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Otis (Asa Butterfield) und seine Mutter (Gillian Anderson) führen sowas wie die peinlichsten Gespräche seit es Familien gibt.
Otis (Asa Butterfield) und seine Mutter (Gillian Anderson) führen sowas wie die peinlichsten Gespräche seit es Familien gibt.
Bild: netflix
Review

Hilfe, meine Mutter ist sexwissend! Der charmante neue Netflix-Hit «Sex Education»

Der einzige Haken an der auf britische Art handfesten Serie? Die zweite Staffel ist noch nicht bestätigt!
29.01.2019, 19:20
Mehr «Leben»

Die Geschichten rund um «Sex Education» sind fast so unterhaltsam wie die Serie selbst. Da waren zum Beispiel die drei polnischen Journalisten, die zu Gillian Anderson sagten: «In Polen haben wir keinen Aufklärungsunterricht. Eure Serie ist aktuell unsere ganze Aufklärung!» Und da war dieser seltsame Job namens «Intimacy Coordinator», der sich kaum übersetzen lässt, der den jungen Menschen während des Drehs zur Seite gestellt wurde: Die Schauspielerinnen und Schauspieler setzten sich im Kreis auf den Boden und erzählten einander so lang ihre intimsten Intimitäten, bis sie es nicht mehr komisch fanden, vor der Kamera über Sex zu reden und Sexszenen zu drehen.

Der Trailer

Ein amüsanter Zufall ist auch, dass Mulder und Scully jetzt beide eine Sexserien-Karriere machen, wo sie doch in «X-Files» immerzu verklemmt sein mussten. Wir erinnern uns: Dana Scully (Gillian Anderson) und Fox Mulder (David Duchovny) machten als Alien-Jäger des FBI das Wort «paranormal» normal. Damals, in den 90er-Jahren. Als Gillian Anderson von einem Männermagazin zur «Sexiest Woman on Earth» gekürt wurde.

Und was geschah? Aus David Duchovny wurde ein sexsüchtiger Schriftsteller in «Californication». Und aus Anderson jetzt eben eine Sextherapeutin in «Sex Education».
Gillian Anderson hat in ihrer Schauspielkarriere wahrscheinlich mehr akademische Titel gemacht als alle anderen: In «X-Files» (im Bild) mit David Duchovny etwa war sie eine Medizinerin aus Stanford, die auch noch einen Physik-Bachleor mit einer Arbeit über Einstein gemacht hatte.
Gillian Anderson hat in ihrer Schauspielkarriere wahrscheinlich mehr akademische Titel gemacht als alle anderen: In «X-Files» (im Bild) mit David Duchovny etwa war sie eine Medizinerin aus Stanford, die auch noch einen Physik-Bachleor mit einer Arbeit über Einstein gemacht hatte.
bild: fox

Es ist ihre erste grosse komische Rolle. Denn neben der topseriösen Scully im Deux-Pièces war sie ja auch die enorm ernste Topermittlerin, die einen Psychokiller (Jamie Dornan) in «The Fall» zu Fall brachte. Und natürlich die darke Psychoanalytikerin des Kannibalen Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) in «Hannibal». Jetzt darf sie sich entspannen. Als Mutter des komplett verklemmten Teenie-Sohns Otis.

Gespielt wird dieser von Asa Butterfield, einem riesengrossen (1,86 Meter), nerdig niedlichen Briten, der selbst schon eine ziemliche Karriere hinter sich hat. Er spielte die Hauptrolle im Holocaust-Drama «The Boy in the Striped Pajamas» und den Titel-Hugo in Scorseses «Wir Kinder vom Bahnhof Montparnasse»-Fantasie «Hugo Cabret».

