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Apple und Google haben die nächste Stufe im digitalen Kampf gegen Covid-19 gestartet.
Apple und Google haben die nächste Stufe im digitalen Kampf gegen Covid-19 gestartet.Bild: keystone
Analyse

iPhones und Android-Handys können neu ohne Corona-App vor Ansteckungen warnen, aber...

Apple und Google integrieren per Update eine «Express-Funktion» für die Corona-Warntechnik in ihre mobilen Betriebssysteme iOS und Android. Hier sind die wichtigsten Fragen und (vorläufigen) Antworten.
01.09.2020, 22:0502.09.2020, 14:01

Was ist neu?

Apple und Google integrieren die Corona-Warntechnik tiefer in ihre mobilen Betriebssysteme iOS und Android und lancieren eine «Express-Funktion», die es ermöglichen soll, Warnungen auch ohne installierte App anzuzeigen.

Für Besitzer von Android-Smartphones kommen die Neuerungen mit einer Aktualisierung der Google-Play-Dienste. Für iPhone-User ist am Dienstagabend das Betriebssystem-Update iOS 13.7 veröffentlicht worden.

Hinweis in eigener Sache: Die Software-Neuerungen sind dermassen neu, dass noch keine Einschätzungen der SwissCovid-Entwickler vorliegen (siehe Box weiter unten). Der Artikel beinhaltet Einschätzungen des Digital-Redaktors, die unter anderem auf der Beta-Version von iOS 13.7 (für Entwickler) basieren.

Apple und Google bezeichnen die Corona-Warnfunktion als «Exposure Notifications Express». Die neue Funktion ermögliche es Smartphone-Nutzern, Warnhinweise zu erhalten, wenn sie in der Nähe von Corona-Infizierten waren. Allerdings ist dies nur nach Zustimmung der User möglich. Und die nationale Gesundheitsbehörde muss grünes Licht geben, dass Warnungen ohne App angezeigt werden dürfen.

Die iOS- und Android-Lösungen seien untereinander und mit bestehenden Corona-Warn-Apps vollständig interoperabel. Die nationalen Gesundheitsbehörden können sich auch dafür entscheiden, ihre eigenen benutzerdefinierten Apps zu lancieren und zu betreiben – ohne die Express-Funktion.

Google und Apple wollen die Warn-Apps auch weiterhin vollständig unterstützen. Die neue Express-Funktion werde in Koordination mit den Gesundheitsbehörden lanciert.

Was ändert sich für SwissCovid-User?

Vorläufig nichts.

Der Bund ist gefragt
Seitens des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), als Herausgeberin der SwissCovid-App, und seitens der Entwickler liegt noch keine Stellungnahme zu den Neuerungen vor. Apple hat iOS 13.7 am Dienstagabend veröffentlicht.

SwissCovid-Entwicklerchef Mathias Wellig sagte kürzlich in einem Netzwoche-Interview: «Die nächsten grösseren Updates kommen, sobald Apple und Google die Version 2.0 ihrer API veröffentlicht haben. Das bringt zwar nicht unbedingt zusätzliche, sichtbare Features mit sich. Aber es wird uns helfen, das Ganze komfortabler zu gestalten und Details zu optimieren. Weitere Neuerungen gibt es mit den Updates der mobilen Betriebssysteme.»

Apple habe mit iOS 14 einige systematische Usability-Probleme gelöst, die die SwissCovid-Entwickler laut Wellig vorher nicht richtig angehen konnten. «Das heisst, wir werden die App besser ins System integrieren können. Auch in Sachen User Experience haben wir noch einiges vor, da geht es allerdings um Feintuning. Und dann ist da noch die Frage nach dem nächsten grossen Schritt. Was können wir tun, damit mehr Nutzer die App installieren?»

Braucht es jetzt keine Warn-Apps mehr?

Doch, die braucht es weiterhin. Zumindest vorläufig. Dazu gleich mehr.

Sicher unverzichtbar ist weiterhin die staatliche Infrastruktur, die es infizierten Smartphone-Nutzern ermöglicht, andere anonym und sicher zu warnen, indem sie einen Schlüssel (Covidcode) in der App eingeben. In der Schweiz ist es das Bundesamt für Gesundheit (BAG) als Herausgeberin der SwissCovid-App, die ein entsprechendes System betreiben lässt. Für das Verteilen der Covidcodes sind die Kantone zuständig.

Ich habe SwissCovid nicht installiert, was nun?

Niemand ist gezwungen, die Corona-Warntechnik zu nutzen. Auch die zukünftige Nutzung der Express-Funktion ist freiwillig und erfordert die explizite Zustimmung der User. Dies geschieht über die Geräte-Einstellungen.

iPhone-Besitzer, die auf die neue iOS-Version 13.7 aktualisieren, finden in den «Einstellungen» den neuen Menüpunkt «Begegnungsmitteilungen». Dies gilt auch für Geräte, auf denen keine Corona-Warn-App wie SwissCovid installiert ist.

bild: watson

Man kann «Bewegungsmitteilungen aktivieren» und wird dann aufgefordert, mindestens eine (oder mehrere) der kompatiblen nationalen Corona-Warn-Apps zu installieren.

screenshot: watson

Wenn SwissCovid installiert ist, wird die Schweiz als «Aktive Region» angezeigt. Und Infizierte können auf Knopfdruck die App öffnen, um ihre «Diagnose» (den Covidcode) einzugeben. Und so die Alarmierung von «Kontakten» auslösen, die während 15 Minuten oder länger in der Nähe waren.

