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Kommentar

Warum wir aufhören müssen, uns selbst auszubeuten



Während manche für wenig Geld nonstop arbeiten und ihren Idealismus ohne Rücksicht auf Verluste verfolgen, sind andere nicht bereit, aus der schieren Freude an der Arbeit ständig mehr zu tun als verlangt. Probleme gibt es dann, wenn zwei Extreme in der freien Wildbahn des modernen Arbeitslebens aufeinanderprallen.

Erst letztens ist es mir wieder passiert. Ich lag abends auf dem Sofa und hatte ein Stück Schokolade in der Hand, als mein Smartphone aufblinkte. Darauf zu sehen: Die Nachricht einer Redakteurin, die mir mitteilte, sie sei «jetzt vom Podcasten nach Hause gekommen» und könne sich «nun meinem Text widmen», den sie eigentlich schon gegen Mittag fertig haben wollte.

Ich antwortete nicht.

Es war mir unangenehm, so eine Nachricht nach Feierabend zu bekommen. Als ich am nächsten Morgen in mein E-Mail-Postfach schaute, staunte ich nicht schlecht. Die Redakteurin hatte mir um 21 Uhr Korrekturen für einen Text gesandt, und mir einen grosszügigen Tag (Achtung, Ironie) Zeit gegeben, um ein neues Interview zu organisieren und ihre Änderungen einzuarbeiten.

Dass ich auch als Freelancerin am besagten Tag andere Termine haben könnte, war ihr egal. So zumindest entnahm ich es der E-Mail, die mich an den drohenden Druckschluss am Freitag erinnerte.

Was für sie normal war, stellte mich vor eine organisatorische Herausforderung. Merkte die Redakteurin nicht, unter welchen Bedingungen sie arbeitete? Oder nahm sie die Nachtschicht hin, ohne gross darüber nachzudenken?

Selbstausbeutung beschreibt laut Definition die Bereitschaft, mehr, härter und länger zu arbeiten, als es erforderlich wäre und vom Arbeitgeber erwartet wird.

Der Grund dafür kann sowohl Druck vom Chef, als auch der selbstbestimmte Antrieb sein, der in der Kreativbranche einen guten Ruf geniesst.

So wundert es wenig, dass sich auch die Redakteurin guten Gewissens übernahm und dabei schleissige Arbeit an meinem Text leistete. Dass sie sich Extrastunden aufbürdete, die natürlich längst in ihren unbezahlten Feierabend fielen. Ja, dass sie gar nicht erkannte, dass andere nicht vor hatten ihre Pläne aufzugeben, nur, um jemandes Extrawürste – in diesem Fall ihre – zu erfüllen.

Wir hatten ein grundsätzlich unterschiedliches Verhältnis unseren eigenen Grenzen gegenüber – und damit einen nur schwer zu entwirrenden Konflikt.

Das Problem an der Selbstausbeutung ist nicht nur ihr gutes Image, das in Form von «Work hard play hard»-Motiven daherkommt. Sie ist zu allem Übel effizienter als die Fremdausbeutung, das schrieb schon Byung Chul-Han, weil sie mit dem Gefühl der Freiheit einhergeht. Dadurch wird Ausbeutung ohne Herrschaft möglich. Menschen, die sich selbst ausbeuten, sehen sich selbst schlicht als engagierte und fromme Mitarbeiter. Ihnen ist «Geld nicht so wichtig», weil sie ihre Motivation erst gar nicht mit soetwas Schmutzigen in Verbindung stellen möchten.

Oft nehmen sie an, dass andere genauso bereit sind wie sie selbst, Mehrarbeit zu leisten und sagen Sätze wie: «Jetzt stell dich doch nicht so an! ;)» kurz vor Schluss. Es sind die, die jeden Tag zwei Stunden länger bleiben und sich in Hoffnung auf einen höheren Posten kaputtarbeiten, ohne zu bemerken, dass ihre Anstrengung heute nicht mehr zwingend in mehr Geld, Prestige oder Anerkennung mündet.

Wer sich selbst ausbeutet, beutet im nächsten Schritt auch meist andere aus.

