Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Bild: shutterstock

Mit Gesundheitsapps auf dem Weg zum gläsernen Patienten

Die Gesundheitsapps der Krankenkassen sammeln fleissig Daten. Patientenschützer und Behörden zeigen sich besorgt.

Andreas Möckli / Schweiz am Wochenende



Wandern ist bekanntlich des Schweizers liebste Sportart. Aber auch Velofahren und Schwimmen sind hoch im Kurs. Nun lässt sich damit sogar Geld verdienen. Der Weg dazu führt über die neuen Apps mehrerer grosser Krankenkassen. Mit der kürzlich lancierten App von Helsana etwa können Versicherte die Zahl ihrer Kilometer, die sie wandernd, joggend, schwimmend oder velofahrend zurücklegen, in «Pluspunkte» umwandeln. «Wer fleissig sammelt, kann jährlich über 300 Franken erhalten», schreibt die Helsana zu ihrer neuen App.

Zum Einsatz kommen diese neuen Applikationen nur bei den Zusatzversicherungen der Kassen, in der Grundversicherung dürfen aufgrund persönlicher Verhaltensweisen keine Rabatte gewährt werden. So will es das Gesetz.

Günstigere Prämien oder Bares mögen ein Anreiz sein, um die Gesundheitsapps zu nutzen. Sie sind jedoch alles andere als harmlos, wie ein genauer Blick in die Nutzungsbestimmungen zeigt. Daten- und Patientenschützer sprechen gar von einem weiteren, grossen Schritt in Richtung des gläsernen Patienten. Neben Helsana bieten derzeit die Kassen Sanitas, Swica und CSS Gesundheitsapps an. Wie weitreichend die Datensammlungen der einzelnen Versicherungen sind, zeigt sich etwa anhand der Active App von Sanitas. Dort sind über 25 verschiedene Datenpunkte aufgeführt, die durch die App gesammelt werden. Die Liste reicht von Alter, Körpergrösse, Fitnesslevel bis hin zu Kalorienverbrauch, Puls, Schlaf und Ernährung.

Bild

Bild: marco tancredi/az

«Diese Gesundheitsapps können Benutzer in schwierige Situationen bringen. Die Anwendung soll daher gut überlegt sein.»

Margrit Kessler, Präsidentin Stiftung Patientenschutz

Erhoben werden die Daten mittels tragbarer Messgeräte, sogenannten Wearables. Solche Armbänder wie zum Beispiel jene von Fitbit oder Garmin zeichnen die Herzfrequenz, die Laufdistanz, Bewegungen oder das Schlafverhalten auf. Diese Daten werden entweder direkt an die Gesundheitsapps der Krankenkassen zur Auswertung übermittelt oder machen den Umweg über andere Applikationen wie Google Fit oder Apple Health.

Keine Freude an dieser Entwicklung hat Margrit Kessler. Sie ist Präsidentin der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz. «Diese Gesundheitsapps können Benutzer in schwierige Situationen bringen. Die Anwendung soll daher gut überlegt sein.» Mit diesen Apps würden vorwiegend junge Menschen angesprochen, um Prämien zu sparen, sagt Kessler. Die Nutzer hofften auf einen Rabatt.

Zur Vorsicht mahnt auch Beat Rudin, Professor für Datenschutzrecht an der Uni Basel. «Ich empfehle den Versicherten, sehr genau hinzusehen, was die Nutzungsbestimmungen solcher Gesundheitsapps alles beinhalten.» Zudem solle sich jeder fragen, ob er oder sie wirklich eine derartige Fülle von Gesundheitsdaten wie etwa das Körpergewicht, den Puls, das Fitness- oder Schlafverhalten seiner Krankenversicherung preisgeben will.» Rudin ist nicht nur Professor an der Uni Basel, sondern auch Datenschutzbeauftragter des Kantons Basel-Stadt und Präsident der Konferenz der Schweizerischen Datenschutzbeauftragten.

Massiver Eingriff in Privatsphäre

Margrit Kessler ergänzt: «Der Versicherte legt ein Risikoverhalten offen, aber auch Hinweise auf Krankheiten, über die er selber noch gar nicht Bescheid weiss.» Die Versicherung könne daher sehr einfach Rückschlüsse über den Gesundheitszustand der Kunden herstellen. Kessler empfiehlt den Mitgliedern ihrer Organisation daher, die Gesundheitsapps der Krankenkassen zu meiden.

«Wenn Menschen sich selber permanent vermessen, häufen sie gewaltige Datenmengen an. Es droht ein Kontrollverlust, der das Risiko einer Datenschutzverletzung erhöht.»

