Leben
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Wie würde die Welt ohne Internet aussehen? Eine Horrorvision in 10 Teilen

Symbolbild: Gemeinsames Essen im Jahre 2017. bild: shutterstock



Es bringt Menschen verschiedener Kulturen zusammen, erweitert den persönlichen Erfahrungshorizont und ist für die eigene Charakterbildung unabdingbar. Nein, ich rede für einmal nicht vom Reisen, sondern vom Internet.

Auf meinem Nordwesttrip war der Anschluss ans weltweite Netz kaum vorhanden. Schon vor Antritt des Abenteuers informieren uns die Reiseleiter darüber, dass bei den meisten Telefonanbietern jenseits von Perth kein Empfang mehr da sein wird. Und auch WLAN ist nur an bedingten Raststätten erhältlich. Ich beschliesse, diesen Trip als Anlass dafür zu nehmen, für zehn Tage komplett vom Netz zu gehen. Wenn ich schon weg von der Zivilisation bin, dann kann ich ja gleich ganz weg.

Es klingt nach keiner grossen Sache, doch wann hast du zuletzt anderthalb Wochen ohne Handy verbracht?

Mein Smartphone verbringt die ganze Zeit im Flugmodus und wird bloss als Kamera und MP3-Player eingesetzt. Ich bleibe zehn Tage stark, während die meisten anderen gierig zu den Routern von Tankstellen und Campingrezeptionen rennen.

Strom, Internet, Schnelllll:

Bild

bild: gregor stäheli

Nachdem meine Entzugserscheinungen der ersten Tage überwunden sind, empfinde ich die Empfangslosigkeit als erlösend. Sie tut gut, denn normalerweise führe ich eine ungesunde Beziehung zu meinem Handy: Es ist das Erste was ich sehe, wenn ich aufstehe. Das Letzte, wenn ich mich ins Bett lege.

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Symbolmann im Bett mit Handy. bild: shutterstock

Ich kann mich dem Erlebnis voll und ganz hingeben. Für einmal vergesse ich, was auf der Welt passiert. Für einmal

Vor meiner Mission «Datenlos durch die Nacht» informiere ich natürlich meine Eltern und engsten Freunde. Aber an ALLE habe ich natürlich nicht gedacht. Das wird mir klar, als ich mein Handy nach 10 Tagen wieder einschalte und dutzende Nachrichten eintrudeln. Einige der Whatsapp- und Facebooknachrichten stammen von besorgten Kollegen:

«LÄBSCH NA? HALLOOO?»

Dadurch wird mir erst wieder klar, wie extrem auffällig ein Unterbruch von wenigen Tagen in der heutigen Dauerkommunikation sein kann. Ich komm nicht umhin mir vorzustellen, was geschehen würde, wenn wir alle einmal zehn Tage auf Smartphones und Internet verzichten würden.

Vermutlich folgendes:

Tag 1

Alle verhalten sich relativ ruhig. Ab und zu greifen die Leute in der Hosentasche ins Leere. Ungewohnt ist diese Situation. Vor allem, wenn es darum geht, Busverbindungen nachzuschauen oder zu prüfen, aus welchem Film einem dieser Schauspieler der Netflixserie bekannt vorkommt.

Tag 2

Etwas verschämt stehen Leute an S-Bahnstationen und wissen nicht, wohin sie blicken sollen. Manche schauen ratlos auf die Handfläche, wo das Handy einmal war. Andere blicken um sich und registrieren zum ersten Mal, wie der Bahnhof überhaupt aussieht. Miteinander geredet wird jedoch noch nicht.

Tag 3

Die Leute werden etwas nervös. Leicht desorientiert irren Jugendliche beim Bahnhofstreffpunkt herum, unsicher darüber, ob das Tinderdate immer noch gültig ist, das vor einigen Tagen ausgemacht wurde. Fragend blicken sie sich an. Man hat die gesuchte Person ja noch nie gesehen und seit drei Tagen das Facebookprofil nicht mehr stalken können.

Tag 4

Studenten verlieren die Fassung. Da Vorlesungen nicht mehr hochgeladen werden, müssen sie tatsächlich in den Unterricht – physisch UND geistig anwesend sein! Bei den Universitäten gehen zahlreiche Exmatrikulations-Anträge ein.

Bild

Symbolstudent. Angespannt. bild: shutterstock

Tag 5

Es entstehen allmählich Verkehrsprobleme. Die meisten Autofahrer weigern sich nach wie vor, Fremde nach dem Weg zu fragen. Deshalb verirren sich zahlreiche Fahrzeuge in die Innenstadt und finden nicht mehr raus.

