Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Jetzt stehen wir ganz ohne Chop da: Der beste Plattenladen im Land macht dicht

Jürg Trindler bei der Arbeit: Brücken bauen.  Bild: Mint.Mag

Chop Records in Bern schliesst seine Tore. Ein letzter Besuch im besten Plattenladen der Schweiz.



Ich muss vorausschicken, dass ich in dieser Angelegenheit nicht objektiv bin, nicht mal ein bisschen: In Bern aufgewachsen, habe ich hunderte Stunden zwischen den Regalen des Chop Records verbracht. Noch bevor die Algorithmen von Apple Music und Spotify uns die ganze Arbeit abnahmen, habe ich Booklets studiert, Musikernamen querreferenziert und mit Verkäufern gesprochen, die Plattenkritiken der Magazine am Original überprüften. Meist mit der maximal erlaubten Zahl von zehn Scheiben auf einmal bin ich zur Theke gegangen, um mir dann eine nach der anderen von vorne bis hinten anzuhören.

Freunde von mir spielen in Bands, die Chop-Chef Jürg Trindler durch die Gegend gefahren hat.

Ehemalige Mitarbeiter des Chop buchen Bands in Lokalen, die ich gut finde, weil sie gute Bands buchen. 

Chop Records hat in meiner musikalischen Grunderziehung einen massgeblichen Anteil. Und hinter dem Chop stand schon immer Jürg Trindler. Ich mag den Chop und ich mag den Trindler. 

Jürg Trindler, Chop Records

Wirklich gerne fotografiert wird er zwar nicht ... Bild: Mint.Mag

David Bowie ist tot, Leonard Cohen ist tot. Und jetzt geht der Chop zu. Hatte ich also nochmal einen Grund, zurück nach Bern zu fahren, die Luft zu schnuppern und mich ausführlich mit Jürg zu unterhalten:

Jürg ist ja eigentlich Lehrer. Jürg sagt, er sei damals ja eigentlich Lehrer gewesen. Den «Semer» habe er gemacht. Damals, als er aber auch jeden zweiten Tag in den Kisten des besten Plattenladens der Hauptstadt, des Roxy, wühlte. Damals, das war inmitten der 80er. Und er wühlte so intensiv und regelmässig damals, dass er naheliegenderweise gebeten wurde, kurz auszuhelfen, als ein Angestellter des Roxy erkrankte.

Nur wenige Monate später ging das Geschäft buchstäblich in Flammen auf. Dadurch entstand eine Lücke im kulturellen Gewissen der Stadt. Der Sog dieses Vakuums sollte der Impuls werden, der schliesslich fast drei Jahrzehnte musikalische Grund- bis Delikatessenversorgung bewirkte. 

29 Jahre später werden jetzt die letzten CDs verramscht, wird die Weihnachtsdeko in Kisten verpackt und der Aschenbecher nochmal geleert.

Jürg Trindler, Chop Records

Es ist Zeit, zu gehen. Bild: Mint.Mag

Dazwischen hat Jürg Trindler die Schweizer Musikszene nachhaltig geprägt.

Im schlimmsten Fall sind Lehrer Erzieher. Im besten sind sie Brücken.

Jürg war schon immer eine Brücke. Er hatte schon immer einen Hunger nach neuer Musik, schier endlosen Appetit auf Bands, die sich was trauen. Und er wird nie müde, seine Entdeckungen zu teilen. Deshalb stellte er auch immer Gleichgesinnte in seinem Laden ein. Niemals Verkäufer. Nur Fanatiker. Musikfanatiker. Und deshalb lief im Chop auch schon immer ohrenbetäubende Musik. Schon 1988 im kleinen, ruhigen Bern. Damit auch ganz bestimmt keiner missversteht oder vergisst, wo er ist. Im Chop Records ging und geht es um Musik. Immer und an erster Stelle.

Das Personal hatte vielleicht nicht immer Ahnung von Buchhaltung. Aber es konnte dir garantiert eine Liste mit den zehn besten Punkplatten aus dem Herbst 1977 in die Hand drücken. Oder den Backkatalog der Pixies rückwärts vorsingen.

Und weil ich nicht der einzige kleine Junge im kleinen Bern war, der mehr hören wollte als das Radio anbot, fanden immer mehr immer wieder ihren Weg zum Chop. Lernten und wurden beeinflusst. Nahmen die Begeisterung für Musik auf, wie sie verbreitet wurde. Ehemalige Mitarbeiter des Chop buchten und buchen jetzt Bands fürs Bad Bonn oder das ISC. Sie haben eigene Plattenläden aufgemacht. Und in fast jeder besseren Band im Raum Bern gibt es jemanden, der schon mal im Chop hinter der Theke stand. 

Jürg Trindler, Chop Records

Bild: Mint.Mag

Ja. Die CD-Verkäufe serbelten dahin. Streaming und Algorithmen übernahmen zusehends das Zepter.
Ja. Das zweite Wohnzimmer meiner Teenagerjahre schloss zwischenzeitlich seine Tore. 240 m2 und neun Mitarbeiter liessen sich mit Indie, Punk und Acid House einfach nicht mehr finanzieren. 

