffe dazu?

«Dass mich sexuelle und geschlechtliche Kategorien bei anderen nicht interessieren, heisst nicht, dass sie mich nicht beschäftigen. Wir alle wurden so grossgezogen, dass wir zwischen Männern und Frauen, zwischen Homos und Heteros unterscheiden, dass Monogamie selbstverständlich ist und dass es alles dazwischen und daneben gar nicht gibt. Um aufzuzeigen, was und dass es noch Anderes gibt, muss man Labels verwenden. Begriffe, die von der Norm abweichen und in ihrer Fülle diese vielleicht einmal zum Aufweichen bringen.»

James

James' Labels nehmen handschriftlich ganz schön viel Platz ein. zeichnung: james

Das Label, das James bisher am meisten Denkarbeit abverlangte, heisst «trans». Trans bedeutet für James heute, dass das Geschlecht, das einer Person bei der Geburt zugeordnet wurde, nicht mit der eigenen Geschlechtsidentität übereinstimmt.

Doch hinter dieser Erkenntnis steckt eine grosse Coming-Out-Phase. Lange galten Transmenschen für ihn als Menschen, die tagtäglich leiden, hyperfeminin oder hypermaskulin sein wollten, schon als Kind ihren Körper hassten und sowieso psychisch krank und labil seien. Das war das Bild, das Mitleidsbild, das James aus den Medien kannte. Und mit dem er sich überhaupt nicht identifizieren konnte. Sein offenes Umfeld, das er vor allem bei der Jugendorganisation «Milchjugend» kennenlernte, half ihm aber dabei, diesen Trugschluss zu überwinden.

Die Möglichkeit, selber trans zu sein, schien James immer plausibler. Sein Unbehagen mit seinem eigenen Spiegelbild nahm er zunehmend ernster, reflektierte es, verwarf es wieder, verzweifelte an ihm und führte darüber Tagebuch. Darin schrieb er an Silvester 2016:

Coming Out Day

grafik: lea senn/ watson

Am 1. März 2017 schreibt James auf Facebook:

«Ich bin transmaskulin. Das heisst, ich identifiziere mich nicht als Frau. Um ehrlich zu sein trug ich dieses Label auch nie gerne. Die Frage, ob ich vielleicht trans* bin verfolgt mich schon seit Jahren, doch ich musste erst merken, dass sie sich nicht einfach wegerklären lässt. Als sie das letzte Mal wieder aufkam, wurde daraus eine «Was wäre wenn?»-Frage und ich gab mir den Raum, sie zu erforschen. Jetzt bin ich hier. Ich ändere meinen Namen auf James und bitte euch, mich von jetzt an so zu nennen. Meine Pronomen sind ‹er, ihm, sein›.»

James hat sich entschieden, sein Unbehagen nicht mehr in sich hineinzufressen, sondern offen mit ihnen in Kontakt zu treten. Dazu brauchte er ein weiteres Coming-Out. Einen weiteren Blick in den Spiegel begleitet von seiner inneren Stimme, die ihm sagt, was er ist: Trans, non-binär, gay, whatever. Hauptsache nicht allein und nicht nichts.

Doch gerade wenn es ums Geschlecht geht, dann reicht das Diskutieren mit dem Spiegelbild allein nicht aus. Denn wie James sagt:

«Während Sexualität meistens privat stattfindet, ist das Geschlecht ständig und überall präsent.»

James

Überall heisst in diesem Kontext an der Universität, in der Arztpraxis, im Schwimmbad, in der Garderobe, am Familienfest, beim Bewerbungsgespräch, auf dem Flugticket, im Friseur-Salon, auf der öffentlichen Toilette, im Ganzkörperspiegel der Umkleidekabine eines Billigkleiderladens.

«Ein Coming-Out ist wie duschen – man muss es (fast) jeden Tag tun.»

James

Sich ständig und überall zu outen, braucht sehr viel Energie. Manchmal habe man einfach keinen Bock darauf, meint James und lässt es sein. Schweigt für sich und lässt sich als Frau oder sonst was ansprechen, das man nicht ist. Aber solange er sein Spiegelbild betrachten kann und mehr von sich selbst, als einer fremden Person sieht, hat er Mut. Mut daran weiterzuarbeiten, dass sich auch das gesellschaftliche Spiegelbild irgendeinmal weiter entwickeln wird. Zum Beispiel zu einem, in dem nichts mehr aktiv rauskommen muss, weil sich ohnehin schon alles draussen abspielen darf.

In dem Sinne einen schönen internationalen Coming-Out-Day allerseits!

«OMG – so schwul!» – Renato Kaiser dankt allen Heteros, dass sie queere Menschen produzieren:  

Video: watson

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