Tag 6

Ein paar arme Seelen wandeln immer noch bei der grossen Bahnhofsuhr herum, weil sie nicht mitbekommen haben, dass ihr Date mittlerweile wieder mit dem Ex zusammen ist.

Tag 7

Die Post erfährt einen erfreulichen Zuwachs ihrer Aufträge. Wer ein dringenderes Anliegen hat, muss die Strasse zu dem einen Nachbarn hinunterlaufen, der noch einen Festnetzanschluss hat. Es herrschen Zustände wie in den 40ern.

Tag 8

Es werden wieder vermehrt Zeitungen gelesen. Internet-Trolle hingegen resignieren. Sie können ihre scharfzüngige Meinung nicht mehr unter Onlineartikel posten. Stattdessen müssen sie ihre Missgunst auf Zeitungspapier kritzeln. Niedergeschlagen strecken sie ihre Notizen fremden Leuten auf der Strasse ins Gesicht, im verzweifelten Versuch, gehört zu werden.

Tag 9

Da Businessleute nicht dauerverfügbar sind, erinnern Arbeitsaufträge an die Schulzeit: «Frau Meyer, darf de Emil hütt usekoo go Aktiekürs beobachte? Är kunnt zrugg wenns dunkel wird, versproche.»

Tag 10

Der Kontakt auf der Strasse nimmt allmählich zu. Menschen, die sich noch nie gesehen haben, kommen ins Gespräch. Manche schätzen den funklosen Zustand. Fakten können nicht mehr so schnell geprüft werden. Ohne Wikipedia wird schnell einmal behauptet und nicht mehr so rasch hinterfragt. «Impfige mache mi Kind zumne Autischt? Hm ... dönt plausibel.»

Am Ende des zehnten Tages werden die Smartphones der Menschheit zurückgegeben.

In der Innenstadt kehrt langsam wieder Ruhe ein.

Nur einer scheint es nicht mitbekommen zu haben ... Noch heute irrt er in der Altstadt rum und zeigt wildfremden Menschen ausgedruckte Katzenfotos.

Unter anderem auch diese: 18 Katzenfotos von Katzen damals ... und heute

Passend dazu: 20 Jahre Smartphone in Bildern

gregor stäheli australien mint perth gregorstaeheli staeheli

Seine Lehrer sagten früher: «Wenn du ständig überall deinen Senf dazugeben musst, wird nie etwas aus dir.» Diese Herausforderung nahm er dankend an. Heute ist Gregor Stäheli als Slam Poet vor allem auf Bühnen anzutreffen. Ein Austauschsemester in Perth zwingt ihn, diese für ein halbes Jahr zurückzulassen. Da er es dennoch nicht bleiben lassen kann, sich ständig mitteilen zu müssen, nutzt er diese Reise, um für mint zu schreiben. Seien dies Erlebnisse, Begegnungen mit Schweizern, Gespräche mit Freunden oder grundsätzliche Themen, die ihm unterwegs in den Sinn kommen. Das ist KEIN Reiseblog. Deshalb solltest du ihn nicht zu ernst nehmen – das tut er nämlich selbst schon nicht.

Stalke Gregor auf Facebook oder auf seiner Homepage.

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19
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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • FreeDobby 18.05.2017 18:58
    Highlight Highlight Okey Gregor, versuchen wirs. Treffen wir uns 1 Woche nach deiner Rückkehr bei der vierten Linde von vorne um 18.00 Uhr?
    Freue mich, bis dann.:)
  • 7immi 29.04.2017 10:51
    Highlight Highlight ohne internet werden wir sicher nicht sterben, es wird aber probleme geben. im gegensatz zu 1990 sind viele systeme aufs internet angewiesen. kassen, bezahlterminals, bancomaten, uvm wären unbrauchbar. bei vielen systemen gibt es keine alternativen. einzig die armee hat ein redundantes system, das dann auch blaulichtorganisationen nutzen können.
    vor 3 jahren fiel bei der skyguide ein server aus, flugpläne mussten nun per fax oder telefondiktat aufgegeben werden. wegen dem grösseren aufwand musste die skyguide kurzfristig ihr personal aufstocken. da merkt man,wie abhängig wir sind...
  • Maya Eldorado 29.04.2017 08:31
    Highlight Highlight Das ist schwierig, weil wir nicht mehr eingerichtet sind, wie das vor Internetzeiten üblich war.
    Ich habe kein Festnetz mehr.
    Ich habe kein Telefonbuch mehr.
    Ich habe keinen Fahrplan mehr.
    Ich habe keine Uhr mehr, ausser am Läpi und am Natel.
    usw.

