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«Oh nein, bitte nicht der ...» – mein erstes Mal an einer Kuschelparty

alle Bilder: Jennifer Zimmermann



«Mit wem will ich heute kuscheln? Mit wem nicht? Muss ich wirklich nicht kuscheln, wenn ich nicht will? Werden die Männer zu aufdringlich sein? Irgendwas riecht hier komisch. Geht das überhaupt, asexuelles Kuscheln?», diese und viele weitere Gedanken schwirren mir an diesem Samstagnachmittag durch den Kopf. Ich bin an meiner ersten «Cuddle-Party», zu Deutsch, an einer Kuschelparty.

Ich gehe die Anwesenden leise im Kopf durch:

«Ja, nein, nein, vielleicht, nein.»

Auf dem Boden in einem stylishen Loft an der Upper East Side sitzen mit mir 20 Erwachsene. Alle sind wir, wie empfohlen, in unseren Pyjamas oder in Sportbekleidung erschienen. Während draussen der erste Schnee das hektische Stadttreiben unter einer weissen Decke begräbt, machen wir es uns auf der grosszügigen Decken- und Kissenlandschaft gemütlich.

Kerzenschein taucht den Raum in oranges Licht, im Hintergrund läuft leise Chill Out. Mir ist noch etwas unbehaglich zumute. Ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Anwesenden: Männer und Frauen, allen Alters und aller Herkunft, haben sich schon gemütlich ausgestreckt und drapieren sich locker über- und nebeneinander. Die Stimmung ist gelassen, die meisten kennen sich schon, sind teils langjährige Kuschler – gar Kuschel-Süchtige, wie sie sagen.

Strenge Regeln, lockere Stimmung

Als alle eingetrudelt sind, übernimmt Adam die Regie. Er ist unser Kuschel-Instruktor und hostet diese Party in der Wohnung einer Freundin. Er ist ein gut aussehender Mann um die 40, charismatisch und jemand, von dem man gerne umarmt werden würde. Er hat 2014 die Firma Cuddlist gegründet. Er bildet Menschen zu professionellen Kuschlern aus, zu sogenannten «Cuddlists». Und er organisiert Kuschelpartys wie diese. Damit ist er einem Trend gefolgt, der angeblich schon 2004 in New York seinen Anfang nahm.

Während der nächsten halben Stunde erklärt Adam die Dos und Don'ts der Party: Kuscheln muss niemand. Die Kleidung bleibt jederzeit an. Es können sexuelle Gelüste aufkommen, das ist völlig ok, solange man diesen nicht nachgibt. Was hier passiert und besprochen wird, bleibt hier. Keine Fotos.

Und nicht zuletzt: Bevor jemand angefasst wird, fragt man explizit nach Erlaubnis und muss erst ein deutliches «Ja» als Antwort erhalten, bevor es zu Körperkontakt kommt. Wenn man etwas will, sagt man «Ja». Wenn man etwas nicht will, antwortet man mit «Nein». Ist man sich nicht sicher, antwortet man ebenfalls mit «Nein».

Ein «Nein» soll man nicht persönlich nehmen. Zu diesem Zweck machen wir ein paar Übungen. Eine davon geht so:

«Darf ich dich küssen?»,

frage ich den Fremden neben mir und schaue ihm dabei tief in die Augen. «Nein», antwortet er mit einem verschmitzten Lächeln. «Danke, dass du auf deine Bedürfnisse hörst», antworte ich ebenfalls grinsend. Wir senken beide leicht beschämt unseren Blick, bevor wir die Reihenfolge des Rollenspiels umkehren.

Adam hat alle zu diesem Dialog aufgefordert. Bei der heutigen Kuschelparty geht es nämlich nicht nur um den platonischen Körperkontakt, sondern auch darum, seine Bedürfnisse wahrzunehmen und diese ohne schlechtes Gewissen zu kommunizieren.

Bevor wir zum «freien Kuscheln» übergehen, folgt eine kurze Vorstellungsrunde. Da ist die junge, stark übergewichtige Blondine aus Texas. Sie wird bereits von allen Seiten geknuddelt und hat mithilfe dieses Anlasses gelernt, sich in ihrem Körper wohler zu fühlen.

Oder der mexikanische Rettungssanitäter, der sich hier als Ausgleich zu seinem stressigen Job mehr um seine eigenen Bedürfnisse kümmern will.

Oder die 60-Jährige Frau, die schon seit 2005 mitkuschelt und auch selbst Partys organisiert. Dass sie für Körperkontakt bezahlt, findet sie keineswegs traurig. Ihre Freunde würden Körperkontakt nicht sonderlich mögen und sie meint:

«Was soll ich sonst tun? Mir auf Craigslist jemanden suchen und mich womöglich in Gefahr begeben?»

