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Warum mein Freund R. erst glücklich wird, wenn er Tinder endlich gelöscht hat

Wie sollen wir die grosse Liebe finden, wenn sie hinter jeder Person stecken könnte? 
20.10.2017, 20:03

R. ist ein sehr schöner Mann. Nicht dieses Unterwäschemodel-schön, nicht 1.80 gross und nicht übermässig definiert. R. hat hohe Wangenknochen, trägt enge Jeans und übergrosse Oberteile. Eine Reihe von Mädchen, Jungs und allen anderen Geschlechtern im Genderhimmel finden Gefallen an ihm. R. ist bisexuell und R. will sich verlieben. Doch ich vermute, nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht klappen wird. Nicht so, wie er es momentan versucht.

«Da ist Sandra von Tinder und Timo von Grindr. Sandra hört dieselbe Musik wie ich und Timo studiert Kunst und macht so abgefahrene Sachen. Ah, und da ist noch Jamie, die kenn ich von der Uni.» 
Smalltalk mit R.

Ich kenne R. seit dem Gymnasium. Und wir sehen uns im Vierteljahrestakt zum Plaudern und Kaffee trinken. Neulich sprachen wir über Beziehungen. Was wir uns erhoffen und wie unsere Ansprüche an eine romantische Beziehung aussehen, sind natürlich in höchstem Grade individuell. Das plumpe Bedürfnis, dass wir (irgendeine) Beziehung wollen, könnte konventioneller nicht sein.

Einen Jemand haben, mit dem man gleichzeitig über die Unendlichkeit des Universums debattieren, Trash-TV gucken, Sex haben und sich langweilen kann – das Bedürfnis nach so einem Universalfreund ist nur zu gut zu verstehen. Und die Verzweiflung, wenn man einen will und keinen findet, noch viel besser.

Diese Verzweiflung ist denn auch der Grund, wieso sich die meisten an den Ort verkriechen, an dem jeder sucht und alle vorgeben, etwas bieten zu können: ins Internet. So auch R.

Zur Zeit hat er drei aktive Accounts auf verschiedenen Dating-Seiten. Plus zwei inaktive, die aber jeder Zeit auffrischbar sind. Alle ein bis zwei Wochen trifft er sich mit jemandem. Manchmal mit jemandem, den er schon mal getroffen hat, andere Male mit einer neuen potentiellen Liebe. Wenn R. jemanden mehr als drei Mal sieht, macht er sich Hoffnungen, es kommt zum ersten Sex, zu einem ausgedehnten Frühstück mit anschliessendem Spaziergang. Das ist dann das höchste aller Gefühle und hält solange an, bis es ihm oder der anderen Person verleidet. Denn R.s Dates sind wie er selber: Suchende.

Das läuft seit zweieinhalb Jahren so. R. ist Single und sucht die Liebe. «So klappt das aber nicht!», werfe ich ihm vor. Aus den folgenden Gründen:

  1. Dating-Plattformen fokussieren aufs Äussere, aufs Sexappeal, auf optische Sympathie.
  2. Bei Treffen in Wirklichkeit passiert genau dasselbe. Leuten in der Wirklichkeit gebe ich aber viel mehr die Chance, mir zu beweisen, dass meine Oberflächlichkeit völlig daneben ist.
  3. Im Internet klicke ich diejenigen, die mir nicht gefallen, aber einfach weg. Und verpasse den/die Einen/e so vielleicht.

«Siehst du, es gibt keinen Ausweg. Ob im Internet oder im realen Leben. Wir sind alle Scheisse», faucht mich R. an.

Ja, wir sind alle ziemlich oberflächlich. Okay, vielleicht nicht alle, aber die meisten. Doch Dating-Apps zu verpönen, wird dieses kollektive Persönlichkeitsmerkmal kaum eliminieren. Laut einer US-amerikanischen Studie bringt uns das Entsagen ebendieser Plattformen aber trotzdem etwas: Bessere Chancen, die grosse Liebe zu finden.

Arbeitsweise der Studie
Für die Untersuchungen haben die Studienleiter eine Gruppe aus 65 Hetero-Männern und 65 Hetero-Frauen zusammengestellt und in drei Untergruppen unterteilt. Jeder Proband kriegte die Chance, ein Gespräch/ Date mit einem Probanden des anderen Geschlechts zu haben. Jedoch mit verschiedenen Voraussetzungen: Gruppe eins musste vor dem Date 10 Fotos bewerten, von denen ein Bild ihren späteren Dating-Partner zeigte. Bei Gruppe zwei passierte im Vorfeld dasselbe, wobei aber ihr Dating-Partner nicht unter den Bildern zu finden war. Bei der dritten Gruppe fand das Date ohne jegliche Vorausbewertung statt.