    Meine Grosseltern hatten auch kein Telefon. Sie schrieben Briefe. Wenn es eilte gab es die Möglichkeit, ein Telegramm zu schicken.
  • virus.exe 29.04.2017 06:53
    Highlight Highlight Schlimmer wäre ja alles rings um das Smartphone. Welcher Bancomat funktioniert ohne Internet? Welche Coop-Kasse? Welche Tankstelle? Wäre die SBB überhaupt im Stande, den Betrieb aufrecht zu erhalten?
  • pamayer 29.04.2017 06:26
    Highlight Highlight Vor 1990... Wenn jemand nicht erschien, wartete man eben noch den nächsten Zug ab, suchte eine Telefonkabine und rief auf die Festnetznummer an.
    Und entschloss sich, abzuzotteln und mit dem nächsten Zug nach Hause.

    Es ging. Brauchte zum Teil einfach endlose Zeit.

    Es gab Momente, wo ein Mobiltelefon sehr notwendig gewesen wäre, aber da man nicht wusste, dass sowas mal massentauglich wird, ...

  • Raphael Stein 29.04.2017 01:25
    Highlight Highlight Horrorversion? Nana. Sonst aber keine Probleme gäll.
  • espe 28.04.2017 23:44
    Highlight Highlight Was genau sind interne Trolle oder doch Internet Rolle? 🤔 http://🤔🤔🤔
    • Raphael Bühlmann 29.04.2017 09:14
      Highlight Highlight Sollte jetzt klarer sein ;)
  • fabsli 28.04.2017 23:15
    Highlight Highlight "Manche schauen ratlos auf die Handfläche, wo das Handy einmal war." 😂
  • leu84 28.04.2017 20:20
    Highlight Highlight Vielleicht wie vor 1990?
  • dmark 28.04.2017 18:34
    Highlight Highlight Ja, ich habe noch einen Festnetzanschluss und kann diesen sogar benutzen. Auch weiss ich, das es Stifte gibt, welche auf dem weissen Papier - das Zeugs, was aus den Druckern kommt - mitunter Spuren hinterlassen, die wiederum von anderen gedeutet werden können.
  • zombie woof 28.04.2017 18:01
    Highlight Highlight War kein schlechtes Leben ohne Internet
    • Einer Wie Alle 28.04.2017 18:29
      Highlight Highlight Das Leben ist aber auch mit Internet nicht schlecht ;)
  • Olmabrotwurst vs. Schüblig 28.04.2017 17:20
    Highlight Highlight Ohje ich komme ganz gut ohne Internet klar ^^
    • Baba 02.05.2017 01:36
      Highlight Highlight Wohl kaum. Oder sind Sie zu 100% Selbstversorger? Wenn nicht, sind Sie - bzw Ihr Retailer - schon damit aufs Internet angewiesen. Fahren Sie nie öV? Nein, heute kommt wohl keiner mehr ums Internet herum, ausser man lebt tatsächlich als gänzlich autonomer Mensch.
  • MacB 28.04.2017 17:02
    Highlight Highlight Horrorvision?

    Das war vor noch nicht mal 15 Jahren normal... und sollte es auch heute eigentlich noch sein.
    • bokl 28.04.2017 18:26
      Highlight Highlight Nein. Heute ist und sollte das nicht mehr normal sein. Aber 10 Tage ohne I-Net ist auch heute noch keine Wunderleistung. Oder wenn schon, dann nicht im Outback, sondern im Alltag. 10 Tage ohne Handy/Internet im normalen Alltagstrott wäre dann schon eine Herausforderung.
  • Wolf2000 28.04.2017 16:51
    Highlight Highlight Und manche(er) würden wieder seinen Partner sehen und mit ihm diskutieren als ihrer Onlinebeziehung zu frönen...
    • Gigi,Gigi 28.04.2017 17:55
      Highlight Highlight Kann man auf dem Internet auch nachschauen, wie man Internettrolle schreibt? Oder was das eigentlich ist, ein Internetrolle?

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Alles fing damit an, dass sich eine Journalistin über eine Rezension im «Tages-Anzeiger» aufregte. Darin schrieb ein älterer Mann über das Buch einer sehr jungen Frau. Vor allem aber schrieb er darüber, wie er das Aussehen besagter sehr junger Frau auf dem Foto im «New Yorker» empfand. Sie sehe darauf aus «wie ein aufgeschrecktes Reh mit sinnlichen Lippen».

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