Neu ist auch die Funktion «Monatliches Update», die es laut Beschrieb ermöglicht, eine Mitteilung zu erhalten, die über «mögliche Begegnungen» informiert. Diese Funktion hatte in der jüngeren Vergangenheit für Verwirrung gesorgt.

Kann man mehrere nationale Apps nutzen?

Ja, das ist möglich. Obwohl jeweils nur eine App als «aktive Region» festgelegt werden kann, wird mit den neuen System-Einstellungen die parallele Nutzung mehrerer Apps vereinfacht. Es lassen sich «Autorisierte Regionen» hinzufügen.

Wenn man mehrere nationale Apps installiert und als Autorisierte Regionen hinzufügt, kann man ganz einfach zwischen den verschiedenen Ländern hin- und herwechseln, was insbesondere für Grenzgänger eine Erleichterung ist.

Funktionieren Warn-Apps nun grenzübergreifend?

Nein, noch nicht.

Doch es zeichnet sich eine Möglichkeit ab.

Apple schreibt:

«Wenn du ‹Ortungsdienste› aktiviert hast, kann dein Gerät Schlüssel von Regionen herunterladen, in die du in den vergangenen 14 Tagen gereist bist, sofern die anderen Regionen auch die Begegnungsmitteilungen aktiviert haben, ohne eine App zu verlangen.»

Die nationalen Gesundheitsbehörden müssten also Apple und Google grünes Licht geben für das Aktivieren der Express-Funktion, damit das Ganze ohne Apps funktioniert.

Schliesslich gibt es die neue Funktion «Reisestatus teilen».

Im Beschrieb heisst es:

«Dein Reisestatus hilft dabei, dich und andere über mögliche Begegnungen zu benachrichtigen. Er gibt nur an, ob du dich in den letzten 14 Tagen ausserhalb deiner aktiven Region aufgehalten hast, und enthält keine Informationen über deine Reiseziele oder deinen Standort.»

Nach Angaben von The Verge soll es neu möglich werden, Tracing-Systeme verschiedener US-Bundesstaaten über die Betriebssysteme miteinander zu verknüpfen.

«Das Framework ermöglicht die Interoperabilität zwischen den Bundesstaaten und bietet beispielsweise die Möglichkeit, Benutzer der App aus Virginia über Expositionen von Benutzern der App aus Maryland zu benachrichtigen.»
quelle: theverge.com

Update: Mathias Wellig, SwissCovid-Entwicklerchef teilt auf Anfrage von watson mit, dass die Express-Funktion nicht den grenzübergreifenden Datenaustausch ermöglicht:

«Bei der Interoperabilität harzt es nicht auf technischer Ebene – hier hätte man verschiedene Lösungsansätze bereit. Die offenen Fragen sind politische (will Land X mit Land Y offiziell zusammenarbeiten) und fachliche (akzeptiert Land X den Prozess mit dem Land Y eine Person als positiv kennzeichnet). Das stringente neue Konzept mit Regionen auf Betriebssystemebene kann uns jedoch helfen, die User-Experience zu optimieren.»

Kann man das deaktivieren?

Ja. Die in iOS und in Android integrierte Corona-Warntechnik wird in den Einstellungen ein- und ausgeschaltet.

Apple schreibt:

«Du kannst die Begegnungsmitteilungen deaktivieren, indem du ‹Einstellungen› > ‹Begegnungsmitteilungen› wählst und auf ‹Begegnungsmitteilungen deaktivieren› tippst. Hierdurch werden auch die von anderen Geräten aufgezeichneten Bluetooth-IDs, zugehörige Metadaten, deine zufälligen Geräteschlüssel und deine Begegnungsmitteilungsregionen gelöscht (Begegnungsmitteilungs-Apps, die du installiert hast, werden dagegen nicht gelöscht).»

Wichtig: Die Express-Funktion ist standardmässig deaktiviert, sie müsste also vom User aktiviert worden sein.

Für wen ist die Express-Funktion wichtig?

In erster Linie für die vielen Länder, respektive Regierungen, die noch kein Tracing-System lanciert haben.

Apple versucht insbesondere im eigenen Land möglichst viele US-Bundesstaaten an Bord zu holen. Denn noch immer gibt es in den meisten Regionen keine Tracing-App, die auf dem «Exposure Notification System» (ENS) basiert. Apple und Google hatten ENS am 20. Mai angekündigt.

Die Entwickler der SwissCovid-App haben mit den Apple- und Google-Ingenieuren zusammengearbeitet, um die Bluetooth-basierten Handy-Distanzschätzungen zu lancieren. SwissCovid war die weltweit erste App, die ENS «live» testete.