Menschen, die sich freiwillig oder unbemerkt unfreiwillig selbstausbeuten, leiten den Druck ihrer Vorgesetzten ungefiltert an andere weiter und erkennen dabei nicht, dass nicht jeder und jede unbezahlt länger an einem Auftrag dranbleiben kann, der schon vorgestern fertig sein sollte. Es soll sogar Menschen geben, die arbeiten, weil sie Geld nach Hause bringen müssen und nicht, weil es ihrer Selbstverwirklichung dient. Ja, auch in der Kulturindustrie.

Und so landen die intrinsisch motivierten Selbstverwirklicher mit den vermeintlich geldgeilen Selbstversorgern in einer gemeinsamen Projektarbeit, um sich gegenseitig das Bein zu stellen. Weil die einen sich nicht in die prekäre Lage der anderen hineinversetzen können und die anderen nicht in den Arbeitsethos des Gegenübers. Weil die einen meinen, Geld sei nicht so wichtig und die anderen, ohne diesem nicht arbeiten zu können.

Bild

bild: shutterstock

Selbstausbeutung bedeutet – gerade unter Freiberuflern – zu springen, wenn der Auftraggeber ruft. Um 20:00 Uhr auf Abnahmen zu warten, obwohl die Freunde schon etwas Trinken gegangen sind. Sie bedeutet, in der Bittstellerposition zu verharren und sich einzureden, dass es schon okay sei, nicht bezahlt zu werden für kommerzielle Leistungen. «Selbst Schuld», sagen sich die Selbstverwirklicher, muss ich das nächste Mal eben besser sein, auch, wenn keiner so genau definiert hat, wie dieses «besser» aussieht.

Wo die Selbstausbeutung anfängt, muss jeder für sich wissen.

Was die einen als Passion begreifen, hat für die anderen nichts (mehr) mit Spass gemein. Wo der eine gerne fünf Stunden länger sitzt und hörig um Antworten bettelt, möchte der nächste lieber ins Bett.

Auch ich habe zehn lange Jahre gebraucht, um für mich zu definieren, wann Ausbeutung beginnt und wie ich ihre schöne Fassade demaskiere. Wie oft habe ich «Ja» gesagt, und bin «gratis» auf ein Konzert gegangen, um bis zum nächsten Morgen darüber berichtet zu haben? Wie oft habe ich als Anfang Zwanzigjährige «Ja» gesagt, in Hoffnung auf eine etwaige Anstellung? Erst wenn die eigenen Erwartungen unerfüllt bleiben und vage Zukunftsvorstellungen zerbrochen sind, zeigt die Selbstausbeutung ihr wahres Gesicht. Samt Augenringe.

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bild: shutterstock

Seit ich für mich definiert habe, was ich vom Leben möchte, geht es mir besser. Ich habe aufgehört, mich für respektlose CEOs zu verbiegen. Ich habe wieder einen richtigen Feierabend. Ich liege nicht um 21 Uhr mit Fachlektüre im Bett. Ich sage Aufträge ab, die unter meiner Minimumgrenze liegen. Ich mache es nicht «ausnahmsweise doch gratis» für einen grossen Konzern, weil ich es «gerne tue». Ich habe mir juristische Hilfe geholt. Ich bin Organisationen beigetreten. Ich setze und halte und verteidige meine Regeln als seien sie Gesetz, weil genau dieses uns Kreative wie Nicht-Kreative nicht ausreichend vor miesen Deals schützt.

Bevor ich mein schlechtes Bauchgefühl unterdrücke, stelle ich mir folgende Fragen: Nehme ich ausnahmsweise einen Auftrag an, der schlecht oder gar nicht bezahlt ist, weil er mir Spass macht? Ab wie vielen Extrastunden beute ich mich selbst aus, auch, wenn es Bock macht? Und, die vielleicht wichtigste Frage: habe ich mit meinem Gegenüber darüber gesprochen, wie ich gerne arbeite?

Was keinem schaden kann: Reden. Aufzuhören, sich selbst auszupressen wie eine vertrocknete Orange, wenn man damit andere missbraucht. Aufzuhören, konstant 200 Prozent zu geben, wenn 90 Prozent reichen. Anzufangen, Jüngere über das aufzuklären, was man bereits aus jahrelanger Erfahrung in seiner Branche weiss und ihnen dabei zu helfen, die Fehler zu vermeiden, die man aus Naivität und Gutgläubigkeit selbst begangen hat.

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