Als «Hugo Cabret» von Martin Scorsese in die Kinos kam, war Asa Butterfield schon reife 13 Jahre alt.
Als «Hugo Cabret» von Martin Scorsese in die Kinos kam, war Asa Butterfield schon reife 13 Jahre alt.
bild: paramount pictures

Wie die Mutter, so der Sohn, sagte sich die junge Drehbuchautorin Laurie Nunn (die wiederum die Tochter des Londoner Theatergurus Trevor Nunn ist) und machte Otis flugs zum Sextherapeuten seiner Schulkameradinnen und -kameraden. Er ist dabei nicht selbständig, sondern hat eine überaus bossy Chefin, die funktioniert wie ein klassischer Zuhälter: Maeve (Emma Mackey) akquiriert für Otis Kunden und treibt das Geld ein.

Sie selbst lebt allein im einen Trailer-Park, geht mit dem Spitzenportler der Schule, der seinerseits von seinen beiden Müttern zu Höchstleistungen angetrieben wird. Otis' bester Freund, ein schwarzer Schwuler, der gern in Frauenkleidern tanzen geht, kämpft gegen Bullying, während seinem grössten Feind die Militärschule droht. Und ein Mädchen, das extraterrestrische Sexcomics zeichnet, möchte unbedingt seine Jungfräulichkeit verlieren.

Und Otis' Mutter verlustiert sich – neben vielen anderen – intensiv mit einem heissen schwedischen Klempner.
Für Maeve, Otis und den Rest der Schulkantine gibt's hier gerade sehr grosse, sehr nackte Tatsachen zu sehen.
Für Maeve, Otis und den Rest der Schulkantine gibt's hier gerade sehr grosse, sehr nackte Tatsachen zu sehen.
Bild: netflix

Die Einzelgeschichten der Teens sind in sich recht melancholisch, gelegentlich gar sehr traurig. Trotzdem ist «Sex Education» nicht «13 Reasons Why», sondern eine explizite, derbe, britische Komödie, in der die Dinge beim Namen genannt und in ganzer Pracht gezeigt werden.

Sexualität ist dieses Phänomen, dem sich die Kids mit Unsicherheit, Experimentierfreude, und auch immer mal wieder allzu tollkühn nähern.

Dafür, dass einiges (niemals alles) in ein genussvolles, zärtliches, erfüllendes Lot kommt, sorgt nun Otis als naseweiser Sorgenonkel, der repetiert, was er eine Kindheit lang zuhause gehört hat. Und was seinen eigenen sexuellen Appetit nicht zwingend angeregt hat. Auch wenn sich seine Mutter über jeden Spermatropfen auf der Bettwäsche freut. 

Otis' erste «Praxis» gleicht einer Art Beichtstuhl. Sieht awkward aus, ist auch so.
Otis' erste «Praxis» gleicht einer Art Beichtstuhl. Sieht awkward aus, ist auch so.
Bild: netflix

«Sex Education» wurde zwar in Wales gedreht, spielt jedoch in einem Setting, das irgendwo zwischen England und Amerika und zwischen den 80er-Jahren und heute liegen könnte. Also Eighties-Kostüme und iPhones. Songs von einst wechseln sich mit denen des amerikanischen Gender-Benders Ezra Furman ab, der auch eine Folge lang auf der Bühne des Schulballs stehen darf. Die Schule selbst ist britisch minus Uniformen plus typisch amerikanische Schliessfächer und Sportrituale.

In «Sex Education» finden sich Vibes und visuelle Spurenelemente aus «Skins», «Stranger Things», «Freaks and Geeks» und natürlich – was mit einer erschütternden Kuchenszene geehrt wird – «American Pie».

Die pädagogische Bedeutung für Polens hormongeplagte Jugend sollte sicher nicht überbewertet werden. Aber als warmherzigen Liebeserklärung an jene, die sich im ersten, alles mit- oder niederreissenden Hormonrausch ihres Lebens befinden, ist die Serie entzückend.

PS: Laurie Nunn schreibt übrigens bereits an einer zweiten Staffel. Es dürfte sich höchstens noch um Wochen handeln, bis Netflix diese bestätigt.

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Video: watson

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