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SRF-«Arena» zum Thema Homo-Ehe: Mit Oskar Freysinger in der Hauptrolle

Oskar Freysinger, Walliser Enfant terrible und Gegner der Homo-Ehe.
Oskar Freysinger, Walliser Enfant terrible und Gegner der Homo-Ehe.Bild: screenshot srf

Freysingeroskar und die Biolügie – die Gegner der Homo-Ehe im «Arena»-Dickicht

09.11.2019, 06:4111.11.2019, 11:08
William Stern
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Thema: Wann ist eine Ehe eine Ehe?

Hauptpersonen:

  • Anne-Sophie Morand, Vize-Parteipräsidentin FDP/LU, Vorstand Zurich Pride Festival
  • Oskar Freysinger, alt Nationalrat SVP/VS, Referendumskomitee «Nein zum Zensurgesetz»
  • Martin Bäumle, Nationalrat GLP/ZH
  • Therese Schläpfer, Nationalrätin SVP/ZH

Nebenfiguren:

  • Kurt Aeschbacher, Moderator
  • Hans Egli, Kantonsrat EDU/ZH, Referendumskomitee «Nein zum Zensurgesetz»
  • Florian Vock, Vorstand Pink Cross, Grossrat SP/AG

Wetter: Kälteregen

T-Shirt-Aufdruck eines Gastes: «Press exit»

Das Thema dieser «Arena» ist eines dieser Themen, mit denen man keinen Blumentopf gewinnen kann. Das Paradoxon der Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit, dass wir etwa an der Schwelle zum Zeitalter der Singularität stehen, aber keine Gleichstellung bei den Rechten von Homosexuellen haben, ist nicht leicht zu erfassen. Erst recht nicht in einem «Arena»-Setting. Aber eine solche Kritik würde das Existenzrecht der «Arena» in Frage stellen, was nicht geht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Also muss man versuchen, aus dem Geschehenen und Gesehenen eine Erkenntnis zu gewinnen. Oder gleich mehrere.

Wir haben also zum Beispiel herausgefunden, dass Oskar Freysinger – Beruf: freischaffender Schriftsteller – seit 32 Jahren glücklich verheiratet ist. Das ist sehr löblich und wir gönnen ihm sein Glück, schauen ihm auch nicht hinter die Vorhänge, weil sich das laut Freysinger nicht geziemt: «Was die Leute im Schlafzimmer machen, das geht mich nichts an.»

Wir haben auch herausgefunden, dass man beim allfälligen Produkt der Schlafzimmeraktivitäten aber sehr genau hinschauen sollte: «Es wird zum Problem, wenn Kinder ins Spiel kommen», sagt Oskar Freysinger, der eine doppelte (!) pädagogische Ausbildung hat, zum Thema Ehe für alle.

«Wie entwickelt ein Kind eine Identität ohne Vater, oder ohne Mutter?» Diese (rhetorische) Frage stellt sich für den erfolglosen Wahlkampfleiter der welschen SVP, weil mit der Ehe für alle Lesben und Schwulen auch der Zugang zur Adoption gewährt werden soll. Frau und Mann bilden aber für Freysinger eine Einheit, eine Harmonie.

Dem Walliser selber kommt die innere Harmonie schnell einmal abhanden. «Schauen Sie mal, was aus den Scheidungskindern wird!», ruft er an einem Punkt entrüstet. Dieser Ton wiederholt sich im Laufe der Sendung ein paar Mal. Freysinger, SVP-Nationalrätin Therese Schläpfer und EDUler Hans Egli: Sie alle betonen unermüdlich, das Einzige, was sie besorge, sei das Kindswohl.

Kinder, die stummen Kronzeugen der Ehe-für-alle-Gegner.

Würde man nur mal eines dieser verwahrlosten Scheidungs- und Homosexuellenkinder sehen in der freien Natur. So aber denkt man schaudernd an die fürchterlichen Geschichten, wie diese Kinder einsam und alleine alt und älter werden, in ihren traurigen Kugelaugen die Sehnsucht nach einer klaren Vaterfigur gespiegelt, der Kopf eine Wäschetrommel aus Homogenderfilz und Alleinerziehungspropaganda. «Wo ist der Vater?», will man schreien. Welcher progressive Teufel hat da seine Klauen im Spiel? Hans Egli, Waschzettel-bewehrter Evangelist und der Dritte im Bunde der Ehe-für-alle-Gegner, weiss es: «Dem Kind wird der Vater gestohlen!», warnte er eindrücklich.

Und zwar von den Befürwortern der Homo-Ehe.

Der für diese Sendung reaktivierte SRF-Kultmoderator Kurt Aeschbacher erweist sich hingegen als Glücksgriff. Aeschbacher, bekannt aus Funk und Fernsehen und homosexuell, entgegnet den Kindswohl-Zweiflern: «Ein Kind braucht nicht per se einen Vater und eine Mutter. Ein Kind braucht Liebe und Anerkennung. Wenn man behauptet, das kann es in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung nicht geben, dann hat man eine verzwobelte Weltsicht.» Vielleicht hat er auch gezwurbelt gesagt oder gezwabbelt, jedenfalls macht Aeschbacher sein Unverständnis über die Haltung von Freysinger & Co. bei der Adoptionsfrage deutlich.

Video: srf

All die Aufmerksamkeit für die Kinder soll nicht davon ablenken, dass in dieser «Arena» auch ein paar Erwachsene zugegen sind. Anne-Sophie Morand zum Beispiel, Vizepräsidentin der FDP Luzern und Vorstand der Pride, die sagt: «Es bestehen noch immer massive rechtliche Unterschiede. Wir schreiben das Jahr 2019, und die Schweiz hinkt dem Ausland bei den Rechten für Schwule, Lesben und Bisexuelle hinterher.» Und auch GLP-Nationalrat Martin Bäumle stellt nüchtern fest: «Es gibt aktuell keine Gleichberechtigung.»

«Die Biologie will das so.»
Oskar Freysinger

Bäumle und Morand sind engagierte Teilnehmer in dieser «Arena», aber sie bleiben Randfiguren, weil der freischaffende Schriftsteller Freysinger sehr laut ist, Hans Egli die Bibel wortgetreu auslegt, und Therese Schläpfer sich beim Thema Kinder, Erziehung und Sexualität an ihren Biologie-Unterricht erinnert: «Von der Natur her ist das so», sagt Therese Schläpfer. «Die Biologie will das so», sagt auch Oskar Freysinger. «Die Natur gibt uns Richtlinien», sagt Hans Egli.

Wir stellen uns vor, wie die zwei SVPler und der EDUler durch die Wälder streifen, mit hochachtungsvollem Staunen da an einer Hetero-Blume riechen und dort anerkennend den Heterosex zweier Schmetterlinge beobachten, ein goldenes Zeitalter der Verschiedengeschlechtlichkeit in ihren humboldtschen Kladden festhaltend. Die paradiesischen Zustände nur unterbrochen durch freche Spechte im liberalen Gewand, die stoisch an den Eichen der so schön geträumten alten Gesellschaftsordnung hacken, und weil Bibel-Egli einen janusgesichtigen Vogel Storch sichtet, der nicht nur das Kind bringt, sondern auch gleich den Vater holt.

Das war die Pride 2018 in Zürich