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Darum schauen wir lieber Katzenbilder an, als zu arbeiten

Bild: unsplash



Wer kennt's nicht: Man muss unbedingt eine wichtige Arbeit zu Ende bringen, aber dann herrscht auf dem Desktop ein riesiges Durcheinander, das unbedingt jetzt aufgeräumt werden muss. Prokrastination oder Aufschieberitis heisst dieses Phänomen und Oliver Kaftan weiss genauestens darum Bescheid.

Oliver Kaftan

Oliver Kaftan ist Entwicklungspsychologe an der Universität Zürich. Derzeit arbeitet er an den letzten Zügen seiner Dissertation über die Beziehung zwischen Prokrastination, emotionalem Wohlbefinden und Zielfokus. 

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bild: zvg

Herr Kaftan, was bedeutet dieses Wort, das man fast immer zwei Mal aussprechen muss, bis es richtig rauskommt? Was bedeutet Prokrastination?
Oliver Kaftan: Das Wort kommt aus dem Lateinischen und kann in die Wörter «pro» und «cras» zerteilt werden. Ersteres bedeutet «für», Letzteres «morgen». Im Deutschen ist eher der Begriff «Aufschieberitis» verbreitet; vielleicht gerade wegen der heimtückischen Zungenbrechergefahr, die hinter dem Wort Prokrastination schlummert.

Aufschieberitis und Prokrastination heisst also, dass man Dinge nicht erledigt. Wieso nennen wir das nicht einfach Faulheit?
Beim Prokrastinieren entscheidet man sich freiwillig gegen eine Tätigkeit, obwohl man mit negativen Konsequenzen rechnet. Faulheit kann auch genossen werden, ohne ein schlechtes Gefühl gegenüber der Zukunft zu haben.

Tönt kompliziert.
Ist es auch. Aber hier ein Beispiel: Du musst Alu, PET und Glas entsorgen. Aber du hast keine Lust. Es spielt keine Rolle, ob du es heute oder morgen tust. Der Weg bis zur Entsorgungsstelle wird gleich lang sein und die Menge an Leergut wird bis zum Folgetag kaum zunehmen. Du kannst dir aber vorstellen, dass du morgen weniger müde bist, mehr Tatendrang verspürst oder sich die Konditionen anderweitig verbessern. Dann ist dein Entscheid zu faulenzen aus vernünftigen Gründen getroffen worden. Und du machst dir auch keine Gedanken über allfällige negative Konsequenzen. 

Was wäre denn ein Beispiel für «richtige» Aufschieberitis?
Bleiben wir beim Beispiel vom Leergut. Wenn du jetzt wüsstest, dass heute Abend bei dir noch eine Party gefeiert wird und infolgedessen die Alu-Sammlung überfüllt sein wird und du morgen ohnehin noch viel Aufräumarbeit zu leisten hast, dann wäre es vernünftig, diese Arbeit heute schon zu verrichten. Tust du es trotzdem nicht, prokrastinierst du.  

Aber das tun wir doch alle, nicht?
In der Tat ist Prokrastination ein weit verbreitetes Phänomen. Leider gibt es keine systematischen Studien, die seine Verbreitung belegen. Es kursieren jedoch Zahlen, welche bei neun von zehn Menschen gelegentliches, aber noch gemässigtes Prokrastinieren feststellen. Bei etwa 15 Prozent davon kann die Prokrastination zu ernsthaften Problemen führen.

Wie weit kann das gehen?
Bis zu schwerwiegenden Depressionen und der Unfähigkeit, den Alltag zu meistern. Als ich eine Zeit lang in einer Klinik gearbeitet habe, gab es da einen Patienten, der jeden Tag das Anziehen aufgeschoben hat. Solche Formen der Prokrastination können zur Isolation der Betroffenen führen und schliesslich sogar bis zum Zusammenbruch des sozialen Umfelds gehen. 

Der überspitzte Alltag eines prokrastinierenden Studis

Wieso tut man sowas?
Zwei häufige Gründe sind Versagensängste und Ablenkung durch unmittelbare belohnende Tätigkeiten. 

Zum Beispiel erzeugt der Gedanken an die Seminararbeit, die in zwei Wochen abgegeben werden muss, ein mulmiges Gefühl im Bauch. Wo hingegen witzige Tiervideos auf den endlosen Timelines sozialer Netzwerke angenehm unterhalten. Entsprechend gibt man dem unmittelbaren angenehmen Gefühl den Vorzug vor dem mulmigen Gefühl.

Interessanterweise kann Prokrastination Tätigkeiten, die man sonst auch überhaupt nicht gerne macht, plötzlich attraktiv wirken lassen. Statt die Seminararbeit zu schreiben, will man plötzlich unbedingt die Küche aufräumen, neu organisieren und gründlichst reinigen. Das gibt den Aufschiebern schliesslich ein gutes Gefühl, das sie von den negativen Konsequenzen, die die Aufschieberitis bergen soll, teilweise ablenkt.

