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Prof. Dr. Ulrich Schmid während seiner Vorlesung an der Kinder-Uni St.Gallen (11.11.2015).<br data-editable="remove">
Prof. Dr. Ulrich Schmid während seiner Vorlesung an der Kinder-Uni St.Gallen (11.11.2015).
bild: universität st.gallen

Ärger an der Uni St.Gallen: Sektenführerin hetzt Putin-Trolle auf Professor

24.03.2016, 13:02

Ulrich Schmid hat genug. Der Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St.Gallen wird seit vier Monaten per E-Mail, Briefpost und auf sozialen Medien drangsaliert. Ausgangspunkt für die offenbar konzertierte Kampagne war eine Vorlesung, die er im November 2015 an der Kinder-Uni St.Gallen hielt. Titel: 

«Warum gibt es Krieg in Europa? Wie böse ist Putin?»
Flyer Kinder-Uni 2015.<br data-editable="remove">
Flyer Kinder-Uni 2015.
screenshot: universität st.gallen

Rund 600 Dritt- bis Sechstklässler sowie 100 Erwachsene sitzen an jenem Mittwochnachmittag im Audimax der Elite-Uni. Unter ihnen auch Anni Sasek, Frau von Sektenführer Ivo Sasek, der in seinen Büchern zur körperlichen Züchtigung von Kindern rät. Die Saseks organisieren zudem Vorträge, wo Holocaust-Leugner auftreten und betreiben den umstrittenen Internet-Sender Klagemauer TV, der hauptsächlich über Verschwörungstheorien berichtet. Dort erscheint zwei Tage nach der Vorlesung ein Beitrag, in dem Schmid und der Universität St.Gallen «parteiische Putin-Hetze» und «Anti-Russland-Propaganda» vorgeworfen wird.

Anni Sasek.<br data-editable="remove">
Anni Sasek.
screenshot via youtube/rt deutsch

Angemacht wird diese Kritik an angeblichen Aussagen Schmids, wonach Putin in der Ukraine «Krieg mache», die Krim «gestohlen habe» und das «Zarenreich wiederherstellen wolle». Als «Sahnehäubchen des Seriefeuers» wird dieses Titelbild der polnischen Zeitschrift «wprost» aus dem Jahr 2008 bezeichnet, das Schmid in der Vorlesung zeigte:

bild: wprost

Einen Monat im Dezember später nimmt die deutschsprachige Ausgabe des staatlich-russischen Auslandsenders RT die Geschichte auf. Im Beitrag ist auch Anni Sasek zugeschaltet:

«Die Kinder waren total begeistert, samt den Eltern. Niemand hat wie ich eine [kritische] Frage gestellt. Ich habe Herrn Schmid gesagt: ‹Sind Sie sich bewusst, dass Sie jetzt gerade ein paar hundert Kinder verhetzt haben?› (...) Ich weiss, wie Kinder ticken, die nehmen das eins zu eins auf in ihre Herzen.»
Anni Sasek
«Selbstverständlich ging es mir nicht darum, Putin mit Hitler zu vergleichen.»
Ulrich Schmid

Professor Schmid hat die Vorlesung, von der weder ein Video noch ein Skript existiert, etwas anders in Erinnerung: «Ich war überrascht über die total verzerrte Darstellung meines Vortrags», sagt er auf Anfrage. «Wenn ich die Ukraine-Politik der Russischen Föderation kritisiere, wird daraus ‹Putin-Hetze›. Wenn ich sage, dass die Nato-Mitgliedschaft in den Baltischen Staaten von der Bevölkerung befürwortet wird, dann mache ich ‹Propaganda› für die Nato.»

Mit der Adolf-Putin-Titelseite aus der polnischen Zeitschrift habe er verdeutlichen wollen, wie Putins Drohgebärden in Russlands Nachbarstaaten aufgenommen werden. «Selbstverständlich ging es mir nicht darum, Putin mit Hitler zu vergleichen», so Schmid.