Doch Jürg hatte längst zum nächsten Schritt angesetzt und die Bands direkt in den Laden geholt. Angefangen bei Live-Konzerten zwischen CD-Regalen, entstand dann konsequenterweise ein eigenes Label. Aus dem Konserven-Dealer war ein Schatzmeister, Manager, Vertrauter von Bands wie den Kummerbuben, Dead Bunny oder My Heart Belongs to Cecilia Winter geworden. Ist noch irgendjemand erstaunt, dass Jürg dann auch mal den Bus fährt und beim Bühnenoutfit mitredet?

«In diesen Gruppen hat doch keiner einen Führerschein.»

Jürg Trindler kümmert sich

Das Ende des Ladens sei nur eine Frage der Zeit gewesen. Die Citydisc-Mitarbeiter seien irgendwann jeden Freitag vorbeigekommen, um sich die Preise abzuschreiben  – und sie am folgenden Montag zu unterbieten. 

Jürg Trindler, Chop Records

Bild: Mint.Mag

Das geht an die Substanz: 

«Den Einen habe ich dann mal rausgeschmissen. Hochkant.»

Jürg Trindler

Und das war noch, bevor das Internet überhaupt erst in den Musikmarkt eintrat. 

Jürg Trindler, Chop Records

Bild: Mint.Mag

In kleinerem Rahmen, mit zwei seiner langjährigen Mitstreiter, Serge und Dani, versuchte er dem Fortschritt dann doch noch Paroli zu bieten. Auf kleinerem Raum, in einem Keller neben dem Bundeshaus, kehrte er zurück an die Front. Social-Media-Strategie, Bestellungen, Sortimentsselektion. Und wendete tatsächlich den Trend. Doch sein Label blieb dabei auf der Strecke. Alle sechs Monate sass er in seiner Wohnung auf dem Land und dachte sich: «Gut, ein halbes Jahr noch.» Wieder und wieder.

Und irgendwie ist jetzt auch mal gut. Jetzt werden Kisten gepackt und CDs für einen Franken das Stück rausgehauen. Die Möbel kriegt der Serge, weil der macht weiter. Einen Raum hat er zwar noch nicht, aber das kommt schon noch. 

Das Zuhause mitten in der Stadt wird Jürg vermissen, sicher. Aber richtig ruhig sitzen kann er ja doch nicht. Interessante Musik gebe es auch in der Schweiz genug, meint er. Und wenn er internationales Potential sehe, dann gibt es kein Halten mehr.

Jürg Trindler, Chop Records

Bild: Mint.Mag

Endlich habe er wieder mehr Zeit für das Label.

Suchst du den Kampf eigentlich, Jürg?

«Nein, ich brauch' keinen Kampf. Aber weiter muss es gehen. Immer weiter. Und immer etwas bergauf.» 

Jürg Trindler kann nicht gut still sitzen

Der beste Plattenladen der Hauptstadt schliesst am 31. März 2017 seine Türen zum letzten Mal. Aber das macht nichts. 

Jürg Trindler, Chop Records

Bild: Mint.Mag

Serge Berthout bleibt am Ball. Und Daniel Fischer betreibt bereits einen eigenen Plattenladen. Ab 1. April erstmal den letzten richtigen Plattenladen der Stadt. Kein Witz. 

Gute Musik braucht kein Zuhause. Gute Musik braucht Brücken. Und die hat sie, immer mehr. Und auch Jürg Trindler wird uns erhalten bleiben.

Alles wird gut. 

Hillbilly Moon Explosion: Eine Zürcher Band auf Europa-Tournee

Mehr mint gibt's hier:

15 Styles, die Ende 90er und Anfang 2000er der Shit waren

präsentiert vonMarkenlogo
Link zum Artikel

Nach «Avengers: Endgame» – diese 7 kommenden Filme könnten auch die Milliarde knacken

Link zum Artikel

Ich + Ich + Tattoo-Dirk à Paris

Link zum Artikel

«Game of Thrones»: Das war sie also, die grösste Schlacht der TV-Geschichte?!?!

Link zum Artikel

Dieses Model trägt als Erste einen Burkini auf der Titelseite der «Sports Illustrated»

Link zum Artikel

«Avengers: Endgame» pulverisiert Kinorekord – und sorgt für Schlägerei

Link zum Artikel

«Meine Ehefrau hat mich jahrelang mit ihrer Jugendliebe betrogen»

Link zum Artikel

Die vegane Armee

Link zum Artikel

14 Comics, die das Leben als Mann perfekt auf den Punkt bringen

Link zum Artikel

Die Jackson-Doku «Leaving Neverland» erhitzt die Gemüter – 6 Gründe, warum das so ist

Link zum Artikel

Auf den Spuren meiner Urgrossmutter

Link zum Artikel

Regie-Legende Francis Ford Coppola: Neues Alter, neuer Film, neues «Apocalypse Now»

Link zum Artikel

Schwangerschafts-Abbruch wegen Trisomie: «Die Entscheidung war furchtbar, aber klar»

Link zum Artikel

«Mimimi» – Wie schnell bist du empört?