«Menschen, die früher mit einer Arbeit beginnen, schneiden bei Tests in der Regel besser ab.»

Viele Sagen doch, dass sie unter Druck besser arbeiten können …
Das ist in den meisten Fällen ein Trugschluss. Viele Menschen bilden sich ein, dass Stress ihnen zu besseren Leistungen verhilft. Studien belegen jedoch, dass Menschen, die früher mit einer Arbeit beginnen, in der Regel besser abschneiden.

Wieso ist diese Erklärung trotzdem so prominent?
Das kann eine Art Selbstwertschutz sein und somit wieder eine Form der Prokrastination. Wenn man spät damit beginnt, für eine Prüfung zu lernen, und es dann doch schafft, fühlt man sich bestärkt. Fällt man in diesem Fall durch die Prüfung, kann man sein Scheitern mit dieser Strategie immer noch gut vor sich selber rechtfertigen: «Ich hab halt erst spät mit dem Lernen begonnen», sagt man sich dann und muss sich nicht grundsätzlich in Frage stellen. Im Fachjargon nennt man dies «self-handicapping».

«Der Fakt, dass unsere Gesellschaft sehr leistungsorientiert ist, fördert die Versagensangst und somit auch Prokrastination.»

Ich fasse zusammen: Prokrastination ist ein freiwilliger, irrationaler Entscheid gegen eine Tätigkeit, deren Nichterfüllen in uns die Erwartung nach negativen Konsequenzen weckt. Für mich klingt das sehr nach Westen, Leistungsgesellschaft und «First World Problem».
Ja. Wie gesagt, eine wichtige Voraussetzung für Prokrastination ist Freiwilligkeit. Die gibt es in unseren Breitenkreisen und vor allem auch im aktuellen Zeitalter bestimmt mehr als anderswo und -wann. Der Fakt, dass unsere Gesellschaft sehr leistungsorientiert ist, fördert die Versagensangst und somit auch Prokrastination natürlich zudem. Und auch die Omnipräsenz von digitalen Geräten mit Internetzugang steigert wegen ihres Ablenkungspotentials die Lust nicht zu tun, was man sollte.

Wie können wir dem entgegenwirken?
Wenn die Aufschieberitis dazu führt, dass man seinen Alltag nicht mehr meistern kann, wäre professionelle Hilfe bestimmt kein schlechter Gedanke.

Und wenn's nicht so schlimm ist?
Ansonsten heisst es, wie bei jedem persönlichen Problem, den individuellen Gründen auf die Spur zu kommen. Wenn Ängste das Problem sind, kann beispielsweise ein gutes Zeitmanagement helfen: Zwischenziele setzen, bei deren Erreichung man jeweils ein kleines Erfolgserlebnis feiern kann. Das wiederum Sicherheit und Antrieb liefert und Versagensängste relativiert. Auch die Erinnerung an vergangene ähnliche Situationen, die man erfolgreich gemeistert hat, kann helfen. Scheitert man trotzdem, ist das meistens besser als es gar nicht richtig versucht zu haben, da man aus Fehlern lernen kann.

Des Weiteren haben wir ja auch über Ablenkung gesprochen. Man kann zum Beispiel auch mal die Push-Nachrichten auf dem Smartphone für eine Zeitlang ausstellen oder gewisse Webseiten blockieren.

bild: unsplash

Für mich klingt das alles ein bisschen nach Verteufelung der Spontanität. Ist das so, sind spontan sein und nicht prokrastinieren unvereinbar?
Ein bisschen. Klar, wenn man sich nonstop die Freiheit zum Spontansein erlaubt, ist die Chance der Prokrastination zu verfallen bedeutend höher. Da die Aufschieberitis aber auch meistens mit einem Unbehagen verbunden ist, kann es sein, dass das spontane Vorhaben nicht stressfrei genossen werden kann. So ist die Chance grösser in einen Teufelskreis, gezeichnet von permanentem Stress, zu fallen. Teilt man sich Arbeits- und Freizeit jedoch besser ein, ist die Zeit, in der man der Spontanität frönen darf, viel entspannter. Und der Kopf frei von mühsamen Punkten auf der gedanklichen To-do-Liste. 

Umfrage

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  • Manchmal.24%
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Achtung, diese Bilder könnten deine Aufschieberitis fördern :-}