Im Plenum hat Sasek laut Schmid zudem keine Frage stellen können, weil Wortmeldungen von Erwachsenen während der Kinder-Uni nicht vorgesehen sind. Allerdings sei sie im Anschluss ans Rednerpult gekommen, um ihm Propagandamaterial ihrer Sekte auszuhändigen.

Schmids drei Thesen

Sein Vortrag habe im wesentlichen aus der Besprechung von drei Thesen bestanden, die er zu Beginn vorgestellt habe:

  1. Russland betrachtet das Territorium der Sowjetunion und des Zarenreichs als seinen Einflussbereich. Siehe Transnistrien, Georgien, Abchasien, Süd-Ossetien und aktuell die Ukraine.
  2. Präsident Putin will mit seiner aggressiven Ukraine-Politik seine innenpolitische Position stärken.
  3. Der Krieg wird der russischen Bevölkerung durch Propaganda im Fernsehen erklärt.

Den Einwand, die russische Sicht ausgeklammert zu haben, lässt Schmid nicht gelten: «Ich hatte 45 Minuten Zeit für den Vortrag und vertrat darin jene Position, die auch von der akademischen Osteuropa-Forschung sowie von 28 europäischen Regierungen geteilt wird.» Auch die Auffassung, viele Menschen in der Ostukraine seien grundsätzlich pro-russisch eingestellt, teilt er nicht uneingeschränkt:

«In der Ostukraine stimmten zu Beginn der 1990er-Jahre über 83 Prozent für die Unabhängigkeit der Ukraine, auch auf der Krim wurde die Unabhängigkeit von einer Mehrheit bestätigt. Noch im Frühjahr 2013 haben wir die Stimmung in allen Regionen der Ukraine gemessen und konnten kein separatistisches Szenario feststellen.»
Ulrich Schmid

Bleibt die Frage, ob Kindern eine polarisierende Thematik wie der Ukraine-Konflikt sinnvoll zu vermitteln ist:

«Ein Kind kam zu mir und sagte, in seinem Dorf gebe es jetzt eine Flüchtlingsunterkunft und es habe auch feindliche Aussagen dagegen gegeben. Kinder sind in der einen oder anderen Form mit politisch heiklen Themen konfrontiert. Es ist wichtig, ihnen Gelegenheit zu geben, sich damit auseinanderzusetzen.»
Ulrich Schmid

Konzertierte Kampagne

Die Universität St.Gallen geht von einer konzertierten Kampagne gegen Ulrich Schmid aus: «Alle Briefe basierten auf stereotypen, offensichtlich vorformulierten Ausdrücken und waren von Personen gezeichnet, die selbst gar nicht an der Kinder-Uni teilgenommen hatten», erklärt Kommunikationsleiter Marius Hasenböhler auf Anfrage. Man habe zudem Kenntnis von «E-Mails aus dem Umfeld der Sasek-Gemeinde an diverse Medien». Auch watson hat ein solches E-Mail erhalten, in dessen Formatierung ein gewisses Mass an Copy/Paste auffällt.

Die Universität St.Gallen glaubt auch das Ziel hinter der Aktion zu kennen:

«Wir müssen leider davon ausgehen, dass es sich um eine Kampagne zur Diskreditierung von Prof. Dr. Ulrich Schmid handelt. Die Universitätsleitung verurteilt diese Aktion, da sie sich gegen ein verdientes und geschätztes Mitglied der Universität St.Gallen richtet und weil damit auch die Prinzipien der Freiheit von Lehre und Forschung und der Meinungsäusserungsfreiheit in Frage gestellt werden.»
Marius Hasenböhler, Kommunikationsleiter Universität St.Gallen

Einschüchtern lässt die sich Universität St.Gallen nicht, wie ein Blick ins Programm der Kinder-Uni zeigt. Auch dieses Jahr wird ein sehr kontroverses Thema behandelt: «Kinder auf der Flucht: Warum Karim und Samira nach Europa kommen».

Russland

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