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bild: screenshot/srf

Wie die Velo-«Arena» zu einem kleinen Stück TV-Geschichte kam

Zugegeben, es gab schon drängendere politische Themen als die Förderung des Veloverkehrs, über die wir im September abstimmen. Aber hinsichtlich Unterhaltungswert war diese «Arena» ein leuchtendes Beispiel. Das lag nicht zuletzt an der Person von alt Nationalrat Jürg Scherrer.



Nein, man hatte sich nicht in der Senderwahl vertan. Was aussah und sich anhörte wie das Musikantenstadl, war tatsächlich die «Arena», ihres Zeichens wichtigste Polit-TV-Sendung der Deutschschweiz, die Agora vom Leutschenbach, Hort des gesitteten und manchmal weniger gesitteten Diskurses und Urquell hochinspirierter Wutausbrüche vor dem Fernsehbildschirm und in den sozialen Medien.

Und in ebendieser heiligen Stätte trällerten nun SVP-Nationalrat Roland Büchel und SP-Nationalrat Aebischer im Duett Peter Hinnens Schlagerhit «Mir sind mit em Velo da» aus den 70ern. Es fehlte nur noch, dass sie auf den Stehpulten tanzten, Bierkrüge schwenkten und mit Karl Moik in ihrer Mitte selig am Takt vorbei schunkelten. Wobei singen vielleicht etwas übertrieben ist: Sie versuchten sich am Refrain – mit zweifelhaftem Erfolg, aber gehobenem Unterhaltungswert. 

Peter Hinnen – Mir sind mit em Velo da

Sie habe sich vor dieser Sendung gefragt, wie man 70 Minuten lang über dieses Thema diskutieren könne, bemerkte Leuthard irgendwann gegen Ende der Sendung schmunzelnd. Nun, es funktionierte. Vorausgesetzt, man interpretierte das Wort Diskussion einigermassen grosszügig. Es wäre ja auch ein Novum in der Geschichte der politischen TV-Sendung gewesen, wenn sich die Gäste nach der Hälfte der Sendung ernüchtert zugenickt hätten, und sich darauf einigten, dass nun alles, aber wirklich alles zum Thema gesagt ist. 

Nur wäre man dann eben auch um ein kleines Stück Fernsehgeschichte betrogen worden. Das lag vor allem an Jürg Scherrer, Altnationalrat der Autopartei, reaktiviert aus dem politischen Ersatzteillager und mit neuer Zündkerze ausgestattet. Scherrer, so schien es, war der Einzige aus den Reihen der Gegner, dem das Thema wirklich am Herzen lag.

Ein kleiner Auszug aus dem Scherrerschen Wutvokabular: Schalmeienklänge, Lüge, Volk, wann hört das endlich auf?!, Lüge, Diffamierung, usw. Dem nüchternen Intellekt-Politiker Büchel wurden die Ausfälle seines heissspornigen Mitstreiters mit der Zeit ein bisschen unheimlich. Irgendwann konnte man sehen, wie Büchel Scherrer sanft auf den Arm tätschelte. Es half wenig.

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Scherrer musste es als persönlichen Affront empfinden, dass er nicht hin und wieder eine Hupe betätigen konnte. Hätte man ihm doch bloss ein Steuerrad in die Hand gedrückt, seine Tiraden wären plötzlich sehr verständlich gewesen: Schliesslich ist Wut der natürliche Gemütszustand des Menschen im Stau. Scherrer war einst Polizeidirektor von Biel – man möchte nicht vor seinen Augen eine Ampel bei Rot überfahren haben.

Aber worum ging's denn da eigentlich? Um den Gegenentwurf zur Veloinitiative. Dieser sieht vor, dass die Förderung der Velowege in die Verfassung verankert wird. So wie es Wander- und Spazierwegen bis anhin schon vergönnt ist. Die Befürworter argumentieren, dass damit Velofahren sicherer gemacht, der restliche Verkehr entlastet, und das Velo, ein umweltfreundliches und platzsparendes Verkehrsmittel, angemessen gefördert werden kann. Für die Gegner ist es ein unnötiger Symbolakt: So wie Zürich für Ursula Koch einst «gebaut» war, sehen sie das Veloland Schweiz als fertig ausgeschildert: «Es ist gut gemacht, so wie es jetzt ist», befand SVP-Nationalrat Manfred Bühler aus der zweiten Reihe ziemlich abschliessend und widerspruchslos.

Da waren die Meinungen doch einigermassen geteilt. 

Weil das Velo im Naturzustand, das heisst, ohne die menschliche Tretkraft, eher schlecht als Feindbild taugt, mussten sich die Gegner auf Nebenschauplätze verlegen. Büchel beklagte die ausufernde Zentralisierungswut und die Kosten, die mit dem Gegenentwurf einher gingen, sein Kollege Scherrer prangerte die rücksichtslosen Velo-Rowdys an, womit man beim alten, zumindest in städtischen Gefilden allgegenwärtigen Narrativ der Asphaltschlacht zwischen Velo- und Autofahrer angelangt war. Für SP-Nationalrat Matthias Aebischer eine «Rhetorik aus den 80er-Jahren». Der scheinbare Krieg zwischen den Verkehrsteilnehmern ist in den Augen Aebischers längst einem Burgfrieden oder der Erkenntnis gewichen, dass einem der Feind manchmal auch aus dem eigenen Spiegel entgegenblickt. Der Velofahrer ist ja heute auch Autofahrer und vice versa.