37 Menschen, die aus Versehen ihre Umgebung angezogen haben 

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
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    Alle Leser-Kommentare
  • Bolly 29.08.2017 22:42
    Highlight Highlight Leider auch immer auf den letzten Drücker machen. Früher hatte ich es besser im Griff. ☹️ ich ärgere mich dann immer selber über mich. Warum ich so doof bin und immer so anfange, dabei weiss ich doch das ich es machen muss. Laune wird nicht besser.
    Oder wenn ich es in Angriff nehme, wenn was dazwischen kommt, wirft mich das wieder zurück. Gibt es da
    hilfreiche Tipps? Als Hausfrau ist die Abreit ständiger Begleiter.
  • Loco Floco 29.08.2017 15:21
    Highlight Highlight Das Bett verlassen? Kann ich auch morgen erledigen.
  • trio 28.08.2017 18:09
    Highlight Highlight Haha voll erwischt. Anstatt die Steuererklärung auszufüllen, habe ich das Wochenende meine Pflanzen eingetopft, Bad saubergemacht, Müll rausgebracht und das Wohnzimmer gesaugt. Eigentlich super, aber die blöde Steuererklärung muss ich immer noch machen 😓
    • 45rpm 28.08.2017 22:23
      Highlight Highlight Ich hoffe, Du hast eine Fristenerstreckung eingereicht. ;)
  • Max Müsterlein 28.08.2017 17:05
    Highlight Highlight Mein Sohn prodingst regelmässig das Zimmer aufräumen.
  • Valon Gut-Behrami 28.08.2017 14:54
    Highlight Highlight Ich werde mich morgen zum Artikel äussern.
    • Don Quijote 30.08.2017 08:29
      Highlight Highlight Genau mein Humor :-D
  • 45rpm 28.08.2017 12:03
    Highlight Highlight Bei der Steuererklärung prokrastiniere ich immer, in der Regel um ein halbes Jahr :P
  • Ms. Song 28.08.2017 10:29
    Highlight Highlight Bei mir wurde es so schlimm, dass ich in gewissen Bereichen z.B. Rechnungen zahlen, echt Probleme bekam. Das einzige was mir hilft ist Dinge immer sofort zu erledigen. Ich lasse mir selbst keine Aufschieberei mehr durchgehen, Es fühlt sich besser an, wenn man nie was pendent hat.
    • EisHämerNoImmerGno 28.08.2017 13:32
      Highlight Highlight Und bist Du alleine, bzw. aus eigener Kraft, aus dem Teufelskreis rausgekommen? Wenn ja, hat Dir was speziell geholfen dabei?
    • Slavoj Žižek 29.08.2017 14:48
      Highlight Highlight Ich kann Amphetamine empfehlen.
    • Ms. Song 29.08.2017 16:29
      Highlight Highlight Ironischerweise hatte ich einen Mitarbeiter, der das gleiche Problem hatte und den ich betreuen musste. Wir haben dann zusammen einen Timemanagement Tageskurs besucht. Dort habe ich gelernt, dass aufgeschobene Arbeit a) ein Stressfaktor ist und b)oftmals grösser wird, je länger man sie aufschiebt. Es ist tatsächlich einfacher, alles immer gleich zu erledigen. Du musst nichts mehr im Kopf behalten und das Stressniveau bleibt niedrig. Es ist auch befriedigend Arbeiten abgechlossen zu haben.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Wehrli 28.08.2017 09:15
    Highlight Highlight Prokrastination ist eine Kunst, die laufend geschult werden muss. Falls richtig angewandt, verdoppelt sich die Leistung des Anwenders.
  • Vespa Timo 28.08.2017 08:37
    Highlight Highlight Lese ich morgen...
    • ThePower 28.08.2017 13:08
      Highlight Highlight Der war gut😂👍🏻
  • dr. flöckli 28.08.2017 08:08
    Highlight Highlight Muss. Seminararbeit. Schreiben.
    NICHT. WATSON-INTERVIEW. LESEN.
    Aber wart doch, dieses Thema ist spannend und betrifft mich voll. Vielleicht gibt er ja auch noch gute Tipps... 😜
  • Exodus4 28.08.2017 08:07
    Highlight Highlight Hier mein Lieblings-Blogpost zum Thema (absolut lesenswert): https://waitbutwhy.com/2013/10/why-procrastinators-procrastinate.html

    Oder auch als Youtube Video, wer das besser mag:
    Play Icon
    • S.B. 28.08.2017 09:33
      Highlight Highlight Kenn ich auch. Echt zu empfehlen!!!
  • Locusto 28.08.2017 07:19
    Highlight Highlight Ich prokrasitiniere grade, in dem ich diesen Artikel lese 😐

Es begann, als er Raumschiffe in der Bibel fand: Erich von Däniken und die Ausserirdischen

Erich von Däniken (84) ist einer der weltweit bekanntesten Schweizer. Er hat über 75 Millionen Bücher zum Thema «Ausserirdische» verkauft. Im Interview spricht er unter anderem über den Glauben an Gott, das Leben nach dem Tod, er erzählt über seinen Werdegang vom Hoteldirektor zum Bestseller-Autor und was beim Mystery Park schief gelaufen ist.

Feiern Sie auch Weihnachten?Erich von Däniken: Ja, ganz traditionell zusammen mit meiner Familie.

Sie erahnen, warum wir diese Frage stellen?Nein.

Mit ihren Theorien – die Götter waren ausserirdische Besucher, wir stammen von Ausserirdischen ab – kann der Eindruck entstehen, Engel seien bloss Astronauten.So ist es ganz und gar nicht. Ich bin in christlicher Tradition erzogen und nie ein gottloser Mensch geworden. Ich bin nach wie vor Mitglied der Katholischen Kirche und ich bete jeden Tag. …

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