Wie wird das umgesetzt?

Ziel ist es laut Bericht von 9to5Mac, schnell und einfach ein System zu schaffen, indem die Gesundheitsbehörden den beiden Unternehmen «eine Konfigurationsdatei mit grundlegenden Informationen darüber vorlegen, wie/wann Benachrichtigungen ausgelöst werden sollen und die nächsten Schritte nach Erhalt einer Warnung». Zu den weiteren angeforderten Informationen gehörten ein Behördenlogo und ein Text, der für die Benutzer angezeigt werde.

Die technische Umsetzung der Express-Funktion unterscheidet sich grundlegend zwischen iOS und Android.

Google werde die von der Gesundheitsbehörde zur Verfügung gestellten Informationen nehmen und im Auftrag der Gesundheitsbehörde eine Android-App erstellen. Dann beginne es damit, dass der Google Play Store die Nutzer darauf hinweise, dass eine App verfügbar sei. Danach installiere man die App in einem Workflow, der dem heutigen ähnlich sei, aber man müsse zusätzlichen Berechtigungen zustimmen.

Welche Länder Europas haben bereits eine solche App?

  • Dänemark
  • Deutschland
  • Estland
  • Irland
  • Italien
  • Kroatien
  • Lettland
  • Österreich
  • Polen
  • Portugal
  • Schweiz
  • Spanien

Zu Liechtenstein heisst es, die Funktion sei nicht verfügbar. Dies, obwohl die SwissCovid-App gemäss einer früheren Ankündigung der Regierung zum Einsatz kommt.

Diese Mitteilung wird für alle Länder angezeigt, die noch kein nationales Tracing-System lanciert haben, das auf den Schnittstellen von Apple und Google aufbaut.
Diese Mitteilung wird für alle Länder angezeigt, die noch kein nationales Tracing-System lanciert haben, das auf den Schnittstellen von Apple und Google aufbaut.screenshot: watson

Was ist mit den USA?

Erst wenige US-Bundesstaaten haben eine entsprechende App veröffentlicht, die auf den von Apple und Google zur Verfügung gestellten Schnittstellen basieren.

  • Alabama
  • Arizona
  • Nevada
  • North Dakota
  • Virginia
  • Wyoming

Gemäss Angaben der beiden US-Unternehmen prüfen weitere 25 US-Bundesstaaten und Territorien die Möglichkeiten der digitalen Kontaktverfolgung. Es seien auch bereits dank der Technik Infektionsketten unterbrochen worden.

Washington DC, Maryland, Nevada und Virginia seien die ersten, die das neue System laut 9to5Mac übernehmen.

In welchen anderen Ländern weltweit gibts bereits eine kompatible App?

  • Brasilien
  • Ecuador
  • Japan
  • Kanada
  • Philippinen
  • Saudi-Arabien
  • Südafrika
  • Uruguay

Auf welchen Smartphones funktioniert das?

iPhones mit iOS 13. Android ab Version 6.

Das heisst, die Corona-Warntechnik läuft nicht auf dem iPhone 6 und anderen alten Mobilgeräten.

Quellen

Alles über die Schweizer Corona-Warn-App

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40 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Wurstgesicht
01.09.2020 22:23registriert Dezember 2018
Uuuuuuah... da wird wohl einigen Mitmenschen die Aluminiumfolie knapp werden...
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Jonas der doofe
02.09.2020 07:39registriert Juni 2020
Sorry, aber ich verstehe das nicht ganz:
Diese Funktion ist doch für Leute, die aus welchen Gründen auch immer die Covid-App des Bundes nicht heruntergeladen haben. Die meisten davon haben das gemacht, weil sie Bedenken wegen dem Datenschutz haben. Aber genau diese Leute sollen jetzt Apple oder Google sagen, dass sie an Corona erkrankt sind?! Durch Mitteilung an andere wissen es die Betreiber ja ebenfalls. Ich glaube nicht, dass das wirklich ein Durchbruch sein soll.
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dmark
01.09.2020 23:40registriert Juli 2016
Schon als ich las - "Aktualisierung der Google-Play-Dienste" - lief es mir erst mal eiskalt den Rücken hinunter...

Das geht gerne mal in die Hose ;-)
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«Digitales Münchhausen» – Wenn Jugendliche sich selbst im Netz beleidigen
«Die ist so hässlich», «Der ist so überflüssig», «Gibt's dich auch in witzig?» – Was nach typischen Mobbing-Sätzen klingt, kann auch einen ganz anderen Hintergrund haben. Denn nicht immer sind es andere, die über einen Jugendlichen verletzende Sätze im Internet verbreiten.

Manchmal ist es das vermeintliche Mobbing-Opfer selbst, das die Gemeinheiten verfasst. Dieses Phänomen wird als digitales Selbstmobbing bezeichnet, im amerikanischen Sprachraum heisst es «cyber self-harm». Dabei posten Jugendliche gemeine Dinge über sich selbst in sozialen Netzwerken.

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