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Neben Armbändern arbeitet die Berner Firma Abilium auch an einem Schlüsselanhänger, um das digitale Proximity-Tracing ohne Smartphone zu ermöglichen.
Neben Armbändern arbeitet die Berner Firma Abilium auch an einem Schlüsselanhänger, um das digitale Proximity-Tracing ohne Smartphone zu ermöglichen.bild: watson / abilium gmbh

Dieses Schweizer Armband soll (dich) schon bald vor Corona warnen

20.07.2020, 09:44

Die SwissCovid-App weist ihre User auf unbemerkte Corona-Infektionen hin und kann und so Leben retten. Allerdings steht die App nicht für alte Smartphones zur Verfügung, wie etwa für das iPhone 6, das noch weit verbreitet ist.

Hier könnte ein neues Gadget helfen, das in der Schweiz entwickelt wird: das Bluetooth-Armband Coviroo. Es soll eine Ergänzung zu den Corona-Warn-Apps sein und mit SwissCovid und anderen Tracing-Apps kompatibel sein.

Wer hat's erfunden?

Entwickelt wird das Armband von der Abilium GmbH, einer Berner Computertechnikfirma, die im Jahr 2016 von zwei Studenten der Universität Bern gegründet wurde. Bienenfreunde und Imker dürften die BeeSmart-App kennen, die Abilium in einer Partnerschaft mit der Mobiliar-Versicherung und der Swisscom entwickelt und herausgegeben hat.

Auf der Projekt-Website heben die Berner die verschiedenen Vorzüge ihrer Coviroo-Armbänder hervor.

screenshot: coviroo.com

Das klingt vielversprechend – und watson hat beim Co-Geschäftsführer Jakob Schaerer nachgefragt.

Wie kamen die Berner auf diese Idee?

Auf der Coviroo-Website heisst es, die Entwicklung habe im März begonnen, also noch bevor die ersten Bluetooth-basierten Proximity-Tracing-Apps lanciert wurden.

Dazu muss man wissen, dass der Schweizerische Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung Ende Februar 2020 einen dringenden Aufruf veröffentlichte im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie. Eine Sonderausschreibung für Forschung zu Coronaviren.

Schaerer erklärt:

«Da dieser interdisziplinäre Aufruf an alle Forschungsdisziplinen gerichtet war und ich meine Doktorarbeit im Bereich des Internets der Dinge schreibe, haben wir uns die Forschungsfrage gestellt, ob es mit Technologie möglich ist, ein privatsphärenschützendes Contact Tracing umzusetzen. Entsprechend haben wir ein Proposal für ein bluetoothbasiertes Contact Tracing eingereicht. Da relativ bald klar wurde, dass wir nicht die einzigen mit dieser Idee waren und beinahe täglich neue Vorschläge für Apps publiziert wurden, haben wir uns neu positioniert.»

Zu jenem Zeitpunkt war ein wichtiger Richtungsstreit innerhalb der Wissenschaft nicht entschieden: Nämlich die Frage, auf welche Technik die Tracing-Apps setzen sollten, GPS-Ortung oder Bluetooth-Distanzschätzungen. Und es war auch noch nicht klar, ob sich datenschutzfreundliche dezentrale Tracing-Systeme durchsetzen oder zentralisierte. Weder Apple noch Google hatten sich zu jenem Zeitpunkt in die Diskussionen eingebracht, sondern warteten ab.

Angesichts der unklaren Positionen beschloss die vergleichsweise kleine Technikfirma aus Bern, sich auf die Entwicklung von Tracing-Komponenten zu konzentrieren.

Schaerer:

«Uns war klar, dass sich irgendein Protokoll zum Standard durchsetzen würde. Also haben wir uns entschieden mit der Entwicklung von Hardware zu beginnen und sobald der Standard definiert wäre, diesen auf der Hardware zu implementieren – vorausgesetzt, dass dieser Standard auf Bluetooth basiert und den Schutz der Privatsphäre in den Mittelpunkt stellt. Dadurch hatten wir bereits sehr früh die erste Version der Elektronik fertiggestellt und konnten uns, nachdem der Standard feststand, auf die Entwicklung der Firmware konzentrieren.»

Wann ist das Armband erhältlich?

Das ist noch offen.

Abilium-Co-Geschäftsführer Schaerer betont, das hänge davon ab, welche Firmen das Armband anbieten möchten.

Sein Unternehmen sei in der Forschung und und Entwicklung (R&D) tätig, und geschäfte primär mit anderen Firmen. Dank einer funktionierende Zulieferkette sei man in sehr kurzer Zeit in der Lage, kleinere Serien zu produzieren.

«Mit den so hergestellten Armbändern werden wir in erster Linie Projekte in der Forschung und bei Firmenkunden umsetzen. Hier planen wir, die ersten Projekte Mitte bis Ende August zu realisieren.»

Laut Schaerer wäre es möglich, dass die Armbänder verfügbar sind, bevor es im Herbst zu einem von Experten prognostizierten Anstieg der Infektionszahlen kommt.

Schaerer:

«Damit das Armband in der Schweiz für die breite Bevölkerung erhältlich wird, brauchen wir Partner um die Produktion und die Logistik entsprechend skalieren zu können, sowie den Support des Bundesamtes für Gesundheit (BAG).»
Das Kunststoff-Armband und der Mikroprozessor, der über Bluetooth Low Energy mit Smartphones und anderen Bluetooth-fähigen Geräten «Codes» austauschen kann.
Das Kunststoff-Armband und der Mikroprozessor, der über Bluetooth Low Energy mit Smartphones und anderen Bluetooth-fähigen Geräten «Codes» austauschen kann.bild: watson / abilium gmbh

Was kostet das Armband?