Link zum Artikel

Sterben am Schluss alle? Das verraten uns die 3 neuen Teaser zu «Game of Thrones»

Link zum Artikel

So heiss, stolz und glücklich feierten die «Game of Thrones»-Stars Premiere

Link zum Artikel

10 lustige Antworten auf die dumme Frage: «Wann hast du entschieden, homosexuell zu sein?»

Link zum Artikel

Böööses Büsi! Stephen Kings «Pet Sematary» ist wieder da

Link zum Artikel

RTS zeigt GoT zeitgleich am TV. Und wir fragen: Wann wollt ihr dazu was von uns lesen?

Link zum Artikel

Ja, in der Schweiz gibt es Obdachlose – und so leben sie

Link zum Artikel

«Krebs macht einsam» – wie Ronja mit 27 Brustkrebs überlebte

Link zum Artikel

Coca Cola Life und 17 weitere Getränke, die (beinahe) aus der Schweiz verschwunden sind

Link zum Artikel

US-Komiker Noah spricht über seine (Schweizer-)Deutsch-Erfahrungen – und es ist grossartig

Link zum Artikel

Die Boeing 737 ist derzeit nicht sehr beliebt – wie dieser Litauer jetzt auch weiss

Link zum Artikel

«Leaving Neverland»: Brisante Jackson-Doku kommt am Samstag im SRF

Link zum Artikel

Sag nicht, wir hätten dich nicht gewarnt: 7 Dokus zum 🐝-Sterben

präsentiert vonMarkenlogo
Link zum Artikel

Der neue Schweizer Streaming-Dienst «Filmingo» will das Anti-Netflix sein

Link zum Artikel

Tantra-Tina, ihre Latexhandschuhe und mein Orgasmus

Link zum Artikel

Ich machte bei GNTM mit – und so war's (empörend!)

Link zum Artikel

Mick Jagger braucht eine neue Herzklappe – und will bald wieder auf der Bühne stehen

Link zum Artikel

Nacktbild von Sohn löst Shitstorm aus – Sängerin Pink rastet aus

Link zum Artikel

«Ich liebe meine Freundin, aber ich liebe auch schöne Frauen…»

Link zum Artikel

Ihre Produkte haben die Welt erobert – trotzdem wurden diese 5 Erfinder nicht reich

Link zum Artikel

Disney wird immer mächtiger – warum darunter vor allem Kinos und Zuschauer leiden

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

10
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • _stefan 30.03.2017 11:52
    Highlight Highlight Die CD ist tot, es lebe die Schallplatte! Der Oldies Shop an der Effingerstrasse denkt zum Glück noch nicht ans aufhören.
  • BoomBap 30.03.2017 11:24
    Highlight Highlight Sehr schade, auch wenn es wohl nicht so meine Genres abgedeckt hat. Wer auf Metal etc. steht sollte mal den Bro Records in SG St.Fiden besuchen. Eine Übersicht, wo man welche Genres in der Schweiz findet wär mal interessant. ;)
  • Observe 30.03.2017 10:19
    Highlight Highlight Ich bin mit dir CH OPP er MANN!
  • Ürsu 30.03.2017 10:10
    Highlight Highlight Sehr traurig. Die Adressedes neuen Ladens fehlt noch
  • Papedipupi 30.03.2017 09:22
    Highlight Highlight Schöner Artikel, danke!
  • wonderwhy 30.03.2017 08:53
    Highlight Highlight "In Bern aufgewachsen, habe ich hunderte Stunden zwischen den Regalen des Chop Records verbracht." Hunderte Franken hätten wohl mehr gebracht!
    • Charlie Brown 30.03.2017 09:59
      Highlight Highlight I wonderwhy you write such a thing...
    • Hanjo 30.03.2017 10:10
      Highlight Highlight Verbringst du Franken? Ich gebe diese eher aus und sehe nicht, was falsch dabei ist, auch etwas für Musik auszugeben...
    • wonderwhy 30.03.2017 14:46
      Highlight Highlight Ich meine hunderte Franken ausgegeben hätten mehr gebracht.
  • 262d 30.03.2017 08:48
    Highlight Highlight Nume liebi! Merci für au di gueti Musig... ❤

Die meisten grossen Städte verzichten auf 1.-August-Feiern – eine Übersicht

Keine Umzüge, keine Feuerwerke, abgesagte Feiern: Wegen der Corona-Krise wird der 1. August in diesem Jahr anders aussehen, als gewohnt. Doch einige Gemeinden und Städte haben sich Alternativen ausgedacht.

Definitiv gestrichen sind die grossen Feiern zum Nationalfeiertag in den Städten Bern, Basel, Zürich, Luzern, Chur, Solothurn, Genf und Lausanne. In Bern waren letztes Jahr mehr als als 20'000 Personen auf den Bundesplatz geströmt. Damit falle der Anlass unter das Verbot von Veranstaltungen von über 1000 Personen, entschied der Gemeinderat. Sogar der Gurten bleibt in diesem Jahr «feuerwerksfrei».

Ebenfalls nicht stattfinden wird die grosse Feier beim Bürkliplatz in der Stadt Zürich, es gibt …

Artikel lesen
Link zum Artikel