Darauf mussten die Teilnehmer ihren Dating-Partner bewerten. Bezüglich Intelligenz, Karriereperspektiven und Unterhaltungswert. Die besten Werte verteilte Gruppe drei, gefolgt von zwei und eins.

Aber wie? Das Spannende an unserer Oberflächlichkeit ist ja, dass sie situationsbedingt ist. Wie fast alles in unserer Welt lebt sie von Angebot und Nachfrage. Ist das Angebot an potentiellen Liebschaften gross, sinkt die Wahrscheinlichkeit, deinem Gegenüber eine richtige Chance zu geben. Man ist abgelenkt von den vielen Alternativ-Dates, die man noch haben könnte. Man denkt unbewusst an den süsse(re)n Blonden, dessen Selfie einen vorhin aus dem Smartphone-Bildschirm heraus angelächelt hat oder an die Eine mit Septum-Piercing, mit der man vor zwei Abenden noch stundenlang über Musik gechattet hat. 

«Trifft man einen potenziellen Partner ohne die mentale Anwesenheit von alternativen Partnern, beeinflusst das unser Urteil gegenüber der Sympathie jener Person enorm. Es lässt uns sogar deren körperliche Attraktivität schöner erscheinen.»
Jeff Hall, leitender Autor der Studie.

Jeff Hall, Chefautor der Studie, zog für seine Schlüsse die Theorie der Evaluierbarkeit herbei. Darin heisst es, dass Menschen in der Regel Dinge als wertvoller betrachten, wenn man sie für sich selbst beansprucht und aus einem grösseren Angebot loslöst. So erscheint beispielsweise die billigere Variante eines neuen Smartphones im Handyshop mickrig gegenüber der ausführlichen Version mit besserer Kamera und grösserem Speicherplatz. Kauft man sich dann aber doch das billigere Gerät und merkt, dass dieses den eigenen Ansprüchen komplett genügt, ist dessen Minderwertigkeit ganz schnell wett gemacht. So laufe das auch bei Beziehungen ab, schreibt Hall.

Kommen wir zurück zu Tinder-Sandra, Grindr-Timo und Uni-Jamie. Sandra hört tolle Musik und Musik ist für R. wichtig. Aber Timo ist ein künstlerischer Schöngeist mit wirren Ideen. Ob er auch so einen guten Musikgeschmack wie Sandra hat? Oder hört er etwa Taylor Swift? Ein abturnender Gedanke für R. Jamie ist clever und sehr politisch, aber was treibt sie sonst so?

«Vielleicht würden mir Timos Skulpturen aus verschmorten Kabeln genügen, auch wenn er Taylor Swift hört. Denn, wenn es genügt, ist mir Sandra egal. Und Jamie auch.» 
R. im Reflektionsmodus
Zu viel nachgedacht.
Zu viel nachgedacht.
via tumblr
  • «Schau, R., du, Sandra, Timo und wahrscheinlich auch Jamie seid alle auf der Suche nach dem krassesten Smartphone, dass es gibt.»
  • «Vielleicht», lacht R. gezwungen.
  • «Und existiert das überhaupt?»
  • «Natürlich nicht. Wir sind geblendet. Jede halbe Woche kommt ein neues Gerät auf den Markt. Mit Features, die niemand braucht. Die, ich nicht brauche. Aber will. Ich habe seit drei Jahren dasselbe Handy. Es funktioniert, hat einen kleinen Riss am oberen Bildschirmrand. Aber das passt schon. Ich hatte seit Jahren keinen Digital-Prospekt mehr in den Fingern. Es läuft ja, mein Handy.»
  • «Eben.»

Noch bevor wir unseren Kaffee bezahlen, löscht R. alle drei Dating-Apps, die aneinander gereiht auf dem Dashboard seines Smartphones hocken. 

P.S. Das tat er natürlich nicht. Dafür ist R. viel zu stolz. Ich habe es ihm lediglich geraten. Was aus meinem Ratschlag wurde, erfahre ich frühestens in drei Monaten. 

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