Und leider ist da auch der Mann, der mir schon zu Beginn unangenehm aufgefallen war: Sein blondes, strähniges Haar klebt an seiner verschwitzten Stirn, sein Blick ist abwesend und von seinen nackten Füssen geht ein unangenehmer Geruch aus. Genau solche Menschen hatte ich befürchtet …

NYC, Symbolbilder, Kuscheln, Cuddle, cuddle party, let's get horizontal

Auf die Plätze, fertig, kuscheln!

Nachdem Adam den Startschuss zur zweistündigen Kuschel-Session gegeben hat, dauert es keine Minute und alle schmiegen sich schon aneinander. «Darf ich meinen Arm auf deinen legen? Mir gefällt, wie du mir den Rücken streichelst. Möchtest du der grosse oder der kleine Löffel sein?», tönt es rundum. Ich statte erst mal den Snacks in der Küche einen Besuch ab, die in den 25 Franken inbegriffen sind, um mir Mut anzuessen. Alkohol ist streng verboten.

Als ich mich wieder in die Kuschelzone wage, begegnet mein Blick dem blondhaarigen Stinkefuss.

«Oh nein, bitte nicht der ...»

Bloss schnell wegschauen. Zu spät. Er lächelt mich schräg an: «Darf ich dir den Rücken massieren?». Ok, ich liebe Massagen – und er tut mir leid. Ich willige ein und setze mich vor ihn. Er streicht mit seinen Händen über meinen Rücken, als wolle er Fliegen verscheuchen. Wie war das nochmals mit dem Neinsagen? Nach zwei langen Minuten, bedanke ich mich und ziehe weiter.

Als nächstes kuschle ich mit einer 24-jährigen, quirligen Frau und einem Typen um die 30. Nennen wir sie Alicia and Kevin. Die beiden löffeln und ich darf den äusseren kleinen Löffel spielen. Sie reden angeregt über ihre Poly-Beziehungen, während ich gebannt zuhöre und mir von Alicia den Arm kraulen lasse. Langsam entspanne ich mich, verweile aber dennoch nicht allzu lange bei den beiden. 

Zu viele andere Menschen wollen noch gekuschelt werden.

Als ich mich aufsetze, blicke ich auf ein Meer von Gliedmassen, die in alle Himmelsrichtungen schauen. Ein lustiger Anblick. Die meisten lächeln selig und geniessen schweigend, andere unterhalten sich gedämpft. Die Stimmung ist zu meinem Erstaunen keineswegs sexuell, auch wenn sich zwischen manchen ein Knistern nicht leugnen lässt. Als ich länger mit Tom, 48, kuschle, werden auch unsere Gespräche schnell intim. Er erzählt mir, dass er schon eine Frau aus diesem Kreis gedatet habe. Kuschelpartys als Aufriss-Ort? Genau das sollte es ja nicht sein, aber es liegt dennoch nahe und ist nicht verboten.

Tom hat überhaupt viel zu erzählen. Über seine letzten Beziehungen; dass er noch nie länger als ein Jahr mit einer Frau zusammen war. Dass er zwar Nähe will, aber als Kind schwer vernachlässigt wurde und das wohl noch immer verarbeite. Seit etwa zwei Jahren kuschelt er mit Fremden und will daran arbeiten, authentischere Beziehungen einzugehen. Der ehemalige Aufreisser, hat seine sensible Seite entdeckt. Ich habe indessen keine Lust auf neue Kuschelabenteuer und bleibe neben Tom liegen. 

Achtung: Suchtgefahr

«Noch fünf Minuten», kündigt Adam das Ende der Party an. Ein Seufzen geht durch den Raum. Widerwillig rappeln sich alle auf, setzen sich in einen Kreis und fassen sich an den Händen. «Will jemand seine Gefühle mit uns teilen?», fragt Adam in die Runde. 

Der polyamouröse Kevin sagt nachdenklich: «Ich habe realisiert, wie sehr ich mich schäme, dass ich so viel Körperkontakt brauche. Das macht mich traurig. Kratzt ja niemanden, dass ich heute morgen schon an einer Kuschelparty war.»

Die Party neigt sich dem Ende zu – die nächste Kuschelparty geht bald los – und ich verabschiede mich von einigen. Als ich mich ein letztes Mal umdrehe, bevor ich die Wohnung verlasse, sehe ich, wie Kevin gerade Adam umarmt und ihm innig dankt: «Danke, Mann. Danke.» Er legt seinen Kopf auf Adams Schulter und lässt sich von ihm wie ein Kind wiegen. Ob Kevin heute wohl einen Kuschel-Hattrick hinlegt?

Würdest du mit Fremden kuscheln?

Passend dazu: Faultiere, die mit Teddy-Bären kuscheln

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