Datenschützer Adrian Lobsiger

Selbstredend setzt sich auch der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte, Adrian Lobsiger, damit auseinander. Er hat sich im vergangenen Jahr in einem Papier kritisch zu den Fitnesstrackern geäussert. «Die gemachten Aussagen gelten im Wesentlichen auch für Gesundheitsapps», sagt er zur «Schweiz am Wochenende». Seine Einschätzung hat es in sich. So schreibt er im Papier: «Wenn Menschen sich selber permanent vermessen, häufen sie gewaltige Datenmengen an. Es droht ein Kontrollverlust, der das Risiko einer Datenschutzverletzung erhöht.»

Und weiter: Wenn Fitnesstracker den Krankenversicherern Gesundheitsdaten lieferten, die zu Persönlichkeitsprofilen verdichtet werden könnten, stelle dies einen massiven Eingriff in die Privatsphäre dar. Zudem bestehe die Gefahr, dass diese persönlichen Informationen auch noch für weitere Zwecke verwendet werden könnten. Deshalb müsse insbesondere das Transparenzprinzip laut Datenschutzgesetz gewährleistet sein. Dies bedeute, dass die Betroffenen genau darüber informiert sein müssten, welche Daten, in welcher Form und zu welchem Zweck bearbeitet würden. Dazu brauche es deren ausdrückliche Einwilligung.

Krankenkassen wehren sich

Die angesprochenen Krankenversicherungen beurteilen die Problematik des Datenschutzes naturgemäss anders. Der Schutz der persönlichen Nutzerdaten sei sehr wichtig, schreibt die Sanitas. Die Nutzung der App sei absolut freiwillig. Die Kasse verwende die Daten auch nicht «entgegen den Interessen der Versicherten», wie dies der Datenschützer in seinem Papier ebenfalls anklingen lässt. Die genannten Rückschlüsse könnten Krankenkassen auch aus anderen und ihnen im Rahmen ihrer Tätigkeit zwingend zugänglich zu machenden Daten wie etwa Leistungsabrechnungen gewinnen.

Bild

Quelle: Umfrage bei Krankenkassen bild: aargauerzeitung

Swica betont, selber keinen Zugang zu den Daten zu haben, die ein Versicherter im Bonusprogramm der App namens Benevita speichert. Helsana wiederum schreibt, selber keine Gesundheitsdaten wie Herz- oder Atemfrequenz, Fettanteil oder Schlafverhalten zu sammeln. Die Nutzer könnten zwar ihre bereits bestehenden Gesundheitsapps von Google oder Apple mit jener von Helsana verbinden. Die dadurch entstehende Datenabfrage diene jedoch ausschliesslich der Bestätigung von Aktivitäten. Die Vitaldaten würden von Helsana weder gespeichert noch ausgewertet. Anders lautet die Antwort von Sanitas: «Die Verwendung der Daten erfolgt mit ausdrücklicher Zustimmung der Betroffenen und in Übereinstimmung mit den anwendbaren Rechtsvorschriften zum Schutz personenbezogener Daten und zur Datensicherheit.

Die App der CSS gehe nicht so weit wie jene der Konkurrenz, da ausschliesslich Schrittdaten und keine weiteren Werte etwa mittels Fitnesstrackern erhoben würden. Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand seien mittels Schrittdaten nicht möglich. CSS verstehe ihre App als Präventionsmassnahme, wie dies etwa bei den Beiträgen an Fitnessabos der Fall sei. Das erlaufene Geld werde nicht von der Prämie abgezogen, sondern den Versicherten ausbezahlt.

 

Tipps für den Umgang mit Gesundheitsapps

Der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte bewertet die Gesundheitsapps der Krankenversicherungen kritisch. Er hat auf seiner Homepage Tipps zum Umgangmit Fitnesstrackern aufgeschaltet. Diese sind meist auch für Gesundheitsapps anwendbar. Der Datenschützer empfiehlt Folgendes:

Schweizer gehen für medizinische Behandlung oft ins Ausland

Video: srf

Gesundheit und Ernährung

Futurologe Lars Thomsen über die Zukunft der Arbeit: «Die Stempeluhr hat ausgedient»

Link zum Artikel

Weisst du eigentlich irgendwas zu deinem Körper? Dieses Quiz bringt dich auf die Welt!