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Irgendwann nannte Scherrer Aebischer Aeschbacher, was ein bisschen das Highlight dieser Sendung war. Aebischer überhörte den Fauxpas, vielleicht fühlte er sich auch geschmeichelt. Immerhin hatten ja beide etwas mit TV zu tun, und Aeschbacher, das Fazit sei erlaubt, hatte die tieferen Spuren im Fernsehgedächtnis der Schweizerinnen und Schweizer hinterlassen.

Im Lauf der Sendung fand man als Zuschauer seinen Wortschatz um ein interessantes Wort bereichert: Entflechtung. Ein Begriff, so schwammig und unbestimmt, dass sich alle ihr eigenes Bild daraus machen konnten. Doris Leuthard sah darin eine hochgerenderte Zukunftsvisualisierung des Verkehrs 3.0 und war deshalb sehr für die Entflechtung, die VCS-Geschäftsführern Stéphanie Penher ebenfalls, und Lastwagenverband-Vorfahrer David Piras auf der Gegenseite war ob der Entflechtung auf eine hemdsärmelige Art und Weise derart begeistert, dass er wenig mehr zur Diskussion beitrug, als mantraartig zu wiederholen, wie sehr er die Entflechtung befürworte.

Die Sicherheit war dann das zweite grosse Thema. Zurecht. Wer als Velofahrer im Strassenverkehr unterwegs ist, lebt ja immer in der Erwartung des eigenen Ablebens. Und als Autofahrer ist man umgekehrt zumindest im Stadtverkehr immer nur einen Radabstand entfernt von der fahrlässigen Tötung eines Gümmelers. Wie Moderator Jonas Projer dann aber Roland Büchel im Zeugenstand ins Gewissen redete, musste es selbst abgebrühten Velofahrern Angst und Bange werden. Büchel, muss man wissen, macht es sich von Zeit zu Zeit zum Vergnügen, ein paar Hundert Kilometer von seinem Wohnort Oberriet SG ins Bundeshaus nach Bern zu radeln. In Projers Augen selbstmörderische Unternehmungen: «Sie hatten Glück, Herr Büchel, Sie hatten Glück!», bläute Verkehrskadett Projer dem verdutzten Nationalrat ein. Zuvor hatte Projer aktuelle Zahlen zu Velounfällen eingeblendet. 

Man meinte eine leichte Blässe das Gesicht von Roland Büchel überziehen sehen. So sieht ein Mensch aus, der gerade dem Tod von der Schippe gesprungen ist. 

Zur Sicherheit hatte dann auch Scherrer noch ein paar Dinge zu sagen. Auf Projers Aufforderung («jetzt geht es um die Sicherheit, nicht mehr um Grundsatzfragen, Herr Scherrer!»), antwortete Scherrer mit der Ankündigung, er werde jetzt «konstruktiv». Das tönte vielversprechend. Scherrer demonstrierte in der Folge, wie Velounfälle im Kreisel (die gemäss Projers Zahlen zu 90 Prozent nicht von Velofahrern verschuldet werden) verhindert werden können. Die Kurzfassung: Man muss um den sogenannten A-Pfosten im Auto, der das Sichtfeld des Fahrers einschränkt, herumgucken, indem man «so macht und so macht». Scherrer verrenkte seinen Oberkörper gesundheitsbedenklich nach rechts und nach links und streckte den Hals hervor, und dummerweise schwenkte die Kamera just in diesem Moment in die Publikumsränge.

Den eigentlichen Offenbarungseid lieferte dann aber Nationalrat Büchel. Die Vorlage werde an der Urne wohl angenommen, deshalb habe man auch keinen Rappen in die Kampagne investiert. Es gehe einzig und alleine darum, die Mehrheit nicht so deutlich erscheinen zu lassen.

Büchel und Konsorten, das merkte man im Lauf der Sendung, stören sich vor allem auch am immensen Lifestyle-und Ideologie-Potential des Zweirads. Seit dem goldenen Benzin-Zeitalter der 50er und 60er liess sich wohl kein Verkehrsmittel mehr derart gut politisch und wirtschaftlich vermarkten wie das Fahrrad. Das musste vor allem Automann Scherrer einen Stich ins Herzen versetzen. Die «Mama und Papa Staat»-Mentalität sei ein völlig falscher Ansatz, so Büchel, und die vom VCS geförderten Velo-Projekte kanzelte er als «Esoterik» ab. Zuvor hatte sich Aebischer mit der Annahme der Vorlage eine Steigerung der Volksgesundheit versprochen. Das wiederum tönte dann zumindest politisch auch ein bisschen ungesund.

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