Dazu erklärt Schaerer:

«Unser Ziel ist es, die Produktions- und Hardwarekosten so zu halten, dass ein Verkaufspreis zwischen 30 und 60 Franken für den Endverbraucher im Schweizer Markt realistisch ist.»

Der Preis hänge primär von der Stückzahl ab. Um weitere Märkte zu erschliessen, arbeite man stetig daran, die Produktion zu erweitern und sei auf der Suche nach Partnern. Je grössere Stückzahlen hergestellt werden, desto günstiger.

«Grundsätzlich verwenden wir nur Bauteile, die im Kontext des schnellen Wachstums des Internet der Dinge sowieso als Massenware produziert werden. Dies wird sicher die Skalierung erleichtern.»

Was hat es mit der Ladestation auf sich?

Coviroo sei ein Contact-Tracing-Armband, das nur aus den für das Bluetooth-basierten Contact Tracing relevanten elektronischen Komponenten bestehe, erklärt Schaerer. Da das Armband keine direkte Internetverbindung habe, sei ein Gateway zur Kommunikation mit den Backend-Servern erforderlich. Dies ist über die Ladestation am PC oder mit einer App möglich.

Bei der derzeitigen Version sei für das Aufladen des in das Armband integrierten Akkus die Ladestation zwingend erforderlich. Dies, weil es mit den Standard-Steckern mehr Entwicklungszeit benötige, das Armband wasserdicht zu machen.

Schaerer erklärt:

«Die Ladestation kann über USB mit dem Computer verbunden werden. Sie verfügt über einen Bluetooth-Chip und fungiert zugleich als Gateway. So ist sichergestellt, dass die Synchronisation erfolgen kann. Benutzer, welche die App als Gateway nutzen, können die Ladestation auch an einem gängigen USB-Ladegerät anschliessen. Um die Kosten für das Armband günstig zu halten und die Entwicklungszeit zu verkürzen, haben wir auf Wireless Charging verzichtet.»

Wie lang hält der Akku?

Dazu erklärt Schaerer:

«Die Betriebsdauer hängt davon ab, wie viele Kontakte mit anderen digitalen Contact-Tracing-Geräten jemand hat. Für einen durchschnittlichen Benutzer möchten wir 2-3 Tage erreichen. Idealerweise wird das Armband über Nacht gleichzeitig synchronisiert und geladen.»

Wo kann das Armband eingesetzt werden?

Theoretisch kann Coviroo gemäss Schaerer in allen Ländern eingesetzt werden, die auf ein GAEN basiertes Contact Tracing bauen. Das ist das Kürzel für «Google Apple Exposure Notification». Gemeint sind die Schnittstellen, die die beiden Techkonzerne in ihre weltweit dominierenden mobilen Betriebssysteme Android und iOS (iPhone) integriert haben. Dies gilt unter anderem für die deutsche Corona-Warn-App, die italienische Immuni-App und die Stopp-Corona-App aus Österreich, sowie für zahlreiche weitere Apps in Europa.

Damit das funktioniert, muss das Coviroo-Gateway an die jeweiligen Backend-Server (der nationalen Gesundheitsbehörden) angebunden werden. Technisch sollte dies gemäss Schaerer einfach sein, politisch könne es aber Hürden geben. Dies zeigen auch schon die Probleme, die das BAG mit SwissCovid bei der EU-Kommission überwinden muss.

Was ist mit dem «OpenSource Research Kit» gemeint?

Während die Berner Firma Partner sucht für die Massenproduktion der Armbänder, haben die Verantwortlichen vor, der internationalen Forschergemeinschaft auch ein «Open Source Research Kit» zur Verfügung zu stellen.

Damit wollen die Coviroo-Entwickler neue Innovationen ermöglichen im Bereich des Bluetooth-basierten sicheren Contact Tracings. Mögliche Forschungsthemen seien Security Analysen, Verbesserung der Distanzmessungen oder auch die Entwicklung völlig neuer Protokolle.

Schaerer erklärt:

«Erstens soll es möglich sein, die Funktionsweise der Coviroo-Armbänder unabhängig zu überprüfen, und zweitens wollen wir Forschern eine Plattform zur Weiterentwicklung der dem Contact Tracing zugrundeliegenden Protokolle bereitstellen. Der Zweite Punkt ist uns besonders wichtig, um den Forschern wieder mehr Mitspracherecht bei der Ausgestaltung der Contact-Tracing-Protokolle zu geben.»

Im Vergleich zu anderen technischen Lösungen werde es bei Coviroo möglich sein, den Source Code von allen Proximity-Tracing-Komponenten offen zu legen, sagt Schaerer.

Das OpenSource Research Kit werde aus einer Entwicklerelektronik (PCB mit Programmier- und Debugschnittstellen) und den relevanten Programmcodes bestehen, und einem «Paper», dass die Architektur beschreibe.

Was ist mit dem Schlüsselanhänger?

Nicht alle Personen, die an einer Smartphone-freien Tracing-Lösung interessiert sind, möchten sich ein Kunststoff-Armband ans Handgelenk schnallen. Die Berner Firma will darum auch einen Schlüsselanhänger lancieren.

Jakob Schaerer:

«Der Schlüsselanhänger unterscheidet sich nur durch das Gehäuse und den Stecker vom Armband, die Elektronik ist identisch. Falls das Armband gut ankommt, werden wir die Massenproduktion des Schlüsselanhängers in Angriff nehmen.»

Der Schlüsselanhänger werde man direkt über USB laden können, er werde jedoch nicht wasserdicht sein.

Und jetzt du!

Was hältst du von einer solchen Lösung? Würdest du eher einen Schlüsselanhänger oder ein Armband nutzen, statt ständig die SwissCovid-App auf dem Handy aktiviert zu haben? Schreib uns deine Meinung via Kommentarfunktion.

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