Link zum Artikel

Polizei verhaftet illegal praktizierende Ärztin und ihre Helferinnen in Adlikon ZH

Link zum Artikel

RTL-Reporter isst so viel Plastik wie möglich – das Resultat ist äusserst unschön

Link zum Artikel

4 Grafiken zur Gesundheit in deinem Kanton – und wo du am längsten lebst

Link zum Artikel

Kaffee: 19 positive Effekte auf die Gesundheit gibt es, sagt die Wissenschaft

Link zum Artikel

Haben Schlankmacher-Pillen 500 Menschen getötet? Prozess in Frankreich hat begonnen

Link zum Artikel

Essbar oder giftig? Beweise dich im Pilz-Quiz!

Link zum Artikel

Bekannte Medikamente gegen Sodbrennen sollen krebserregend sein

Link zum Artikel

Acht Tote und über 900 Verletzte durch E-Zigaretten

Link zum Artikel

Handfehlbildungen: Betroffene Mutter erzählt von Erfahrungen

Link zum Artikel

«Dass Pornos immer verfügbar sind, ist ein Problem»

Link zum Artikel

So sehen Depressionen aus – in 16 traurig-wahren Cartoons

Link zum Artikel

Neue Studie zeigt: 33'000 Suizidversuche innert eines Jahres in der Schweiz

Link zum Artikel

Zürcher Ärzte ersetzen Hauptschlagader eines 9-Jährigen durch eine Prothese

Link zum Artikel

Kommt es zum Werbeverbote für Zigaretten?

Link zum Artikel

Thurgauer Kinder dürfen nicht zum Arzt wenn die Eltern die Prämien nicht zahlen

Link zum Artikel

Möglicher Grund für Gewichtszunahme im Alter: Fettabbau lässt nach

Link zum Artikel

Jede Minute sterben fünf Menschen – wegen falscher medizinischer Behandlung

Link zum Artikel

Gesundheits-«Arena»: Im Lobbyismus-Streit verzichtet SP-Frau Gysi glatt auf das Kamera-Sie

Link zum Artikel

Hans Christian Gram machte die Bakterien bunt und rettete damit Unzähligen das Leben

Link zum Artikel

«Bin nudelfertig»: SBB-Personal leidet wegen Schüttelzug unter gesundheitlichen Problemen

Link zum Artikel

Riley wacht jeden Morgen auf und glaubt, es sei der 11. Juni

Link zum Artikel

Und nun die wichtigste Frage des Tages: Wie gesund sind Toilettenhocker?

Link zum Artikel

Umstrittenes Tabak-Sponsoring: Stoppt Ignazio Cassis die Partnerschaft mit Philip Morris?

Link zum Artikel

Ohio ist Schauplatz des grössten Zivilprozesses in der Geschichte der USA

Link zum Artikel

Bikini-Figur nicht nötig? Hier 23 Übungen, wie du sie garantiert vermeiden kannst

Link zum Artikel

Hast du eine Farbsehschwäche? Diese weltberühmten Gemälde zeigen es dir!

Link zum Artikel

Tabak-Multi ist Hauptsponsor des Schweizer Pavillons – das entsetzt viele Experten

Link zum Artikel

«So sehen Depressionen aus» – Facebookpost einer jungen Frau geht viral

Link zum Artikel

Anthroposophen finanzieren Professur an der Uni Basel – das sorgt für Ärger

Link zum Artikel

Wegen Ebola-Epidemie im Kongo – WHO erklärt internationalen Gesundheitsnotstand

Link zum Artikel

«Clean Meat»-Trend boomt – kommt der Burger bald aus dem Labor?

Link zum Artikel

Ampelsystem Nutri Score – gesunde Fertiglasagne, ungesunde Nüsse

Link zum Artikel

Darum solltest du auf Gesundheitstips via YouTube besser verzichten

Link zum Artikel

Viagra und Co.: Der Schweizer Zoll fängt so viele Potenzpillen ab wie nie

Link zum Artikel

Neue Studie zeigt: Cannabis kann vermutlich noch viel mehr, als wir dachten

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

«Schweiz braucht robustere Strategie» – WHO-Experte kritisiert Corona-Politik

David Nabarro, Sondergesandter der Weltgesundheitsorganisation, fordert eine bessere Corona-Strategie und verweist auf asiatische Länder.

David Nabarro arbeitet seit über zwei Jahrzehnten für die UNO und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Krisenmanager. Der in London geborene Arzt leitete den Kampf der UNO gegen die Vogelgrippe, gegen Ebola und gegen Cholera auf Haiti. 2017 unterlag er als Kandidat auf den WHO-Chefposten dem heutigen Amtsinhaber. Aktuell ist er WHO-Sondergesandter im Kampf gegen Covid-19.

Herr Nabarro, die Schweiz hat eine der weltweit höchsten Zahlen an täglichen Neuansteckungen, gemessen an der …

Artikel lesen
Link zum Artikel